Aber jeder wusste, dass nicht alles gut war. Die politische Lage in Iria wurde immer
unübersichtlicher. Beinahe unkontrollierbar. Dasselbe Gefühl, das sie verspürt hatte,
als sie Jonas und den anderen ihre Meinung gesagt hatte. Sie hatte nicht anders
gekonnt. In ihrem Herzen war ein Gefühl gewesen, als würde sie gleich zerspringen,
so viel Wut und Trauer hatten sich darin angesammelt. Im Nachhinein war Marie
froh, ausgerastet zu sein. Das hatte raus gemusst. Alles war besser, als Ärger in sich
hineinzufressen. Weil der Ärger einen sonst nämlich selbst auffrisst.
Endlich Ruhe. Seufzend zog Leo sich die Hose hinunter und klappte den
Toilettendeckel nach oben, der mit einem kurzen Scheppern gegen den Spülkasten
knallte. Er setzte sich und stützte den Kopf auf die Hände. Der Tag war ereignisreich
gewesen. Heute morgen hatte er seine erste Stunde Hebräisch gehabt. Schon jetzt
fragte er sich, ob das wirklich das Richtige für ihn war. Jedes mal, wenn sein Blick
unverhofft auf sein Vokabelheft fiel, drehte sich ihm der Magen um. Er wusste beim
besten Willen nicht, wie er das alles in seinen Kopf hineinkriegen sollte. Diese
ganzen Zeichen und Laute machten einfach keinen Sinn. Er fühlte sich dumm.
Genauso wie heute Mittag beim Essen, als Jonas ihm stolz berichtet hatte, sowohl ein
Lob von seinem Lehrer als auch von Marie bekommen zu haben. Niemand hätte ihm
zugetraut, dass er mit dem Griechischen klarkam. Besonders nicht Marie. Aber heute
hatte sie erstaunt zugeben müssen, dass Jonas in schulischen Dingen wohl doch nicht
so dumm war, wie sie gedacht hatte. Leo aber fühlte sich deshalb jetzt wie der letzte
Depp. Er stöhnte, zupfte eine Schlange Klopapier von der Rolle und knüllte sie
achtlos zusammen. Dann zielte er damit auf das Waschbecken. Und traf. Wenigstens
das ging heute nicht schief. Da unterbrach ein Rascheln seine Gedankengänge.
Wahrscheinlich das Klopapier. Aber immerhin wurde sein Kopf jetzt langsam wieder
klar für die wirklich wichtigen Dinge. Jonas, Hedwig und er hatten sich heute noch
einmal getroffen, um nach großem Hin- und Her endlich einen Plan auszuhecken, um
an Herrn Maschaels Akte zu kommen. Den Einbruch würden die beiden Jungen
allein erledigen. Leo wurde mulmig zumute, als er an dieses Wort dachte. Einbruch.
Er wollte das eigentlich nicht. Aber letztlich war ihm klargeworden, dass er Jonas
nicht im Stich lassen konnte. Schließlich waren sie Blutsbrüder. Der eine durfte den
anderen nicht hängen lassen, egal, wie dämlich eine Idee auch sein mochte. Hedwig
hatte sich ihnen nur zögerlich angeschlossen und geklagt, dass sie ein schlechtes
Gewissen habe bei dem Gedanken, Marie anlügen zu müssen, wenn sie ihnen half.
Zum Schluss hatten sie den Kompromiss geschlossen, Hedwig nur indirekt an der
Sache mitarbeiten zu lassen. Sie würde sich um die alles beobachtenden
Terminkalender kümmern und sie einfangen. Wie, das wusste noch keiner von ihnen.
Aber Hedwig war clever. Die würde das schon hinkriegen. Leo grinste bei der
Vorstellung, wie sie mit einem Kescher bewaffnet durch die Schule schlich und die
kleinen Heftchen einfing… und erschrak zu Tode. Über ihm raschelte es schon
wieder. Da war etwas. Erschrocken richtete er seinen Blick zur Decke. Direkt über
ihm flatterte Sigor. Leo fluchte. Ausgerechnet der! Zum Glück hatte er nicht laut
gesprochen. Diese fliegenden Teilchen waren ihm irgendwie unheimlich. Aber
immerhin hatte sich durch den Schrecken sein Magen von ganz allein entleert. Jetzt
brauchte er keine Angst mehr vor einer Verstopfung zu haben. Dennoch: Was um
alles in der Welt machte Sigor auf seiner Toilette? Hatten die fliegenden Dinger denn
nicht mal das bisschen Respekt vor seiner Privatsphäre? Leo stand auf, grapschte mit
einer Hand nach dem erschrockenen Terminkalender und riss mit der anderen die Tür
auf. Dann katapultierte er das wild mit den Flügeln um sich schlagende Ding hinaus.
Direkt in Jonas verwirrtes Gesicht. „Was?“, raunzte Leo nur und schlug die Tür
wieder zu. Aber eines war ganz sicher: nächstes Mal, wenn er etwas rascheln hörte,
würde er sofort seine Hose hochziehen.
Nero fühlte sich großartig. Mit jedem Atemzug der spätsommerlichen Luft, die er
einatmete, wurde sein Rücken gerader, seine Schultern härter und der Ausdruck in
seinen Augen stählerner. Tief in seinem Innern konnte er nicht anders, als über sich
selbst den Kopf zu schütteln. Nero, du bist zu leichtsinnig. Doch jetzt wollte er nichts
Anderes, als darüber zu lachen. Was für eine Ironie des Schicksals. Er war auf dem
Weg zu einer Beerdigung. Tilo hieß der arme Strolch, den es getroffen hatte. So
meinte er zumindest, es gehört zu haben. Er war bei lebendigem Leibe zerfetzt
worden. Gerne hätte Nero ihn auf dem Tisch des Gerichtsmediziner betrachtet. Er
fand, das war irgendwie echter. In der kalten, sterilen Umgebung der Gerichtsmedizin
war das hämische Lächeln des Todes viel deutlicher. Und die Verwundungen auch.
Schließlich wollte Nero sich auf seinen Einsatz top vorbereiten. Und da half es ihm
äußerst wenig, einen Blick auf seinen Vorgänger zu werfen, während dieser mit
einem friedlichen Ausdruck auf dem Gesicht, die Hände gefaltet und die
Verletzungen so gut wie möglich retuschiert, in einem Sarg lag. Aber das hier war
immerhin besser als gar nichts. Mit weit ausholenden Schritten überquerte Nero die
Straße der kleinen Stadt, in der die Beisetzung stattfinden würde. Schon von weitem
hörte er die Klänge. Wenn er sich nicht täuschte, war es eine elektronische Orgel
und… Geigen. Für eine Beerdigung also perfekt. Noch bevor er das kleine, weiße Tor
zum Friedhof aufreißen konnte, wusste er schon, dass er zu spät kam. Die anderen
Trauergäste waren bereits alle versammelt. Dort standen sie in Reih und Glied und
schauten andächtig gen Himmel. In Neros Unterbewusstsein fing etwas an, sich zu
regen. Er selbst ließ lässig die Sonnenbrille auf seine Nasenflügel fallen und
schlenderte langsam auf die kleine Gemeinschaft zu. Jetzt waren die Leute alle viel
zu sehr damit beschäftigt, dem Pastor zuzuhören, als dass sie ihn hätten beachten
können. Er stellte sich einfach ganz hinten an. So weit wie möglich von dem Podium
entfernt. Das würde ihm genügen. Nur einen kurzen Blick in den Sarg wollte er
später werfen. Eine schöne Idee, die Gedenkfeier im Freien stattfinden zu lassen,
fand er. Doch noch etwas fiel ihm auf. Während er die Gäste um sich herum während
der irre langen Predigt aufmerksam musterte, wurde ihm bewusst, dass die meisten
von ihnen bunt trugen. Orange Oberteile, blaue Hosen und gelbe Halstücher drängten
sich in sein Blickfeld. Dazu unterschiedlich farbene Strümpfe. Als er die junge Frau
mit den orangen Haaren vor sich betrachtete, musste er grinsen. Pippi Langstrumpf.
Doch dann erforderte wieder das Geschehen weiter vorn seine Aufmerksamkeit. Der
Gedenkgottesdienst war zu ende und nun drängten sich die Gäste nacheinander nach
vorn, um sich ein letztes Mal von ihrem Familienmitglied oder Bekannten zu
verabschieden. Nero ließ sich in dem Strom einfach mitreißen. Als er nur noch
wenige Meter vor dem Körper des Mannes stand, wegen dem er hier war, fiel sein
Blick auf ein Mädchen in einem weißen Kleid. Sie wirkte wie eine junge Braut, doch
dazu passte der Ausdruck auf ihrem Gesicht nicht. Ihre hellen, braunen Augen
starrten mit unterdrückter Pein ins Leere und ihre Wangen waren benetzt von einem
Gitter aus glitzernden Tränen. Für einen Moment vergaß Nero alles um sich herum
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