ermittelt, der tot am Rand des dunklen Waldes gefunden worden war und war dabei
auf den Tumult gestoßen. Hoffentlich hatte er seine Kollegen informiert… „Zeig mir
deine Hände und steh langsam auf.“ Jonas gehorchte. Sobald er auf den Beinen stand,
durchzog ihn ein stechender Schmerz. Verwundert schaute er an sich hinunter, um die
Ursache dieser Qual zu entdecken. Da fiel sein Blick auf seinen linken Arm. Er war
an einer Stelle rot angelaufen und sah irgendwie unnatürlich verdreht aus. Jonas
schluchzte. Das war alles zu viel für ihn. Er wollte nach Hause. Inspektor Flammberg
begriff und senkte langsam seine Waffe. „Du bist doch ein Schüler von Firaday,
richtig?“ Jonas nickte. „Holen Sie einen Krankenwagen, der Mann dort verblutet
sonst!“, war das Einzige, was unter kalten Schluchzern über seine Lippen kam. „Ist
schon unterwegs.“ Die ruhige Stimme des Polizisten beruhigte ihn nicht, ganz im
Gegenteil. Sie ließ ihn nur noch mehr zittern. „Darf ich nach Hause?“, flehend starrte
er den Mann an. Widerstrebend nickte der Inspektor. „Geh.“, sagte er, „Aber lass
deinen Arm untersuchen. Ich glaube, der ist gebrochen.“ Bevor Jonas sich gänzlich
abwandte, warf er noch einen verzweifelten Blick auf den am Boden liegenden
Sänger. Das Gesicht war gräulich verfärbt, der Mund geöffnet und in seiner
Magengegend klaffte eine Wunde, aus der das Blut strömte, dass sich in der
Umgebung als Lache ausbreitete. Jonas warf dem Polizisten einen bittenden Blick zu.
Der nickte nur stumm. Es war, als würde er sagen: „Ich kümmere mich darum.“
Krieg. Das Wort hallte in Maries Kopf nach wie das nicht enden wollende Echo einer
lauten Schallplatte in Dauerschleife. Krieg. Wieder setzte sie ihren Stift auf das Blatt
Papier vor sich, nur um ihn kurz darauf wieder wegzuziehen. Dort war jetzt nur ein
weiterer blauer Punkt. Was sollte sie zu diesem Thema schon schreiben? Und
welchen Sinn hatte es, sich überhaupt darüber Gedanken zu machen? Das hatte doch
alles gar keinen Zweck. Momentan konnte sie sowieso keinen klaren Gedanken
fassen. Sie hob den Kopf und starrte nachdenklich in das zur Hälfte entstellte Gesicht
von Professor Xynulaikaus, ohne ihn wirklich zu sehen. Brandblasen. Die Verletzung
zog sich wie eine Schnur über seine linke Gesichtshälfte. Was da wohl passiert ist?
Seit Professor Xynulaikaus Herrn Maschael, den unbeliebtesten Lehrer aller Zeiten,
im Fach Verschiedene Ansichten abgelöst hatte, war keine Stunde vergangen, ohne
dass sich Marie diese Frage gestellt hatte. Auch jetzt nicht. Sie lachte freudlos auf.
Eigentlich hatte sie jetzt wirklich andere Sorgen. Doch statt für Jonas zu beten, der
mit einem gebrochenem Arm und völlig fertig in die Krankenstation der Schule
eingeliefert worden war, machte sie sich Gedanken über diese dämliche Verbrennung.
„Alles in Ordnung?“, Professor Xynulaikaus klang besorgt. „Du musst nicht
schreiben, wenn du nicht willst.“, sagte er dann. Die Schüler hatten die Aufgabe
bekommen, ein Gedicht zum Thema Krieg zu schreiben, im Zusammenhang mit den
Ereignissen, die sich am Vortag in Miniklu abgespielt hatten. Kaum einer war so
hautnah mit dabei gewesen wie Hedwig, Marie, Leo und Jonas. Die vier hatten
einfach Pech gehabt. Besonders Jonas. Heute morgen hatte er erfahren, dass der
Sänger der Band, den er versucht hatte, mit Leibeskräften vor dem Mann mit dem
Messer zu schützen, noch im Krankenwagen verstorben war. Das hatte ihrem Freund
den letzten Rest gegeben. Marie schluckte und rieb sich ihren wunden Unterarme.
Überall blaue Flecken. Neben ihren traumatischen Erinnerungen das Einzige, was
vom Vortag an ihr hängen geblieben war. Wieder starrte sie auf das leere Blatt vor
sich. Dann setzte sie ihren Füller auf und fing an zu schreiben.
Frieden & Krieg
Du hörst es, dieses Wort
neutral, rationalisiert, abstrakt
Du fragst dich, was es bedeutet.
Was ist Krieg?
Und wem gehört der Sieg,
wenn sich der Mensch vernichtet
Doch schon nach diesem einen Vers hörte sie auf und starrte missmutig die Wand an.
Müll. Nichts als Müll, fand sie. Gerade wollte sie das Blatt zusammenknüllen und
noch einmal neu beginnen, doch Professor Xynulaikaus hinderte sie daran. „Lass
es.“, sagte er leise und fügte dann mit einem leichten Lächeln hinzu: „Vielleicht wird
es dir irgendwann etwas bedeuten.“ Der Rest der Stunde schien ewig zu dauern.
Marie saß nur da und kaute gedankenverloren auf ihrem Bleistift. Sie dachte an den
Toten vom Wald. An die Opfer des Massakers in Miniklu. An Jonas, Hedwig und
Leo. Aber irgendwann wurde ihr doch langweilig. Und da sie sich nicht dazu in der
Lage fühlte, an Professor Xynulaikaus gut gemeinter „Traumatherapie“
teilzunehmen, begnügte sie sich damit, den Lehrer eingehend zu mustern. Natürlich
unbemerkt. Sie hatte es schon immer spannend gefunden, Menschen zu analysieren.
Zu beobachten, wie sie sich bewegten, wie sie sprachen, wie sie handelten. Und wie
sich ihr Gesichtsausdruck veränderte, wenn sie an bestimmte Dinge dachten. Sie
hoffte, eines Tages anhand dieser Indizien ganz sicher darauf schließen zu können,
wie ein Mensch sich fühlte und was er vorhatte. Insgeheim aber wusste sie ganz
genau, dass ihr so etwas nie möglich sein würde. Menschen waren nun mal nicht
einfach. Nichtsdestotrotz fand sie das Gesicht ihres Lehrers sehr aufschlussreich. Es
war eingefallen, irgendwie fahl. So, als wäre die Haut nicht mit genügend
Nährstoffen versorgt worden. Die schwarzen Augenbrauen standen jetzt im Kontrast
zu der beinahe weißen Haut. Weiße Haut. Marie schüttelte den Kopf. Doch nicht so
einer wie Professor Xynulaikaus! Normalerweise war sein Hautton bräunlich,
vielleicht auch gelb. Aber niemals weiß. Die Ringe unter seinen Augen zeugten von
Schlafmangel. Die tiefer gewordenen Falten auf seiner Stirn von Sorgen. Doch
worüber? Konzentriert beobachtete Marie, wie sich der Lehrer gedankenverloren
über die Verbrennung an seiner linken Gesichtshälfte strich. Dabei zuckte sein Mund.
Dann wandte er sich ab, sodass sie sein Gesicht nicht mehr sehen konnte. Marie
schüttelte sich. Sie musste aufwachen. Professor Xynulaikaus Vergangenheit ging sie
nichts an und es würde ihr kein bisschen helfen, darin herumzustochern, nur um sich
von ihren eigenen Problemen abzulenken.
Er fühlte sich, als könne sein Kopf jeden Moment vor Schmerzen zerspringen. Er
atmete schwer. Keuchte. War sich nicht sicher, ob ein Körper so viel Schmerz auf
einmal vertragen konnte. Dazu noch die Kreislaufprobleme. Sobald er die Augen
öffnete, sah er nur noch blendendes Schwarz und die Kopfschmerzen, er konnte es
nicht glauben, verstärkten sich sogar noch. Während er wieder zurück auf seine
Couch sank, tastete er mit den Händen nach einem Lichtschalter. Die kleine
Wohnzimmerlampe hatte ihm seit jeher gute Dienste geleistet. Er fragte sich, wie spät
es wohl war. Hoffentlich hatte er keine wichtigen Termine verpasst! Aber selbst
wenn: in diesem Zustand konnte er unmöglich zur Arbeit gehen. Wie lächerlich
dieser Gedanke doch war! Ein total verkaterter Präsident, der dazu noch aussah, als
wäre er mit Haut und Haaren zwischen zwei überdimensionale Scheibenwischer
geraten. Er konnte jeden seiner Knochen spüren. Hoffte nur, dass das Nasenbluten
aufgehört hatte. Langsam wurde das flirrende Schwarz vor seinen Augen weniger.
Nach ein paar Sekunden versuchte er noch einmal, die Augen zu öffnen. Und
erstarrte. Es war helllichter Tag! Warum hatte Kristina ihn denn nur nicht geweckt?
Читать дальше