Mit einem grimmigem Gesicht, dass seine eisige Laune demonstrativ zur Schau
stellte, knipste er die Lampe wieder aus. Die brauche ich jetzt wohl nicht. Dann stand
er wankend auf und torkelte ein paar Schritte bis zum Fenster. Draußen schien die
Sonne. Hell und klar. Aber in seinem Kopf war es neblig und goss in Strömen. Er
konnte sich an alles erinnern. Zumindest an das, was wichtig war. Er würde sich für
bestimmte Dinge einsetzten müssen, wenn er nicht abgesetzt werden wollte. Was das
für Dinge waren, wusste er selbst nicht genau und warum die Anliegen diesen Leuten
so wichtig waren, war ihm schleierhaft. Aber er würde sein Versprechen halten. Ganz
bestimmt. Die Tür quietschte. Noch während Eljosch sich umdrehte, bereute er es.
Vor ihm stand Kristina, die kastanienbraunen Haare ordentlich hochgesteckt und in
blütenweißer Bluse, aber dafür mit hektischen roten Flecken auf den Wangen und
einem so vorwurfsvollem Ausdruck in den Augen, dass selbst ein völlig
Unbescholtener bei diesem Anblick ein schlechtes Gewissen bekommen hätte. Doch
anscheinend sah Eljosch noch ausgezehrter aus als sie. In Kristinas Blick mischte
sich jetzt noch etwas anderes. „Du siehst schrecklich aus.“, stellte sie fest und
musterte ihn besorgt. Eljosch antwortete nicht, sondern musterte sie mit finsteren
Blicken. Daraufhin unterließ sie es, ihm eine Gardinenpredigt zu halten und bot ihm
an, erst einmal seine Wunden zu versorgen. Während sie dasaßen, zwischen
aufgewühlten Kissen und einer verschütteten Cornflakespackung, fragte sie dann
doch. „Bist du überfallen worden?“ Ihr Blick wanderte von der Wunde, die sie gerade
behandelte, zu Eljoschs Augen und dann wieder zurück zur Wunde. „Kann man wohl
sagen.“, brummte dieser abweisend. Kristina schwieg. Doch dann platzte es wider
Willen aus ihr heraus. „Es sieht nicht gut für dich aus. Die einzige Möglichkeit, deine
Patzer wieder geradezubiegen, wäre, ein paar sehr einflussreichen Leuten die Zehen
zu lecken und sich auf ihre Vorschläge einzulassen. Aber das willst du doch nicht,
oder?“ „Ich muss.“ Eljoschs Stimme klang so hart, dass seine engste Vertraute
erschrocken zurückzuckte.
Weiß. Warum nur sind Krankenstationen immer blütenweiß? Mit diesem Gedanken
drehte sich Jonas von einer Seite auf die andere. Das heißt: er versuchte es. Aber mit
dem eingegipsten Arm, doppelt so schwer wie seine immer noch prall gefüllte
Süßigkeitentüte, die jetzt unberührt neben seinem Bett lag, gelang ihm das nicht. Er
stöhnte. Das war jetzt schon das fünfte Mal, dass er es versuchte. Er hasste
Krankenhäuser. Es war immer dasselbe. Man wurde eingeliefert, dann durfte man
sich nicht bewegen und wenn man nach langer Haft endlich wieder freikam, wurde
einem auch noch verboten, Bibelkicker zu spielen. Er kannte sich aus mit
Verletzungen. Im letzten Schuljahr war er während des Bibelkicker Turniers in
Sinistro umgekippt. Und hatte sich seitdem fest vorgenommen, so schnell nicht
wieder ins Krankenhaus zu müssen. Tja, Pech gehabt. Er starrte auf die Decke über
sich und versuchte mit Hilfe seiner Fantasie angestrengt, irgendwelche Bilder an
diese so langweilige Wand zu projizieren. Nachdem der imaginäre Stöpsel in seinem
Kopf gezogen war, kamen die Bilder wie von selbst. Viel zu schnell und zu real. Und
viel zu schrecklich. Er kannte diese Bilder, hatte die Szenarien seit letztem Winter
tausend mal neu durchlebt. Er wollte nicht mehr. Ihm war das alles überdrüssig. Da
war Chilas Hand. Die Hand seiner Schwester, die die Seine nicht ergreifen wollte, um
sich vor dem sicheren Tod zu retten. Als Nächstes kam da das Messer, das sie
hasserfüllt in seine Hand gerammt hatte. Noch heute erinnerte ihn eine Narbe daran.
Als wenn er diesen Tag jemals vergessen könnte! Und am schlimmsten war der
Ausdruck in Chilas Augen, als sie von dem Felsen viel. Hass. Pure Verachtung und
dahinter alles ergreifende Leere. Zum tausendsten Mal fragte er sich, ob das alles
seine Schuld war. Doch wie hätte er es verhindern können? Plötzlich fingen die
Bilder in Jonas Kopf an, sich zu drehen. Und er begann zu zittern. Unvermittelt
erschienen da Bilder von Ulrügio, dem ehemaligen Hauptquartier des „Schlüssels der
Macht“ und im nächsten Augenblick spürte er den Atem der grässlichen
Riesenschlange hinter sich, die dort gehaust hatte. Ihm wurde schlecht bei dem
Gedanken, dass Seres sich dort wohl irgendwo noch befinden musste. Zwar konnte er
jetzt keine Gestalt mehr annehmen, aber allein die Vorstellung, dass es ihn gab, ließ
Jonas Herz einen Moment lang aussetzen. Er wollte das nicht mehr sehen. Wollte
nichts mehr spüren. Mit dem gesunden Arm zog er sich die dicke Bettdecke so weit
wie möglich über den Kopf. Dass es draußen 30 Grad warm war, machte ihm nichts
aus. Ihm war eiskalt. Er versuchte, sich den Schrecken von der Seele zu weinen. Die
Trauer. Die Selbstvorwürfe von damals, die ihn sein ganzes Leben lang verfolgen
würden. Doch es kam nichts. Keine Tränen, nichts. Stattdessen nur gähnende Leere.
Was hatte dieses Leben für einen Sinn?
Das Bett quietschte, sodass Marie fürchtete, es könne selbst unter einem
Fliegengewicht wie ihr einbrechen. Sie hatte sich neben Hedwig gesetzt, die sich mit
geschlossenen Augen an die Wand gelehnt hatte. Ihre Schultasche hatte sie zuvor
achtlos in eine Ecke des Raumes gepfeffert. Hausaufgaben konnten warten. Das fand
sogar Marie. Sie hatte sowieso keine Lust, sich jetzt mit irgendwelchen Zahlen und
Buchstaben zu quälen, während ihre Gedanken zehn Kilometer weit von der
eigentlichen Aufgabe entfernt waren. Im Matheunterricht hatte sie sich heute kein
einziges Mal gemeldet. Das war auch ihrer Freundin aufgefallen und wäre sie selbst
nicht genauso mies drauf gewesen, hätte sie diesen Tag im Kalender rot angestrichen.
Der Tag, an dem Marie sich nicht gemeldet hat. Nicht einmal dieser Gedanke konnte
die beiden Mädchen jetzt aufheitern. „Lass uns nachher bei Jonas vorbeischauen.“
Maries Stimme klang nach, ohne, dass eine Antwort kam. Sie glaubte schon, Hedwig
sei eingeschlafen, aber nach ein paar Sekunden kam doch eine Reaktion. Hedwig
öffnete die Augen, bedeutete Erwin, aufs Bett zu springen und nickte. Das hätte sie
lieber nicht tun sollen, denn das marode Gestell hatte schon Schwierigkeiten, zwei
Sechstklässlerinnen gleichzeitig zu tragen. Der Sprung des schwarzen Hundes, der
schwanzwedelnd und mit einem Satz auf der Matratze landete, zog ein lautes
Krachen nach sich. Erschrocken sprang Marie auf und machte Anstalten, den
Schaden zu begutachten. Doch Hedwig winkte mürrisch ab. „Bestimmt ist eh nur
eine Latte gebrochen.“, sagte sie, „Das bedeutet, dass ich noch vierzehn heile Latten
übrig habe.“ „Vierzehn?“, Marie schaute sie verdattert an, „Also unter meinem Bett
sind sechzehn.“ Über Hedwigs Gesicht huschte tatsächlich ein Grinsen. „War ja klar,
dass du das wieder so genau weißt.“, sagte sie. Dann fügte sie leichthin hinzu: „Ich
hatte auch mal sechzehn, aber das hier ist ja nicht das erste Mal, dass Erwin auf mein
Bett springt.“ Marie schüttelte ungläubig den Kopf. Dann nahm sie das Risiko in
Kauf, mitsamt Erwin, Hedwig und dem quietschend protestierendem Bett
einzukrachen, und zwängte sich neben Hedwigs Haustier auf die Matratze. Wenn
Marie sich nicht täuschte, war Erwin in den Sommerferien tatsächlich noch ein Stück
gewachsen und wenn es nach ihm gegangen wäre, hätte er das gesamte Bett für sich
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