hat er das Leben ganz besonders schwer gemacht. Es ist nicht so, dass ich ihn dafür
jetzt für alle Ewigkeit in Verantwortung ziehen will, aber nach ihm suchen werde ich
ganz bestimmt nicht! Das kann ich einfach nicht!“ Mit diesen Worten drehte Marie
sich um und stapfte zur Tür, die kurz darauf mit einem lauten Krachen zuschlug.
Noch ehe sie ging, konnte Jonas einen kurzen Blick auf ihr Gesicht erhaschen und
sah, wie sie sich eine Träne aus dem Augenwinkel wischte. Ihm war, als hätte er
einen Schlag in die Magengrube bekommen. „Und ihr?“, fragte er leise und sah dabei
abwechselnd Hedwig und Leo an. Die beiden fühlten sich ganz offensichtlich nicht
wohl in ihrer Haut. Hedwig starrte auf die geschlossene Tür, als könne jeden Moment
ein Gespenst daraus hervorschweben und Leo schluckte schwer. „Wenn deine Tante
Informationen über ihren Halbbruder hat“, fing er an, „warum gibt sie sie dir dann
nicht?“ Jonas schüttelte resigniert den Kopf. „Ich habe sie schon gefragt.“, gab er zu,
„Zweimal. Aber sie hat noch schlimmer reagiert als Marie eben. Und als Lisa dann
noch davon gehört hat… Mit Tyras Hilfe kann ich jedenfalls nicht rechnen. Die wird
alles tun, damit ich meinen Vater nie wiedersehe. Sie meint, mich irgendwie vor ihm
beschützen zu müssen.“ Etwas Ähnliches dachten Hedwig und Leo auch. Sie waren
felsenfest davon überzeugt, dass ein weiteres Treffen zwischen Jonas und seinem
Vater ihm nur noch mehr wehtun würde. Wenn sie aber verhindern wollten, dass er
sich im Alleingang auf die Suche nach Herrn Maschael machte, würden sie ihm
zumindest das Gefühl geben müssen, hinter ihm zu stehen. „Also schön.“, gab Leo
widerstrebend nach, „Wie willst du denn an die Sachen herankommen?“ Jonas sah
sich suchend im Raum um. Zuerst dachte Hedwig, er suche nach seinem grünen
Teddybären, um ihn sich als Kopfkissen in den Nacken zu schieben, aber dann ging
ihr ein Licht auf: Jonas wollte sichergehen, dass keine lästigen Terminkalender sie
belauschten! Das war gar nicht so dumm. Um Jonas gedämpfte Stimme besser
verstehen zu können, beugte sie sich zu ihm hinunter. „Wir müssen in ihr Büro
einbrechen!“ Der Inhalt dieses Satzes war so unglaublich, dass Hedwig beinahe
aufgelacht hätte. Aber als Jonas anfing, alle Details auszuführen, wurde ihr mit
Schrecken bewusst, dass er es todernst meinte. „Die Schlüssel trägt sie Tag und
Nacht bei sich, in ihrer Jackentasche. Aber“, er machte eine bedeutungsvolle Pause,
„nicht beim Duschen. Ich werde mich einfach kurz reinschleichen, mir den großen
Schlüssel und den Schlüsselbund ausleihen und ihn dann später, wenn alle schlafen,
benutzen, um in ihr Büro zu kommen. Neben ihrem Schreibtisch hat sie ein großes
Pult mit vielen verschiedenen Fächern. Aber ich weiß ganz genau, dass die Akte
meines Vaters rechts in der zweiten Schublade von unten liegt, weil sie für dieses
Fach nämlich noch einen Extraschlüssel hat.“ „Wie bitte?“ Leo brauchte einige
Sekunden, um das Gehörte zu verarbeiten. „Und du meinst, sie merkt es nicht, wenn
während des Duschens plötzlich die Badezimmertür aufgeht und jemand Schlüssel
aus ihrem Umhang herausnimmt, die wahrscheinlich doppelt so schwer sind wie das
Kleidungsstück selbst? Und überhaupt: schließt sie beim Duschen denn nicht ab?“
„Nö.“, sagte Jonas und musterte seinen Freund einfältig, „Ich weiß, wie sie duscht,
ich habe mir sechs Wochen lang eine Ferienwohnung mit ihr geteilt. Deshalb weiß
ich auch ganz genau, dass sie während des Duschens singt und zwar so laut, dass sie
garantiert nicht den kleinsten Mucks hören wird, wenn ich reinkomme.“ „Was?“,
Hedwig lachte ungläubig, „Professor Ferono singt unter der Dusche? Kann sie das
überhaupt?“ „Mit dem Können ist das so eine Sache. Jeder ist in der Lage, etwas zu
tun, aber ob das den Anderen guttut oder bei ihnen so etwas wie einen Tinnitus
verursacht ist eine andere Sache.“, antwortete Jonas schlicht. Hedwig schnappte nach
Luft. „Du bist fies.“, stellte sie dann halb lachend fest. Dann war es eine Weile lang
still. Hedwig und Leo überlegten fieberhaft, wie dieser Plan aufgehen sollte. „Weißt
du denn überhaupt, wo der Schlüssel für die Schublade versteckt ist?“, fragte Leo
und wagte damit einen letzten Versuch, Jonas von seinem wahnsinnigen Vorhaben
abzubringen. „Natürlich.“, antwortete dieser, sehr zur Enttäuschung von Leo, „Er ist
in dem Topf mit der fleischfressenden Pflanze.“ Leo legte die Stirn in Falten.
Langsam kam eine Erinnerung in ihm hoch. „War das nicht die, die dir beinahe die
Hand abgebissen hätte, als wir zum ersten Mal im Büro deiner Tante waren?“
„Davon weiß ich ja gar nichts.“, warf Hedwig interessiert ein, bevor Jonas antworten
konnte. „Ach, so schlimm war das gar nicht.“, winkte Jonas leicht verärgert ab, „Ich
weiß schon, wie man mit diesem grünen Monster umgehen muss.“ Dann schaute er
seine Freunde auffordernd an und fragte: „Was ist jetzt? Seid ihr dabei?“
Sie konnte jetzt nicht stillsitzen. Unmöglich. Ihr Herz raste. Ihre Hände waren eiskalt.
Ihr Kopf schmerzte und ihre Stirn war gerötet. In ihr waren tausend Empfindungen,
die alle um ihre Aufmerksamkeit kämpften und von der sie kaum eine richtig
benennen konnte. Es war, als würde sie mit sich selbst streiten. Aufgewühlt ließ
Marie sich auf einem Stuhl vor dem Fenster nieder und stützte den Kopf auf die
Hände. Der Ausraster von vorhin machte ihr immer noch zu schaffen. Sie wollte
keinen Streit mit ihren Freunden. Und am liebsten hätte sie Jonas einen besseren Halt
gegeben. Ihn einfach nur anzuschreien, hatte sicherlich alles nur noch schlimmer
gemacht. Wären da nur nicht ihre Gefühle gewesen… In ihr brodelte glühende Wut.
Anders konnte sie es nicht beschreiben. Sie würde diesen Mann nicht suchen gehen.
Niemals. Sie wünschte sich von Herzen, diesem Menschen nie mehr in die Augen
schauen zu müssen. Noch während sie so dasaß, ihrem keuchendem Atem lauschte
und versuchte, sich irgendwie zu beruhigen, fiel ihr Blick auf das beschriebene Blatt,
das vor ihr lag. Frieden und Krieg. Ein Gedicht. Sie hatte es erst gestern geschrieben
und hätte es eigentlich schon längst wegwerfen sollen. Mit einer Hand packte sie es,
riss es aus dem Block und stand auf, um es in den Mülleimer zu katapultieren. Doch
stattdessen hielt sie inne. Sie wusste nicht, warum, aber irgendetwas drängte sie dazu,
diese Zeilen noch einmal zu lesen. Mit pochendem Herzen überflog sie sie.
Frieden & Krieg
Du hörst es, dieses Wort
neutral, rationalisiert, abstrakt
Du fragst dich, was es bedeutet.
Was ist Krieg?
Und wem gehört der Sieg,
wenn sich der Mensch vernichtet
Dann schnappte sie sich einen Bleistift und fing aus dem Impuls heraus an, ein paar
Zeilen dazu zu kritzeln:
Alles ist normal, alles scheint friedlich
grau, bunt, kompromissvoll
Nur in dir drin brodelt es manchmal.
Fängt Unfrieden nicht bei dir selbst an?
Diese Menschen sind arm dran,
die Krieg haben und sie wissen es nicht
Während sie schrieb, war sie immer nachdenklicher geworden. Als sie den Stift
beiseite legte, war sie wieder vollkommen ruhig. Nur die Kopfschmerzen blieben.
Und die Sorgen. Nachdenklich starrte sie auf die Zeilen. Ja, genauso fühlte sie sich.
Hier in der Schule taten alle so, als wäre alles in Ordnung. Der Unterricht wurde
abgehalten wie immer und man stritt sich um dieselben Kleinigkeiten wie jedes Mal.
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