langsam nervte sie Maries Einsilbigkeit. „Was hhm?“, hakte sie nach, „Gibst du mir
Recht, dass sie heute kommen wollte oder hattest du mit ihr Unterricht?“ „Beides.“,
sagte Marie knapp und starrte dann wieder auf ihr Heft. „Ist sie nett?“, wollte Hedwig
wissen. „Weiß ich nicht.“, antwortete Marie und schwieg. Dann legte sie ihre
Schulsachen beiseite und sah ihrer Freundin zum ersten Mal in die Augen. „Sie heißt
Naomi und sie kann wahnsinnig gut Griechisch.“ Hedwig war beeindruckt. „Wie
jetzt? Du sagst von jemandem, dass er etwas wahnsinnig gut kann? Dann muss
Naomi ja fast so gut sein wie du. Das kann ich mir gar nicht vorstellen.“ Marie
zuckte nur mit den Schultern. Sie hatte gemischte Gefühle, was diese Neue betraf.
Die Lehrerin schleuderte ihre braune Tasche aufs Pult. Es knallte. „Guten Morgen!“
Die Antwort darauf war schläfriges Gemurmel. Professor Grünschnabel schüttelte
nur den Kopf. Diesen Faulpelzen würde sie das Schlafen im Unterricht noch
austreiben. Kurzerhand kramte sie einen Stapel Arbeitsblätter aus ihrer Tasche
hervor, spaltete ihn in mehrere kleine Teile und fing an, diese im Raum zu verteilen.
„Professor Grünschnabel?“ Es war Hedwigs Stimme. Die Lehrerin drehte sich um.
„Ja?“, fragte sie mit hochgezogener Augenbraue. „Wir haben eine Neue.“ Erst in
diesem Moment fiel Professor Grünschnabels Blick auf das Mädchen, das zwei
Plätze entfernt von Hedwig saß. Ihre kugelrunden, großen blauen Augen verliehen ihr
etwas Niedliches und die kurzen, dunkelblonden Haare standen ihr zu allen Seiten
vom Kopf ab. Professor Grünschnabel reagierte erst nicht. Sie schämte sich,
zuzugeben, das neue Mädchen ganz vergessen zu haben. Sie schaute weg, tat so, als
sei sie voll und ganz mit ihren Arbeitsblättern beschäftigt und wandte sich dann
wieder der Klasse zu. „Wie ihr seht“, sagte sie mit lauter Stimme, um auch den
schlafenden Werner in der letzten Reihe aufschrecken zu lassen, „haben wir jemand
neuen in der Klasse.“ Dann nickte sie dem Mädchen zu. „Möchtest du dich kurz
vorstellen?“, fragte sie. Das Mädchen lächelte ein wenig schüchtern. Dann sagte sie
leise: „Ich heiße Naomi. Ich gehe jetzt hier zur Schule, weil ich zu meinem Vater
gezogen bin, der in der Nähe wohnt.“ Hedwig hatte sich schon vorgebeugt, um das
Mädchen in ein Gespräch zu verwickeln und noch mehr über sie zu erfahren, aber
Professor Grünschnabels schneidende Stimme kam ihr dazwischen. „Herzlich
Willkommen in Firaday, Naomi.“, sagte die Lehrerin und fuhr dann im gleichen
Atemzug fort: „Du bist gerade zur richtigen Zeit gekommen. Jetzt, wo ihr schon in
der sechsten Klasse seid, habe ich mir für das nächste Thema eine etwas andere
Lernmethode ausgedacht...“ „Cool!“, rief Achmed, „Das ist bestimmt irgendwas mit
modernen Medien.“ „Modernen was?“, Mino verzog das Gesicht und guckte
ungläubig. „Medien.“, erklärte ihm Achmed. „Das sind zum Beispiel Computer, die
die Leute auch im Norden benutzen. Die haben dort jetzt endlich gecheckt, dass man
auch die Lehrmethoden an den Schulen an den technologischen Wandel anpassen
muss und...“ „Wir sind hier nicht im Norden, sondern im tiefsten Süden!“, Professor
Grünschnabels Stimme war barsch und sie schien irgendwie beleidigt, „Mit
Ausnahme der solarbetriebenen Taschenlampen wird es hier keine technischen
Neuerungen geben.“ Ein Drittel der Klasse murrte. „Ich habe mir etwas viel Besseres
für euch ausgedacht.“, die Lehrerin grinste spitzbübisch, „Diese Arbeitsblätter hier“,
sie deutete auf die Batzen Papier, die vor dem geistigen Auge der Schüler nur so vor
sich hin welkten, „sind Stationsaufgaben. Es gibt zwanzig Stationen, zu jeder
gehören drei bis vier Arbeitsblätter. Diese enthalten alles, was für die Klassenarbeit in
einem Monat relevant ist.“ Die Klasse schwieg. Professor Grünschnabel schien
äußerst zufrieden. Da meldete sich Marie. „Heißt das jetzt“, fragte sie, dem
Verständnis halber, „dass wir alles bis dahin durcharbeiten und auswendig lernen
sollen?“ „Du hast es erfasst.“, sagte Professor Ferono. Ihr Ton war geradezu stolz,
„Aber auswendig lernen müsst ihr natürlich nur die wichtigen Sachen.“ „Und was
genau ist wichtig?“, Naomis Stimme war immer noch leise, aber schon wesentlich
selbstsicherer als zuvor. Spöttisch schürzte Professor Grünschnabel die Lippen. „Das,
meine Liebe“, sagte sie, „müsst ihr selbst entscheiden. So etwas nennt man selektive
Kompetenz. Und falls du am Ende Hilfe brauchst, kannst du Marie fragen, die wird
das sowieso alles richtig machen.“ Aus ihrer Stimme sprach ehrliche Anerkennung.
Marie atmete erleichtert auf. Aber nur solange, bis Naomi ihr aus
zusammengekniffenen Augen einen Blick zuwarf. Irgendetwas stimmte nicht mit
diesem Mädchen. Den Rest der Stunde verbrachten die Schüler damit, Informationen
über eine Pflanze namens Irsis tidikus zusammenzutragen. Als ihnen das zu
langweilig wurde, fing Hedwig an, leise mit Leo und Jonas zu tuscheln. Zuvor hatte
sie sich zu ihnen an den Tisch gesetzt. Immerhin das war bei dieser Unterrichtsart
nicht verboten. „Hey, ich muss euch was erzählen.“, flüsterte sie, während sie eifrig
Sternchen auf ihr Arbeitsblatt malte, damit es wenigsten so aussah, als würde sie
arbeiten. Jonas rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her. „Ist mit der TBA
irgendetwas schiefgelaufen?“ „TBA?“, fragte Leo verwirrt und blickte Jonas hilflos
an, „Was ist das denn?“ „Die Terminkalender-Beseitigungs-Aktion natürlich!“,
zischte Hedwig. Dann versuchte sie, auf das eigentliche Thema zu sprechen zu
kommen: „Nein, damit alles in Ordnung. Ich habe nur äußerst wenig Lust darauf,
meine nächsten Nächte damit zu verbringen, die Teile einzufangen.“ „Wo ist
eigentlich Gundula?“ Hedwig verdrehte die Augen. Leo konnte sie nicht einmal einen
Gedanken zuende führen lassen. „Die ist unten bei Finja und PiPo.“, erzählte sie,
„Und da werden auch die anderen bald landen.“ Jonas gluckste amüsiert, als sie das
erzählte. „Das ist ja prima!“, schnarrte er, „Auf diese Idee wäre ich gar nicht
gekommen. Als Nächstes nimmst du meinen Sigor mit, ja?“ „Sehr gute Idee.“, gab
ihm Leo recht, „Dann kann ich wenigstens wieder in Ruhe auf Toilette gehen.“
Hedwig warf ihm einen befremdeten Blick zu. Doch das erregte schon zu viel
Aufsehen. Schnurstracks kam Professor Grünschnabel auf die kleine Gruppe zu. Sie
sagte nichts, aber ihre Adleraugen scannten nacheinander jedes ihrer Arbeitsblätter.
Als sie Hedwigs Kunstwerk betrachtete, schüttelte sie nur den Kopf. Dann endlich
verschwand sie wieder. „Was ich euch eigentlich sagen wollte“, nahm Hedwig das
Gespräch wieder auf, „ist, dass ich die Tapete im geheimen Raum lesen kann.“
„Hä?“, Leo musterte sie so, als hätte er Zweifel an ihrer Zurechnungsfähigkeit,
„Wieso, sind da hebräische Schriftzeichen drauf?“ „Nein!“, Hedwig schüttelte
verärgert den Kopf, „Das sind doch diese verworrenen Linien.“ Und als Leo nicht
reagierte, setzte sie nach: „Na, du weißt schon, diese goldenen Streifen, die aussehen
wie ein auseinandergezerrtes Wollknäuel.“ „Und das willst du lesen können?“, fragte
Jonas sie mit offenem Mund. „Ich will nicht, ich kann.“, sagte Hedwig bestimmt.
„Naja, zumindest teilweise.“ „Und, was steht da so?“, fragte Leo, der das Ganze für
einen Scherz hielt. „Opfer.“, antwortete Hedwig. „Hey, nur weil ich dich nicht immer
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