war vergebens. Jonas sagte nichts mehr, bis sie an den Rand des dunklen Waldes
kamen, der zwischen Firaday und Miniklu lag und durch den sie kurz nach ihrer
Einschulung gewandert waren. Leo konnte sich daran erinnern, als wäre es gestern
gewesen. Da war wieder diese Beklemmung, die sich erst in Angst und schließlich in
unterdrückte Panik gesteigert hatte. Leo konnte nichts weiter tun, als den
Fünftklässlern, die morgen allesamt am Bahnhof in Miniklu eintrudeln würden, viel
Glück zu wünschen. Jetzt war ihre Kutsche kurz vor den dunkel und bedrohlich
aufragenden Baumspitzen angekommen. Die Mädchen hörten auf, sich zu
unterhalten und Hedwig griff vorsichtshalber nach Erwins Halsband, in der
Erwartung, um sich herum gleich nichts mehr als nur schwere Dunkelheit zu sehen.
Hoffentlich würde der Kutscher schnell fahren. Dann wäre es umso schneller vorbei.
Doch stattdessen ging ein Ruck durch das Gefährt. Auch die anderen Kutschen, die
ihnen gefolgt waren, blieben nach und nach stehen. Marie lehnte sich aus dem
großen, offenen Fenster, um zu erfahren, was geschehen war. Direkt darauf hörten
ihre Freunde, wie sie kurz erschrocken aufschrie und ihr Gesicht, eine Maske aus
Angst, Ekel und Mitleid, dann in ihren Händen verbarg. „Was ist denn?“, jetzt war
auch Leo aufgesprungen. „Da draußen liegt einer.“, stammelte Marie, „Ein
Mann. ...glaube ich.“ Nun warf auch Leo einen Blick auf den direkt neben ihrer
Kutsche liegenden Kadaver und wünschte sich sofort, er hätte es nicht getan.
Unvermittelt erschien nun auch Hedwigs Gesicht neben dem seinen im Fenster. „Was
ist das?“, fragte sie entsetzt und rümpfte die Nase wegen des bestialischem, frischen
Verwesungsgestanks, der von der Leiche ausging. „Ein Mensch.“, antwortete der
Kutscher, der heruntergestiegen war, um seinen Fund genauer zu betrachten. Die
Arme des Mannes waren unnatürlich verdreht und eines seiner Beine war mit roher
Gewalt herausgerissen worden, sodass man den Knochen irgendwo in dem Meer aus
dunklem, eingetrocknetem Blut hervorblitzen sehen konnte. Der restliche Körper war
übersät mit großen, tiefen Wunden. Es sah aus, als sei der Mann kurz vor seinem
Ableben mit tausend Messerstichen malträtiert worden. Doch das Schlimmste an
allem war sein Gesicht. Es war nichts weiter als eine Wüste aus rohem, blutendem
Fleisch und hatte alle menschenähnlichen Züge verloren. Das eine Auge war
herausgerissen. Statt seiner klaffte dort ein rundes Loch. Das andere war noch intakt.
Es war weit aufgerissen und starrte zu den Schülern empor. Der wässrige, tote
Ausdruck in ihm blieb Hedwig und Leo im Gedächtnis haften. „Was machen wir
denn jetzt?“, fragte Hedwig und schaute hilflos den Kutscher an. „Ich habe zum
Glück mein Talikum dabei.“, antwortete dieser und kramte mit einer nervösen Geste
einen kleinen, flachen Gegenstand mit Zahlentasten aus seiner Hosentasche hervor.
Doch seine Finger zitterten so sehr, dass er die Nummer nicht eingeben konnte,
obwohl er auf irgendeine Art und Weise stolz zu sein schien, den Schülern seinen
neuen, außergewöhnlichen Erwerb zu zeigen. Denn Talikums waren hier eine
Seltenheit. „Geben Sie her!“, bot Leo an und nahm ihm das Gerät behutsam aus der
Hand. Dann tippte er die Nummer der irianischen Polizei ein. Nachdem er kurz
telefoniert hatte, gab er das Talikum zurück an den Kutscher, der nun alle Hände voll
damit zu tun hatte, seinen erzürnten Kollegen den Grund für sein ruckartiges
Anhalten zu erklären, bis deren Blicke sich auf den seltsamen Fund richteten und sie
erschrocken ihre Hände vor dem Mund zusammenschlugen.
Sie mussten zehn Minuten warten. Die Zeit kam ihnen unerträglich lang vor. „Da
sind Fliegulas!“, bemerkte Jonas endlich und wies in Richtung des offenen Fensters.
Er selbst hatte keinen Blick auf den Toten geworfen. Wie er fand, hatte er in seinem
Leben schon genug Elend gesehen. Die riesigen Vögel kamen immer näher, bis sie
schließlich neben der Kutsche landeten und die Polizisten, die auf ihnen gesessen
hatten, hinabsprangen. Einer von ihnen trug keine Uniform und beugte sich sofort zu
der Leiche hinunter. Vielleicht ein Arzt oder ein Gerichtsmediziner. Die anderen
Polizisten machten sich daran, den Tatort abzusperren, während zwei von ihnen
herauszufinden versuchten, was geschehen war. „Guten Tag, mein Name ist Inspektor
Flammberg.“, stellte sich der Größere von ihnen vor und reichte dem Kutscher
freundlich die Hand. Marie war so, als würde sie die Stimme irgendwoher kennen.
Sein Kollege schien jedenfalls wesentlich weniger sympathisch zu sein als er. Er
durchleuchtete den Kutscher mit argwöhnischen Blicken und fragte: „Sie haben also
die Leiche gefunden?“, während sein brauner Schnurrbart träge auf und ab wippte.
Der Kutscher nickte. Dann redete er so schnell und aufgeregt drauf los, dass
Inspektor Flammberg ihn mit einer besänftigenden Geste zum Schweigen bringen
musste. „Nun mal langsam.“, versuchte er ihn zu beruhigen, „Sie wollten mit ihrer
Kutsche den Wald also durchqueren, um die Schüler nach Miniklu zu bringen. Bis
dahin habe ich alles verstanden. Und dann?“ Der Kutscher holte tief Luft und
schluckte. „Dann habe ich das hier gesehen.“, sagte er und deutete auf den Kadaver,
„Ich habe mich gewundert, dachte zuerst, es sei ein totes Tier, aber es war so groß
und… trug Kleidung. Also bin ich angehalten, um danach zu sehen. Kaum konnte ich
klar denken, merkte ich, dass es ein Mensch war und wollte sehen, ob ich ihn noch
irgendwie retten kann. Aber wie Sie sehen, kommt für diesen armen Mann jede Hilfe
zu spät.“ Trübsinnig starrte der Kutscher nach unten. Inspektor Flammbergs Begleiter
hatte sich währenddessen eifrig Notizen gemacht. „Wir brauchen Ihre Aussage noch
auf dem Präsidium.“, sagte er mürrisch, „Am besten, sie kommen gleich mit.“
Inspektor Flammberg schien die Worte des anderen gar nicht wahrgenommen zu
haben. Er kaute nachdenklich auf seiner Unterlippe herum und stützte sein Kinn auf
der rechten Hand ab. „Haben sie irgendeine Vermutung, wie der Mann hierhin
gelangt sein könnte oder was ihm zugestoßen ist?“, fragte er und musterte den
Kutscher aus seinen eisblauen Augen. Dieser schüttelte nervös den Kopf. „Keine
Ahnung, ich...“, stammelte er. Dann sah er ein, dass es keinen Sinn machte, sich noch
weiter Gedanken darüber zu machen und schüttelte resigniert den Kopf. „Ich kann im
Moment sowieso keinen einzigen klaren Gedanken fassen. Bitte, Sie müssen das
verstehen.“ Der Inspektor lächelte verständnisvoll. Dann sagte er: „Ich nehme jetzt
noch Ihre Personalien auf und dann können Sie gehen. Das mit der Aussage auf dem
Präsidium hat Zeit bis Morgen.“ Der Kutscher war sichtlich erleichtert. Der andere
Polizist hingegen ballte die Fäuste und schien wenig erfreut darüber, einfach so
übergangen worden zu sein. Plötzlich erinnerte sich Marie, woher ihr die beiden
bekannt vorkamen. Sie hatte sie letztes Schuljahr gesehen, nachdem in ihrer Schule
angeblich ein Päckchen mit einer Bombe abgegeben worden war, was sich letzten
Endes als großer Irrtum herausgestellt hatte. Damals war es ihr so vorgekommen, als
wären die beiden Polizisten gleichrangig gewesen. Doch entweder war der
Unfreundliche degradiert worden oder Inspektor Flammberg hatte eine Beförderung
hinter sich. Während sie aus dem Fenster heraus die Polizisten musterte, vermied
Marie es, ihren Blick auf die Leiche zu senken. „Brauchen Sie unsere Aussagen auch
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