entschied er sich dafür. Immerhin waren es eigentlich nur Tatsachen, die Jonas
längst kannte. „Ich kann dir sagen, weshalb er am Antiochia Riff war. Und du weißt
es genauso gut wie ich. Erinnerst du dich?“ Provozierend schaute er Jonas in die
Augen. Doch der reagierte nicht. „Am Antiochia Riff hat uns deine liebe Schwester
Chila abgefangen, um uns mitzunehmen und elendig verrecken zu lassen.“ Bei der
Erinnerung an dieses Erlebnis lief es Leo immer noch eiskalt den Rücken hinunter.
Dann fuhr er bestürzt fort: „Weißt du nicht mehr? Die wollte Marie den Kopf
abhacken! Bestimmt hatte dein toller Vater ursprünglich vor, ihr dabei zu helfen, uns
in ihr Hauptquartier Ulrügio zu bringen. Mensch, Jonas, wach doch auf! Sigor
Maschael ist ein Biest! Du warst ja nicht dabei, als er in Belorroun unschuldige
Schüler misshandelt hat. Du hast ja nie gespürt, wie es sich anfühlt, von so einem
wie eine Kakerlake behandelt zu werden. Mit so viel Verachtung und...“ „Halt den
Mund!“, brüllte Jonas. Sein Kopf war hochrot angelaufen und er hatte die Händen
zu Fäusten geballt. Außerdem zitterte er. Leo wusste nicht, ob vor Wut oder Trauer.
„Das sind alles Lügen, die ihr euch da ausgedacht habt! Du und Marie! Und Lisa
kann auch nicht Recht haben, wenn sie behauptet, dass unser Vater ein gefühlloses
Schwein war, das sich mit Leib und Seele so einer schrecklichen Organisation
verschrieben hat! Das stimmt alles nicht! Er ist doch immer noch mein Vater.“
Danach hatte Jonas ihn so hasserfüllt angestarrt, dass Leo beschlossen hatte,
schleunigst den Raum zu verlassen. Er hatte es mit der Angst zu tun bekommen. So
hatte sich Jonas nicht einmal in seinen schlimmsten Träumen aufgeführt. Leo hatte
keine Ahnung, was mit ihm los war, aber er vermutete, dass durch die Verluste, die er
im letzten Jahr erlitten hatte, einfach eine Sicherung bei ihm durchgebrannt war. Er
tat Leo leid. Es schmerzte ihn, dabei zuzusehen, wie sein bester Freund verrückt
wurde. Hoffentlich würden sie sich bald wieder vertragen.
Eine erschreckende Entdeckung
Die Kaffeepfütze war immer noch da. Und wieder trat Eljosch mitten hinein. Aber es
störte ihn nicht. Sein Körper war schweißgebadet. Er hatte Angst. Mit dieser Angst
vermischte sich das dumpfe Gefühl, dass das Gespräch mit Borost für ihn überhaupt
nicht gut verlaufen war. Auch wenn er versuchte, sich das Gegenteil einzureden.
Dieser Mann hatte radikale Ziele. Und er würde radikale Mittel anwenden, um diese
zu erreichen. Eljosch war anders als viele Präsidenten vor ihm. Er war vor moralisch
fragwürdigen Mitteln, um die Regierung im Land zu stabilisieren bisher immer
zurückgeschreckt. Aber jetzt fühlte er sich dazu gedrängt, eins von ihnen einzusetzen.
Borost musste mundtot gemacht werden, bevor es zu spät war. Um das Wohl des
Landes Willen. Keuchend setzte er sich in seinen Sessel und schloss für einen
Moment die Augen. Da quietschte die Tür. Wie erwartet trat Kristina ins Zimmer. Ihr
Auftreten war dieses Mal erschreckend formell. „Haben sich irgendwelche neuen
Termine ergeben?“, fragte sie, ohne Eljosch anzusehen. Dieser schüttelte den Kopf.
In seinem Rachen stieg ihm langsam die Galle hoch. Er brauchte eine Pause. Und
zwar schnell. Er überlegte schon, ob er Kristina bitten sollte, seine persönliche
Reinigungskraft zu rufen, um wieder ein wenig Ordnung in das Chaos seines Hauses
zu bringen. Aber seine Zunge erschien ihm zu schwer. Aus seinem Mund drang nur
ein Keuchen. Aus fast fiebrig glitzernden Augen sah er Kristina an. Wurde er krank?
Gut möglich. Kristina warf einen prüfenden Blick auf ihren allgegenwärtigen
Notizblock, auf dem sie sich alles Mögliche, manchmal sogar doppelt, notierte, um ja
nichts zu vergessen. Sie hatte gehofft, spätestens Ende dieser Woche in diesem Punkt
Unterstützung zu erhalten. Wie sehr sie sich gefreut hatte, als Eljosch ihr und anderen
Regierungsangestellten diesen Zuschuss nach langem Hin und Her endlich billigte.
Aber heute war eine schlechte Nachricht eingetroffen. Sie ärgerte sich darüber und
war enttäuscht. Seufzend und mit saurem Unterton eröffnete sie: „Die 150 fliegenden
Terminkalender, die ich in deinem Auftrag für das Ministerium bestellt hatte, wurden
übrigens falsch abgeliefert. Stattdessen haben wir einen Satz Englischbücher für eine
fünfte Klasse erhalten.“ Eljosch warf den Kopf in den Nacken und blinzelte. Er hatte
jetzt wirklich andere Sorgen.
„Kommst du mit nach Miniklu?“ Hedwigs fröhliche Stimme schien seinen düsteren
Gemütszustand zu verspotten. Jonas saß mit seinen drei Freunden am Frühstückstisch
und stocherte lustlos in seinem Haferflockenbrei herum. Mit Leo hatte er sich immer
noch nicht ausgesprochen. Und das hatte er auch nicht vor. Der würde ihn eh nicht
verstehen. Ich habe mir Unterstützung von dir erhofft, dachte Jonas grimmig,
Zumindest passive, damit jemand meiner Tante sagen kann, wo ich bin, wenn ich für
ein paar Wochen verschwinde, um meinen Vater suchen zu gehen. Aber stattdessen
machst du mir Vorwürfe und lachst über mein Vorhaben. Ich hätte es dir gar nicht
sagen dürfen. „Jonas?“, jetzt wurde auch noch Marie auf ihn aufmerksam.
Stirnrunzelnd fragte sie: „Warum sagst du denn nichts?“ Schmollend verzog Jonas
den Mund. „Was machen wir da?“, fragte er desinteressiert, statt eine Erklärung für
sein Verhalten zu liefern. Marie zuckte überrascht mit den Schultern. Dann schlug sie
vor: „Wir könnten in verschiedene Geschäfte gehen und gucken, ob wir irgendetwas
Nützliches finden. Leo meinte zum Beispiel, dass du schon wieder deine Federtasche
verlegt hast. Wir können eine neue kaufen. Und natürlich statten wir auch der
Bäckerei und dem Süßigkeitenladen einen Besuch ab.“, sagte sie verschwörerisch
und blinzelte ihrem Freund zu, um ihn wieder auf andere Gedanken zu bringen. Jonas
wusste nicht, was er antworten sollte. Ja, er hatte ja nicht einmal eine Ahnung, wie er
sich fühlen sollte! Eigentlich war er immer Feuer und Flamme gewesen, wenn sich
die Gelegenheit bot, mit Kutschen von der Schule aus nach Miniklu zu fahren.
Besonders, wenn er Süßes kaufen konnte. Aber jetzt… „Ich weiß noch nicht.“,
murmelte er betreten. „Na gut.“, meinte Hedwig, „Du kannst es dir ja noch
überlegen.“
Am Nachmittag saßen sie tatsächlich alle zusammen in einer Kutsche und genossen
die holprige Fahrt über den mit blauen Kieselsteinen gesäumten Weg und die
Aussicht auf die weiten, saftgrünen Wiesen. Die beiden Mädchen unterhielten sich
und kicherten jedes Mal, wenn Erwin neben eine von ihnen auf die Sitzbank sprang,
um sich an sie zu kuscheln. Leo und Jonas schwiegen. Beide dachte nach. „Jonas?“,
fragte Leo schließlich, unsicher, wie er ihn ansprechen sollte. Doch sein Freund
reagierte nicht. Also versuchte Leo es einfach. „Es tut mir leid, falls ich irgendetwas
gesagt habe, das dich verletzt hat. Aber ich dachte, du siehst das Ganze auch so.“
Keine Reaktion. Na toll. Mehr tun, als sich zu entschuldigen für etwas, bei dem er
gar nicht richtig wusste, was er falsch gemacht hatte, konnte Leo auch nicht. In ihm
kroch die Wut hoch. „Was habe ich dir denn getan?“, fragte er schließlich hitzig und
beugte sich zu seinem Freund hinüber, um seinen abwesenden Gesichtsausdruck
deuten zu können. „Nichts.“, war die dumpfe Antwort. Und dann: „Mach dir nur
keine Gedanken, eigentlich liegt es nicht an dir.“ „An wem dann?“ Doch die Frage
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