ihnen auf Maries Schulter, der andere auf Hedwigs. „Dann wäre das also geklärt.“,
meinte ihre Freundin. Das Heft auf ihrer Schulter war leicht und es kitzelte jedes Mal
ein bisschen, wenn die silbernen Flügel ihre Wange streiften. „Ist es dir wirklich ganz
egal, wie ich dich nenne?“, fragte Hedwig, während sie den Terminkalender musterte.
Dieser antwortete nur unpersönlich und in freundlicher, einfältiger Tonlage: „Bitte
wählen Sie einen Namen aus.“ „Dann heißt du jetzt Gundula.“, antwortete Hedwig,
ohne weiter zu überlegen. Marie musste ein Lachen unterdrücken. Dann überlegte
sie, welchen Namen sie ihrem Unterstützer geben könnte. Ihr fiel partout nichts ein.
„Wie wär´s mit Herbert?“, fragte Hedwig unverblümt. Doch Marie musterte sie nur
kopfschüttelnd. „Du heißt Sternchen.“, sagte sie schließlich. Nun war Hedwig
mindestens genauso erschrocken über den Namen, den Marie gewählt hatte, wie
diese über Gundula. „Sternchen.“, wiederholte sie, als sei das ein schlechter Scherz.
„Ja, warum nicht? Mein Terminkalender soll einen schönen Namen haben.“, konterte
Marie selbstsicher. „Alles klar.“, sagte Hedwig und tippte sich an die Stirn. Die
nächste Zeit verbrachten sie damit, auf Anweisung der Terminkalender ihnen ihre
Termine für die nächste Woche zu diktieren. Die beiden Mädchen wunderten sich,
wie die Wesen sich das alles merken konnten. Nach einiger Zeit griff Hedwig sich
unvermittelt das in der Luft schwirrende Sternchen und schlug es auf. Sie staunte
nicht schlecht. Die erste Seite war beschrieben. Und zwar genau mit den Terminen,
die Marie gerade genannt hatte. Als Hedwig den Kalender wieder losließ, hatte sie
den Eindruck, als hätte er sich wegen ihrer groben und spontanen Handlung
erschrocken. Jedenfalls schwirrte er, ohne ein Wort zu sagen, in Eiltempo davon und
suchte sich ein sicheres Plätzchen auf einem kleinen, schwarzen Stück Teppich. Dass
dieser Teppich die behaarte Schnauze des mittlerweile eingeschlafenen Erwins war,
bemerkte Sternchen zu spät. Schon war Erwin aufgesprungen und jagte
schwanzwedelnd und kläffend dem kleinen blauen Heftchen hinterher, während er
mit seinen Pfoten danach schlug. In Windeseile floh der Terminkalender auf den
Kleiderschrank. Hedwig versuchte, den noch immer umherspringenden Erwin zu
beruhigen und schimpfte mit ihm, als er sich auch noch die Frechheit herausnahm,
sich an ihrer Gundula zu vergreifen. Zum Glück schien die Gute um einiges
intelligenter zu sein als ihre Arbeitskollegin. Sie brachte sich nämlich
geistesgegenwärtig in Sicherheit und zwar so, dass sie immer noch in der Nähe des
Hundes war, allerdings ohne, dass dieser sie erwischen könnte. Dort thronte sie nun
und Marie hatte das Gefühl, als schaue sie mit schadenfrohem Blick auf den
aufgeregten Hund herab. Marie schnaubte innerlich. Gundula.
Die Tasten waren glatt. Jedes mal, wenn seine Finger den Ton wechselten, spürte er
die kleine Rille, die sich zwischen die einzelnen Tasten grub. Und jedes Mal, wenn
eine Note mit Vorzeichen kam, stiegen seine Finger einen kleinen Berg hinauf, um
die kürzere und dunklere Taste zu erwischen. Doch das spürte er gar nicht mehr. Er
war vollkommen in der Melodie versunken. Er war nicht konzentriert. Er schaute
nicht angestrengt auf die Noten vor ihm, um ein neues Stück zu erlernen, denn er
kannte es bereits. Einmal hatte er es gehört und seitdem nie wieder vergessen. Die
Musik, die sich in seinem Kopf abspielte, war deckungsgleich mit der, die er
erzeugte. Er musste nur noch auf die Noten schauen, die sich vor seinen Augen zu
Bildern zusammenfügten, um zu wissen, an welcher Stelle er sich gerade befand. Er
war ganz ruhig. Er dachte nicht und doch war sein Gehirn vollauf mit der Melodie
beschäftigt. Nicht damit, den richtigen Ton zu finden. Nicht damit, fehlerfrei zu
spielen. Er fiel in eine Art Trance. Wenn sein Geisteszustand so blieb und er nicht
versuchen würde, seine Finger zu kontrollieren, würde er das Stück fehlerfrei zu ende
spielen können. Ein paar Sekunden später klangen die Töne in seinem Kopf nur noch
nach. Er hatte es geschafft. Leo riss sich zusammen. Jetzt musste er zurück in die
Wirklichkeit. Erstaunt fasste er zusammen, was er beim Spielen festgestellt hatte. Es
war das erste Mal gewesen, dass er von dem Musikzimmer in seiner Schule
Gebrauch machte. Der ganze Raum war vollgestopft mit den verschiedensten
Instrumenten und Notenbüchern aus allen erdenklichen Genres. Das Klavier klang
gut. Es war anscheinend vor nicht allzu langer Zeit gestimmt worden. Leos Gedanken
wanderten wieder zurück zu seinem Freund, der jetzt allein oder besser gesagt,
bewacht von zwei Terminkalendern, in seinem Zimmer saß und schmollte. Sie hatten
sich gestritten. Leo stöhnte bei dem Gedanken daran.
„Wie nennst du deinen Terminkalender?“, fragte Leo seinen Freund. Er hoffte, seine
eigene Fantasie würde durch Jonas meist wahnwitzige Ideen beflügelt werden. Jonas
überlegte. Dann eröffnete er mit melancholischer Stimme: „Ich glaube, ich nenne ihn
Sigor.“ Auf einen Schlag breitete sich eine unangenehme Stille im Raum aus. Selbst
die beiden Terminkalender hatten aufgehört zu fliegen, sodass das nervige Geraschel
allmählich verebbt war. „Sigor?“, Leos Stimme war tief und schwer. „Sigor.“,
bestätigte Jonas, „Wie mein Vater.“ Der trotzige, in sich gekehrte Gesichtsausdruck
zeigte Leo, womit sein Freund die ganze Zeit über innerlich beschäftigt gewesen war.
Jonas Vater war ein Mitglied des „Schlüssels der Macht“ gewesen, hatte sich als
Lehrer in Firaday eingeschleust, um herumzuspionieren und war dann irgendwann
im Nichts verschwunden. Leo konnte nicht verstehen, was Jonas an so einem Vater
fand, von dem er bis zum letzten Schuljahr nichts gewusst hatte, weil dieser die
Familie schon vor über elf Jahren verlassen hatte. „Du redest von deinem Vater, als
sei er tot.“, sagte Leo deshalb dumpf. „Vielleicht ist er das ja auch.“, Jonas Augen
funkelten, „Wenn ja, dann werde ich ihn finden und aufklären, wie es zu seinem Tod
kommen konnte.“ Leo konnte nicht anders, als resignierte den Kopf zu schütteln.
„Ach, Jonas, wie willst du das denn anstellen?“ Jonas sah ihn bitter an. „Ich habe
die Ferien dazu genutzt, um mir einige Anhaltspunkte über ihn zu suchen. Ein alter
Mann hat mir gesagt, dass er sich angeblich zuletzt am Bahnhof in der Nähe des
Antiochia Riffs aufgehalten hat und in einen Zug nach Liemir gestiegen ist.“ „Ein
alter Mann?“, Leo zog die Augenbrauen hoch, „Woher kannte der denn deinen
Vater?“ „Weiß ich nicht.“, beichtete Jonas mit gleichgültiger Miene, „Ich habe mich
mit ihm unterhalten, während Tyra und Lisa Stunden in so einem blöden
Kunstmuseum verbracht haben.“ „Und was war das für ein Mann?“, hakte Leo
skeptisch nach. Jonas schnelle Antwort ließ seine Augen größer werden. „Ein
Obdachloser eben.“ „Was? Der kann dir doch alles Mögliche erzählen.“ Leo
schüttelte verärgert den Kopf. „Du solltest auf irgendsoeinen Typen, der dir mal
zufällig über den Weg läuft, nicht hereinfallen.“ „Und wenn es die einzige Spur
ist?“, fragte Jonas mit zusammengekniffenen Augen. Leo konnte immer noch nichts
weiter tun, als mit dem Kopf zu schütteln. Er war total baff. Was war bloß mit seinem
Freund los? „Ich verstehe dich einfach nicht.“, sagte er, seufzte dann und überlegte
kurz, ob er das, was ihm auf der Zunge lag, wirklich sagen sollte. Schließlich
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