hinge sein Leben davon ab. Erschrocken wich sie zurück. Doch damit war das Ganze
noch nicht beendet. Jetzt fing Professor Xynulaikaus an, gegen einen unsichtbaren
Gegner zu kämpfen. Er führte den Stift wie ein Schwert und kam dabei Hedwig
bedrohlich nahe, bis er sie schließlich packte und zu Boden riss. Dabei brüllte er. Nun
schrie auch Hedwig. Sie hatte es satt, dieses abgekarterte Spiel mitzuspielen und
wollte endlich wissen, was hier los war. „Professor Xynulaikaus!“, schrie sie entsetzt,
„Wachen Sie auf! Ich bin nicht der Einbrecher!“ Im nächsten Moment schlug sie mit
ihrem Kopf unsanft auf dem Boden auf. Doch das Schlimmste war, dass der
muskulöse Mann direkt auf ihr lag und sie festhielt. Sie kreischte, als er anfing, nach
ihr zu schlagen. „Hilfe!“, ihre Schreie hallten im ganzen Gebäudeteil wider. Sie
hoffte, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis ihr die anderen Lehrer zur Hilfe
eilen würden. Professor Xynulaikaus war total durchgedreht. Da schoss seine Faust
auch schon auf ihr Gesicht zu. Alles, was sie tun konnte, war, den Kopf wegzudrehen
und die Augen zusammenzukneifen. Dann spürte sie den dumpfen Aufprall, einen
stechenden Schmerz und das Blut an ihrer Lippe. Sie wimmerte. Die Augen hatte sie
immer noch fest zusammengepresst. Sie wollte sich gar nicht vorstellen, was
geschah, wenn der Kerl auf die Idee kam, sie ihr mit seinem Bleistift-Schwert
auszustechen. Da hielt der sich ständig windende und zappelnde Klotz auf ihr auf
einmal inne. Sie wusste nicht, wie, aber als sie wenig später die Augen wieder
aufschlug, kreuzte sich ihr Blick mit einem anderen, braunen Augenpaar, dass sie
bestürzt anblickte. Endlich war er wach! „Hedwig?“, seine Stimme war kratzig und
dünn und sein Blick wirr. Entsetzt rappelte er sich auf und blickte hektisch im
Zimmer umher. „Was habe ich Ihnen denn getan?“, jammerte Hedwig und rappelte
sich auf. Ihre Lippe blutete, aber sie war froh, als sie nach eingehender Untersuchung
feststellte, dass sie keinen einzigen Zahn verloren hatte. Doch statt ihr zu antworten,
stellte jetzt Professor Xynulaikaus eine Frage: „Von welchem Einbrecher sprichst
du?“, fragte er und scannte mit geballten Fäusten jeden Winkel des Raumes ab,
bereit, sich den Eindringling zu packen und ihn zu vermöbeln. Hedwig war jetzt
komplett verwirrt. „Na, ich dachte, das wüsste Sie.“, meinte sie perplex und starrte
den Lehrer mit großen Augen an. Dieser verzog befremdet das Gesicht und
wiederholte: „Ich?“, dann wurde sein Gesichtsausdruck auf einmal besorgt. „Was ist
dir denn passiert?“, fragte er und musterte Hedwig, „Hat dich dein Einbrecher so
zugerichtet?“ Das war zu viel für Hedwig. Jetzt explodierte sie. „Das waren Sie!“,
keifte sie und zeigte mit ihrem Finger anklagend auf Professor Xynulaikaus, „Ich lag
doch auch unter Ihnen eingequetscht, als sie endlich wach wurden!“ Nachdenklich
strich der Lehrer sich über seinen Dreitagebart. Dann schien er eine Entscheidung zu
fällen. Er schloss die Tür und bat Hedwig, sich neben ihn auf einen Stuhl zu setzen.
Dann betrachtete er sie forschend und fragte gelassen: „Also, was ist passiert?“
Hedwig schwieg. Sie konnte einfach nicht begreifen, was hier vor sich ging. Hatte
Professor Xynulaikaus denn gar nichts bemerkt? Nur, dass sie etwas von einem
Einbrecher geschrien hatte? Letztlich sah sie ein, dass es keinen Sinn hatte, weiter
darüber nachzugrübeln und fing an, die Ereignisse zu schildern. „Ich war im Gang
und habe plötzlich Schreie aus Ihrem Zimmer gehört.“, sagte sie, „Und dann“, sie
machte eine allumfassende Geste, „bin ich reingekommen und habe dieses Chaos
hier gesehen. Sie lagen zusammengesunken mit dem Kopf auf dem Tisch und ich
dachte, jemand hätte sie niedergeschlagen und Ihre Akten durchsucht, um etwas zu
klauen.“ Professor Xynulaikaus runzelte die Stirn. „Daran kann ich mich nicht
erinnern.“, sagte er matt, „Ich weiß nur, dass ich irgendwann während der Korrektur
der Griechisch Vokabeltests eingeschlafen sein muss.“ „Achso.“, meinte Hedwig
schnippisch und verschränkte die Arme vor der Brust, „Und warum räumen Sie dann
während des Schlafs Ihren ganzen Schreibtisch leer? Als ich Sie wecken wollte, sind
Sie auf einmal aufgestanden und haben mich mit Ihrem Bleistift da bedroht. Ich
glaube Sie dachten, er sei ein Schwert.“ Grimmig verzog sie das Gesicht. In
Professor Xynulaikaus´ Blick flackerte plötzlich so etwas wie eine Erkenntnis auf. Er
schluckte und schüttelte den Kopf. „Dann bin ich wohl über dich hergefallen, was?“,
fragte er leise. „Genauso war es.“, sagte Hedwig in einem Brustton der Überzeugung.
Professor Xynulaikaus stöhnte auf und murmelte etwas, das Hedwig nicht verstand.
„Wie bitte?“, fragte sie nach. „Ich habe schlecht geträumt.“, gab der Lehrer zu. Dann
fing er auf einmal an zu straucheln und seine Hände wurden feucht. „Ich… äh… es
tut mir wirklich leid, aber ich fürchte, so etwas passiert mir dann manchmal.“ „Heißt
das, Sie haben geschlafwandelt?“, fragte Hedwig verwundert. „So könnte man es
ausdrücken, ja.“, räumte Professor Xynulaikaus grimmig ein, „Aber bitte sag
niemandem etwas davon, ich komme damit schon zurecht.“ „Das sehe ich.“,
antwortete Hedwig brüsk. Nach einer Weile peinlichen Schweigens, in der der Lehrer
nur mit glasigen Augen und gekrümmtem Rücken vor sich hingestarrt hatte, fragte
Hedwig, bemüht, den neugierigen Unterton in ihrer Stimme zu unterdrücken: „Was
haben Sie denn geträumt?“ Professor Xynulaikaus Reaktion war heftig. Mit einem
Mal richtete sich sein entkräfteter, durchgeschwitzter Körper wieder zur vollen Größe
auf und er sagte laut und bestimmt: „Das geht niemanden etwas an.“ Dann
betrachtete er Hedwig und runzelte die Stirn. „Was machst du eigentlich hier?“
Hedwig kreuzte die Finger, presste die Beine zusammen und schwieg. In ihrer
rechten Hand hielt sie noch immer den Müllbeutel mit dem fliegenden
Terminkalender. Glücklicherweise winkte Professor Xynulaikaus kurz darauf ab.
„Ach, nicht so wichtig.“, meinte er, „Das, was hier heute passiert ist, bleibt unter uns,
ja? Ich kümmere mich jetzt um deine Wunden und dann gehen wir einfach wieder ins
Bett.“ Hedwig atmete erleichtert auf. Doch noch ein einziges Mal in dieser Nacht zog
sich ihre Eingeweide angstvoll zusammen. Nämlich, als Professor Xynulaikaus Blick
auf ihren Müllbeutel fiel. „Was macht denn Ernie da drin?“, rief er verwundert. Und
mit einem Handgriff war der Terminkalender wieder frei und flatterte aufgeregt in der
Gegend umher. „Oh, ist das Ihrer?“, fragte Hedwig peinlich berührt. Ihre Wangen
hatten sich hellrosa verfärbt. Professor Xynulaikaus nickte. „Hast du ihn mit deinem
verwechselt?“, fragte er, nicht ohne den skeptischen Unterton in seiner Stimme
verbergen zu können. Hedwig wusste, dass er ihr sowieso nicht glauben würde. Also
antwortete sie leichthin: „Tun wir einfach so, als ob.“ Professor Xynulaikaus verstand
und fragte nicht weiter. Nachdem er ihre blutende Wange mit einem Pflaster verklebt
und ihr etwas zum Kühlen für die aufgeplatzte Lippe gegeben hatte, fiel Hedwig
todmüde ins Bett.
Am nächsten Morgen wachte Hedwig zu ihrer Verwunderung noch vor Marie auf. Sie
hatte miserabel geschlafen. Sobald sie einen Blick in den Spiegel warf, stöhnte sie
auf. Links und rechst an ihren Schläfen, sowie überall an ihren Armen hatte sie blaue
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