allein beansprucht. „Wann wollen wir denn zu Jonas?“, fragte Marie, um wieder auf
ihr Anliegen zurückzukommen, „Jetzt gleich?“ Hedwig öffnete den Mund, um etwas
zu erwidern, doch kaum hatte sie Luft geholt, wurde sie von einem lauten Rascheln
unterbrochen. Gundula und Sternchen, die beiden fliegenden Terminkalender, kamen
pflichtbewusst auf sie zu geflattert und wiesen sie im monotonen Einvernehmen
darauf hin, dass in einer Viertelstunde die AGs beginnen würden. Hedwig stöhnte auf
und sagte ironisch: „Mann, hab ich eine Lust, gleich noch zu singen!“ Marie
kommentierte kopfschüttelnd: „Ich verstehe sowieso nicht, warum du dich dieses
Jahr wieder für die Chor AG eingetragen hast.“ „Na, meinst du es macht mir mehr
Spaß, mit einem Trainingsschwert in der Luft herumzufuchteln?“, antwortete ihre
Freundin heftig. Marie schwieg. Statt etwas zu erwidern, musterte sie aus den
Augenwinkeln Gundula und Sternchen. Gundula hatte sich erneut demonstrativ vor
Erwins Schnauze gesetzt, weil sie genau wusste, dass der Hund Ärger kriegen würde,
wenn er ihr etwas tat. Und Sternchen saß auf Maries der Tür zugewandten Schulter
und beobachtete ihre Kollegin mit einem beleidigtem Flügelrascheln. Das bildete
Marie sich zumindest ein. In Wahrheit hatten diese Terminkalender bestimmt gar
keine Persönlichkeit. Aber irgendwie schien es ihr so, als säße hinter den Floskeln,
die sie tagtäglich von sich gaben, doch etwas Lebendiges. Nun fiel auch Hedwigs
Blick auf die beiden Heftchen. Ihr Mund verzog sich unheilvoll. „Irgendwie habe ich
das Gefühl, dass dein Sternchen etwas gegen mich hat.“, sagte sie und musterte
besagten Terminkalender, der sich wie zur Bestätigung ihrer Aussage von Maries
Schulter in die Lüfte erhob und in eine andere Ecke des Raumes flog. „Siehst du.“,
kommentierte Hedwig. „Ach was.“, Marie winkte ab, „Lass uns jetzt lieber zu Jonas
gehen.“ Doch daraus wurde nichts. Im nächsten Moment war das ganze Zimmer
erfüllt von hohem Gemurmel. Die beiden Terminkalender riefen immer wieder, dass
in zehn Minuten die AGs anfingen und regten sich scheinbar darüber auf, dass die
beiden Mädchen ihren Worten keine Beachtung schenkten, bis Hedwigs Nerven
schließlich blank lagen und sie brüllte: „Ja! Ist ja gut! Wir gehen zu den AGs!“
Danach war es augenblicklich still. „Meine Güte.“, flüsterte Marie, „Das sind ja die
schlimmsten Nervensägen überhaupt. Gut, dass wir gleich von hier verschwinden.“
Sie hoffte nur, dass die Terminkalender ihre Worte überhört hatten.
Marie war ganz in ihrem Element. Sie hatte sich aufgewärmt, ihre Muskeln waren
geschmeidig und auf ihrer Stirn bildeten sich langsam kleine Tropfen. Sie wirbelte
herum. Hinter ihr stand Professor Xynulaikaus. Mit erhobener Waffe. Die Spitze auf
ihre Brustkorb gerichtet. Sie ließ sich nach hinten fallen und riss das Schwert nach
oben, um den Schlag zu parieren. Es gelang ihr. Aber der Feind gönnte ihr keine
Pause. Wieder standen der Lehrer und sie sich gegenüber. Die Augen konzentriert auf
die des anderen gerichtet. Angespannt und in der Erwartung, jeden Moment einen
Angriff parieren zu müssen. Lauernd machten sie ein paar Schritte im Kreis. Dann
schlug er zu. Es ging sehr schnell. Marie hatte keine Chance. Verzweifelt versuchte
sie, mit ihrem Schwert herumzuschwenken und den Schlag abzuwenden. Ihre Finger
klammerten sich fester denn je um den Griff. Kurz darauf glitt er einfach so aus ihrer
Hand. Das Schwert fiel und ihr gegenüber stand mit siegessicherem Blick der
Gegner.
Professor Xynulaikaus hatte es ihr schon hundertmal gesagt. Sie machte immer ein
und denselben Fehler. Verärgert stellte Marie ihr Trainingsschwert zurück ins Lager.
Wieder hatte ihr Trainer sie besiegt. Und das nur, weil sie es wieder einmal verpatzt
hatte, aufmerksam zu sein. Na toll. Doch Professor Xynulaikaus, der Leiter der
Schwertkampf AG, schien das ganz anders zu sehen. Grinsend kam er auf sie zu und
klopfte ihr auf die Schulter. „Gut gemacht.“, sagte er anerkennend, „Du wirst von
mal zu mal besser. Du lernst wirklich schnell.“ Marie winkte, immer noch
unzufrieden mit sich selbst, ab. Dann fragte sie: „Wo haben Sie es eigentlich gelernt,
so zu kämpfen?“ Professor Xynulaikaus Züge wurden auf einmal angespannt. Er
wand sich. „Das ist eine lange Geschichte.“, presste er schließlich hervor, „Ich will
nicht darüber reden.“ Mit diesen Worten wandte er sich ab und ließ sie stehen. Marie
war verwirrt. Bis jetzt hatte sie immer damit gerechnet, dass ihr Lehrer das Kämpfen
in der Schule gelernt hatte, genauso wie sie. Aber anscheinend verbarg sich hinter
seinen Fähigkeiten etwas ganz anderes. Erschöpft strich sich Marie ein Haar aus der
Stirn. Es hatte keinen Zweck, sich weiter darüber Gedanken zu machen. Sie griff
nach ihrer Wasserflasche. Doch ehe sie einen gierigen Zug nehmen konnte, vernahm
sie ein leises Rascheln von oben her. Entgeistert sah sie, wie sich ein Dutzend
Terminkalender hinter einen Dachbalken quetschten, emsig darauf bedacht, nicht
gesehen zu werden. Marie blieb die Luft weg. Sie war sich ganz sicher, dass unter
ihnen auch Sternchen war. Sie spürte es. Aber was hatten die fliegenden Dinger hier
zu suchen? War man denn nirgends mehr sicher vor ihnen?
Einer nach dem anderen kamen sie herein. Jonas freute sich, sie zu sehen. Endlich.
Draußen war es schon dunkel. Sie hatten sich ganz schön Zeit gelassen bis zu ihrem
Besuch. „Hi, Jonas.“, Leo grinste und ließ sich auf einem Stuhl neben dem Bett
nieder, „Wie geht’s dir?“ „Wir konnten leider nicht eher kommen, weil wir AGs
hatten und unsere Terminkalender uns gekillt hätten, wenn wir da nicht hingegangen
wären.“, erklärte Hedwig. „Die folgen einem echt überall hin.“, erboste sich Marie.
„Echt?“, Jonas machte ein langes Gesicht, „Ich habe meinen heute noch kein einziges
Mal zu Gesicht bekommen.“ „Du Glücklicher.“, seufzte Leo, „Schön übrigens, dass
du wieder mit mir redest.“ Das war Jonas jetzt peinlich. Er wusste nicht, ob er sich
für seine Wortkargheit entschuldigen sollte. Doch Marie nahm ihm die Entscheidung
ab, indem sie ihn aufforderte: „Jetzt erzähl doch mal endlich! Was genau ist da
draußen in Miniklu passiert und wie geht es dir?“ „Ach, mir geht es schon wieder
ganz gut.“, meinte Jonas, „Dummerweise darf ich in der nächsten Zeit keinen Sport
machen.“ Schmollend deutete er auf seinen eingegipsten Arm. Hedwig runzelte die
Stirn. „Bist du Links- oder Rechtshänder?“ „Rechtshänder.“, antwortete er, woraufhin
seine Freundin stöhnte: „Och nein! Heißt das, dass wir dann für dich im Unterricht
mitschreiben müssen, oder was?“ „Wie bitte?“, Jonas sah sie verdutzt an. Er kapierte
mal wieder nichts. „Na, du kannst mit dem gebrochenem Arm doch nicht schreiben.“,
halft Marie ihm auf die Sprünge. Für die Wirkung dieses Satzes hätte sie sogar in
Kauf genommen, ein ganzes Schuljahr lang den Unterrichtsstoff für ihren Freund
mitschreiben zu müssen. Ein kindliches Strahlen lief über Jonas Gesicht, das den
schwermütigen Ausdruck, der seit dem Anfang dieses Schuljahrs auf ihm gelastet
hatte, endlich vertrieb. Jonas war anscheinend wieder ganz der Alte. „Daran habe ich
ja noch gar nicht gedacht!“, rief er begeistert, „Juchhu, keine Hausaufgaben!“ „Von
wegen.“, Hedwig schnaubte, „Wenn ich der Lehrer wär, würde ich dich den Stoff
schön nacharbeiten lassen.“ Sie unterhielten sich noch eine ganze Weile darüber, wie
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