ernst nehme, musst du mich nicht gleich beleidigen!“, rechtfertigte sich ihr Freund.
Hedwigs schnalzte unzufrieden mit der Zunge. „Das meinte ich nicht, du Pappnase.
Das ist das Wort, das da steht. Opfer.“ Leo verzog amüsiert das Gesicht. „Ist das
Graffiti, oder was? Die Typen, die das benutzen, schmieren doch auch oft
Schimpfwörter an die Wände.“ „Das ist kein Schimpfwort!“, zischte Hedwig ein
bisschen zu laut, sodass Professor Grünschnabel sich zu ihr umdrehte und sie streng
ansah. „Setzt dich bitte wieder zurück auf deinen Platz, Hedwig.“, sagte sie ohne
Umschweife. Hedwig seufzte, packte aber ihre Sachen zusammen und fügte sich.
Nicht aber ohne einen letzten Wortwechsel mit Jonas zu führen. „Das ist ja seltsam.“,
meinte er, „Warum steht auf der Tapete so ein Wort?“ „Keine Ahnung.“, Hedwig
zuckte mit den Schultern, „Wenn ihr wollt, könnt ihr es euch demnächst ja auch mal
angucken.“ Als sie sich mit einem lauten Plumpsen wieder neben Marie niederließ,
schenkte ihre Freundin ihr keine Beachtung. Aber nicht, weil sie zu sehr in ihre
Arbeit vertieft war, sondern vielmehr, weil sie aus den Augenwinkeln Naomi
beobachtete, die wie sie schon bei Station fünf angekommen zu sein schien. Um
ihren Mund herum bildete sich ein merkwürdiger Zug.
Endlich! Hedwig stöhnte leise auf. Dann schwang sie sich vorsichtig aus ihrem Bett
und suchte ihre beiden Hausschuhe zusammen. Es hatte eine halbe Ewigkeit
gedauert, bis Marie eingeschlafen war. Jetzt war es schon zehn. Normalerweise
schliefen sie um neun. Doch heute hatte Hedwig etwas Anderes vor. Auf
Zehenspitzen schlich sie zu dem Schrank, der in der Ecke stand und kramte ihren
Kescher sowie einen großen Müllbeutel daraus hervor. Heute Nacht würde sie sich
endlich um die Terminkalender kümmern. Zum allerersten Mal. Die von Leo und
Jonas hatte sie schon längst beseitigt. Nur bei Sternchen, dem von Marie, zögerte sie
noch. Sie hatte keine Ahnung, wie ihre Freundin auf das Verschwinden des
automatischen Tagesplaners reagieren würde. Sie war momentan sowieso ein wenig
durch den Wind. Den ganzen Tag lang war Marie ziemlich schweigsam gewesen.
Und jedes mal, wenn man sie darauf ansprach, hatte sie nur gereizt reagiert.
Anscheinend brauchte sie keine Hilfe. Oder sie wollte nicht. Hedwig wurde den
Verdacht nicht los, dass das alles etwas mit Naomi zu tun haben könnte. Die
bewohnte seit gestern gemeinsam mit Anna und Fabienne, zwei
Klassenkameradinnen, das Zimmer neben ihnen. Wahrscheinlich sah Marie in ihr so
etwas wie eine Rivalin. Hedwig grinste. Das würde sich auch wieder legen. Sobald
sie ihre Sachen beisammen hatte, öffnete sie vorsichtig die Tür und spähte in den Flur
hinaus. Dort war alles dunkel. Für einen Moment erinnerte Hedwig sich daran, wie es
gewesen war, als Herr Maschael noch hier war. Er war sowohl am Tage, als auch in
der Nacht pausenlos durch die Schule gegeistert, um abtrünnige Schüler aufzugabeln.
Gut, dass das jetzt vorbei war. Woran sie sich lieber nicht erinnern wollte, war, dass
das, was sie hier gerade tat, letztlich dazu diente, diesen Mann wiederzufinden. Aber
nein, sie tat das hier für Jonas. Für niemand anderen. Gedankenverloren zog sie die
Tür zu. Dabei ertönte ein mittellautes Klicken. Hedwig erschrak. Sie musste wirklich
vorsichtig sein. Langsam huschte sie hinunter in die Eingangshalle. Dort konnte sie
bereits die ersten Terminkalender umher flattern sehen. Resigniert stellte sie fest, dass
die kleinen Dinger sich in der Dämmerung noch besser verstecken konnten als
sowieso schon. Hedwig packte den Kescher fester. Dann ging sie entschlossen auf
einen der Terminkalender zu. Aber der flatterte so wild umher, dass sie es nicht
einmal schaffte, ihm mit den Bewegungen ihres Keschers zu folgen. Nach einer
halben Stunde gab sie es auf. Erschöpft, wütend und verschwitzt wie sie war, torkelte
sie den Gang entlang, an dessen Seiten sich die Büroräume der Lehrer befanden. Da
hörte sie ein Rascheln. Das konnte nur ein Terminkalender sein! Dich kriege ich!,
dachte sie und machte eine ruckartige Bewegung in Richtung des Geräuschs. Und
tatsächlich: als sie den Kescher wieder in das schummrige Licht der Fackeln hob,
erkannte sie, dass sich darin ein blaues Heftchen verfangen hatte! Schnell packte sie
es und beförderte es mit einem geschickten Handgriff in den Müllbeutel. Dann ging
sie weiter. Bis sie merkwürdige Geräusche aus einem der Büros vernahm. Sie schrak
zusammen. Was war das? Ein Einbrecher? Ein lauter Rums erklang, so als wäre
irgendetwas umgestoßen worden. Dann schepperte es. Dazu hörte man ein Stöhnen.
Hedwig blieb das Herz stehen, als sie das Namensschild las, das außen an der Tür
angebracht war. Professor Suro Xynulaikaus. Konnte es sein, dass der Einbrecher den
Lehrer überwältigt hatte? Oder konnte Professor Xynulaikaus nur nicht schlafen und
hatte es deshalb vorgezogen, sein Büro umzugestalten? Hedwig zögerte. Und klopfte
an der Tür. Erst zaghaft, dann deutlicher. Mit einem Mal war es still. Doch gerade als
Hedwig sich wieder abwenden wollte, gingen die Geräusche von neuem los. Es hörte
sich an, als würde da drinnen ein Kampf ausgeführt werden. Als sich dann auch noch
unterdrückte Schreie in die Geräusche des Chaos mischten, konnte Hedwig nicht
mehr an sich halten. Sie holte tief Luft und öffnete die Tür. Am liebsten hätte sie sie
danach sofort wieder zugeschlagen. Vor ihr lag Professor Xynulaikaus. Mit dem Kopf
auf dem Schreibtisch, die Hände krampfhaft um einen Bleistift geschlungen. Seine
Stirn war schweißnass und um ihn herum herrschte ein heilloses Chaos. Alles, was
sich einmal auf dem prall gefüllten Schreibtisch befunden hatte, lag jetzt daneben.
Zitternd versuchte Hedwig, in dem Raum einen anderen Menschen auszumachen.
Langsam trat sie ein. Das dämmrige Licht, dass den Raum durch die Fenster erhellte,
ließ alles irgendwie unwirklich erscheinen. Hektisch drehte sich das Mädchen von
einer Ecke zur anderen. Doch da war nichts. Der Einbrecher, oder wer auch immer
hier gewesen sein mochte, musste wieder verschwunden sein. Mit klopfendem
Herzen bewegte sich Hedwig auf Professor Xynulaikaus zu. Dabei strauchelte sie
und wäre fast über einen umgekippten Stapel Schreibhefte gefallen. Im letzten
Moment konnte sie sich auffangen und stand vor dem Lehrer. Sie lauschte. Einen
schrecklichen Moment lang konnte sie nichts hören. Kein Atmen, gar nichts. Doch
dann begann sich der Brustkorb des Lehrers langsam zu heben und zu senken.
Hedwig atmete auf. Dann fiel ihr ein, dass es wohl am besten wäre, das Licht
anzuschalten. Als sie dieses Mal über das Chaos aus Stiften, Heften und Büchern
hinweg stieg, rutschte sie aus und landete unsanft auf einem Buch mit
Hardcovereinband. Sie fluchte. Dann betrachtete sie Professor Xynulaikaus genauer.
Immer noch hielt er den Bleistift krampfhaft umklammert. Zögernd tippte sie ihn von
der Seite her an. Sie hoffte, dass er nicht verletzt war. Nachdem der Lehrer mehrere
Male nicht reagiert hatte, holte sie Luft, um ihn zu rufen. Doch statt dazu, gebrauchte
sie ihren Atem wenig später, um unterdrückt aufzuschreien. Sie hatte das Gefühl, die
Zeit würde mitsamt ihres Herzens stehen bleiben. Professor Xynulaikaus stand auf.
So ruckartig wie eine Marionette. Er schob den Stuhl beiseite und bewegte sich so
sicher, als sei er wach. Aber die Augen hatte er geschlossen. Im nächsten Moment
hatte Hedwig den Bleistift im Gesicht. Der Lehrer fuchtelte damit so wild herum, als
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