schlecht das Essen in der Krankenstation war, bis aus Hedwig herausplatzte: „Habt
ihr euch eigentlich schon mal mit den neuen Fünftklässlern unterhalten?“ Die
anderen schüttelten den Kopf und warteten gespannt darauf, den Grund für Hedwigs
Frage zu erfahren. „Die sind so wahnsinnig respektlos!“, schoss es in diesem
Moment unkontrolliert aus ihr hervor, „Ein halbes Dutzend von denen hat sich in der
Chor AG angemeldet und seitdem überlege ich ernsthaft, ob ich mich einfach wieder
abmelden soll. Da sind zwei Jungen drin… die sind einfach nicht zum Aushalten! Die
ganze Zeit reden sie dazwischen und statt vernünftig mitzusingen, werfen sie sich
gegenseitig mit benutzten Kaugummis ab! Und die Mädchen sind auch nicht viel
besser. Allein schon wie die rumlaufen...“ Unvermittelt stockte Hedwig, als sie Leos
skeptischen Blick sah, der gerade auf ihr ruhte. „Lästerst du gerade?“, fragte er
vorwurfsvoll. Hedwig wurde rot. „Ich...“, sie wand sich, „naja, eigentlich weiß ich ja
gar nicht, ob alle von denen so sind. Aber wenn wir die mit uns vergleichen, dann...“
„Entdecken wir wahrscheinlich mehr Ähnlichkeiten, als uns lieb ist!“, führte Marie
den Satz lachend zu ende, „Wir waren doch früher genauso. Erinnerst du dich nicht
an den Tag, an dem Mino und Achmed faule Eier in die Klos geschüttet haben?“
„Mann, hat das gestunken!“ Jonas kicherte schelmisch. „Irgendwie war es auch
witzig. Besonders, weil sie es auf der Mädchentoilette gemacht haben und dann von
Professor Grünschnabel dabei erwischt wurden.“ Hedwig verzog beleidigt das
Gesicht und reckte stolz ihre Nase in die Höhe. „Was die beiden betrifft, magst du ja
Recht haben.“, posaunte sie, „Aber ich fand die Streiche der Jungen schon damals
eklig. Und wir Mädchen sind ganz bestimmt nicht so wie die neuen
Fünftklässlerinnen!“ „Da wär ich mir nicht so sicher.“, schmunzelte Leo, woraufhin
Hedwig die Arme vor der Brust verschränkte und schwieg. Dabei machte sie nicht
gerade den glücklichsten Eindruck. „Ach, Hedwig!“, Marie verdrehte die Augen, als
sie ihre Freundin so sah, „Reg dich doch nicht über die auf. Ändern kannst du eh
nichts!“ „Aber ich habe nicht gelästert.“, beharrte Hedwig stumpf und starrte bockig
auf ihre Fußspitzen, „Alles, was ich gesagt habe, entspricht der Wahrheit.“ „Der
Wahrheit, wie du sie siehst.“, korrigierte Marie milde, „Ich verstehe ja, dass die
Kleinen dich nerven, aber wir müssen eben auch versuchen, mit Menschen
klarzukommen, mit denen wir uns nicht so gut verstehen.“ „Und wie soll das
gehen?“, fragte ihre Freundin schmollend und mit vorgezogener Kinnlade. Die
anderen schwiegen einen Moment lang. Dann machte Leo einen Vorschlag: „Indem
du anfängst, sie zu sehen, wie Gott sie sieht. Er sieht in ihnen mehr als nur die
kleinen, nervigen Kröten, die das ganze Schulleben auf den Kopf stellen. Und vergiss
nicht, dass wir auch nicht immer einfach sind.“ Hedwig schien tatsächlich besänftigt.
Ihr Gesichtsausdruck entspannte sich und sie setzte sich auf die Kante von Jonas
Bett. Als sich die Federn der Matratze unter ihrem Gewicht bogen, quietschte es. „Es
gibt da etwas, über das ich mit euch reden möchte.“, Jonas belegte Stimme zerriss die
anfängliche Stille. Maries erster Reflex, auf seine Ankündigung zu reagieren, war ein
gestöhntes: „Oh nein!“, was sie aber glücklicherweise unterdrückte. Innerlich
schüttelte sie den Kopf. Was war denn jetzt wieder mit Jonas los? Leo und Hedwig
schienen weniger abweisend über das zu denken, was ihrem Freund auf dem Herzen
lag. „Was ist denn?“, fragte Leo ruhig und beugte sich zu Jonas vor. Dieser presste
angestrengt die Lippen zusammen. Es kostete ihn sichtlich viel Überwindung, das zu
formulieren, was jetzt kam. Als Erstes wollte er seine Freunde angemessen darauf
vorbereiten. „Ich weiß ja, wie ihr darüber denkt, aber...“, stammelte er. Doch dann
fuhr er entschlossen fort. Er würde das durchziehen. Mit oder ohne seine Freunde.
Das war beschlossene Sache. Andererseits… er musste ja nicht mit der Tür ins Haus
fallen. Was machte es schon, wenn er seine Freunde nur Schritt für Schritt in seinen
Plan einweihte? „Wie Leo eben schon gesagt hat, kann man anfangen, die anderen
Menschen mit Gottes Augen zu sehen. Das bedeutet, man sieht zwar das Schlechte,
aber auch all die Stärken und vielleicht auch die Gründe, warum sich eine Person
komisch verhält. Und im allerbesten Fall kann man sogar anfangen, jemanden
wertzuschätzen, obwohl andere in ihm einen Verbrecher sehen.“ Langsam wurde
seinen Freunden klar, worauf Jonas hinaus wollte. Marie sog scharf Luft ein, Hedwig
presste besorgt die Lippen zusammen und auf Leos Gesicht machte sich ein hilfloser
Ausdruck breit. Aber noch wagte niemand, Jonas zu unterbrechen. „Ich möchte
wieder Kontakt zu meinem Vater haben.“, sagte er, „Das müsst ihr doch verstehen.“
Bittend schaute er von einem Freund zum anderen. Keiner reagierte. Schließlich stieß
Leo scharf Luft aus und sagte so vorsichtig wie möglich: „Du weißt ja, wie wir
darüber denken. Aber selbstverständlich ist es deine Entscheidung, ob du mit ihm
wieder etwas zu tun haben willst. Die Frage ist nur: Wie willst du an ihn
herankommen? Und wie sollen wir dir dabei helfen?“ Schnell fuhr Jonas sich mit der
Zunge über die spröden Lippen. Das war gut. Sehr gut. „Ihr könntet zum Beispiel
Nachforschungen über ihn anstellen.“, schlug er vor, „Leute befragen, Zeitung
lesen… was weiß ich. Hauptsache, ihr haltet die Augen offen und ich weiß, dass ihr
auf meiner Seite seid.“ „Und du meinst wirklich, dass wir damit weiter kommen?“,
fragte Hedwig und hob zweifelnd eine Augenbraue. „Früher oder später sicherlich.“,
meinte Jonas und versuchte, optimistisch zu klingen, „Es kann Jahre dauern, aber
irgendwann werden wir wissen, wo er sich aufhält. Dann kann ich ihm wenigstens
einen Brief oder so etwas schreiben. Allerdings gäbe es da noch eine andere
Möglichkeit, an ihn heranzukommen. Das würde auch deutlich schneller gehen.“
Sein Tonfall hatte jetzt etwas Verschwörerisches an sich. Alle außer Marie hingen wie
gebannt an seinen Lippen. „Im Büro von Professor Ferono muss noch irgendwo eine
Akte über ihn zu finden sein. Immerhin war er hier Lehrer! Und vielleicht können
wir unter Tyras persönlichen Sachen auch noch etwas von ihm finden...“ Noch ehe er
seinen Redefluss stoppen konnte, merkte er schon, dass er zu weit gegangen war. „Du
willst in den Sachen deiner Tante herumschnüffeln? So etwas hätte ich echt nicht von
dir erwartet! Als ob du ihr nicht vertrauen könntest!“ Aus Maries sonst so klaren,
abgeklärten grauen Augen stoben wilde Funken. „Ich will dir jetzt mal sagen, was ich
von deinem Plan halte: nichts! Absolut nichts! Wenn du meinst, du musst deinem
Vater unbedingt einen Brief schreiben, bitte. Hindern kann ich dich sowieso nicht
daran. Aber ich werde dich ganz bestimmt nicht noch dabei unterstützen!“ Innerhalb
weniger Sekunden verrauchte die Wut, die den gesamten Raum in sich eingehüllt
hatte und machte Traurigkeit und dem Gefühl von Ohnmacht Platz. „Ich kann das
einfach nicht!“, Maries Stimme war immer noch kraftvoll, aber jetzt fast weinerlich,
„Irgendwie kann ich nachvollziehen, wenn du wieder Kontakt mit deinem Vater
haben willst, aber… Du kannst doch von uns nicht erwarten, dass wir dich dabei
unterstützen! Dieser Mann hat Menschenleben auf dem Gewissen! Und Leo und mir
Читать дальше