weit ich weiß, ist das hier kein Interview.“, sagte er freundlich. In Gedanken fügte er
hinzu: Und vor allem kein Verhör. Aber statt so leichtsinnig zu sein, dies zu äußern,
sagte er: „Also gestatten Sie mir bitte, auch Ihnen eine Frage zu stellen. Ich würde
mich zum Beispiel gerne über die Hetzkampanien unterhalten, von denen Straßen
und Medien erfüllt sind. Sie enthalten haufenweise Verleumdungen und stacheln die
Leute dazu an, zu hassen, statt ihre Anliegen so zu äußern, dass man konstruktiv
darauf eingehen kann. Es gibt Probleme, das will ich nicht bestreiten, aber muss so
etwas denn sein?“ Mit einer schnellen Bewegung zog er ein Foto unter der
Tischfläche hervor und hielt es Borost unter die Nase. Es zeigte eine verunstaltete
Brücke, auf der in verschmierter schwarzer Farbe geschrieben war: „Nieder mit dem
Norden!“ Eljosch wartete einen Augenblick, bis er sicher sein konnte, dass Borost
sich das Bild angesehen hatte. Dann erklärte er: „In letzter Zeit gab es viele solcher
Vorfälle. Das Problem ist, dass wir nicht wissen, wer die Drahtzieher sind. Wir
können nicht einmal sagen, ob es sich um Einzeltäter oder eine organisierte Gruppe
handelt. Haben Sie einen Tipp für mich?“ Interessiert fixierte er Borost mit seinen
braunen Augen. So, als würde er wirklich erwarten, von ihm einen Namen genannt zu
bekommen. Doch darauf wollte er eigentlich gar nicht hinaus. Und das wusste auch
Borost. Er verzog nämlich beleidigt das Gesicht. „Ich kann Ihnen versichern, dass
weder ich noch meine Leute etwas damit zu tun haben. Das ist unter unserer Würde.
Erstrebenswerte Wahrheiten muss man nicht auf Brückenbögen schmieren!“ Er
schnaubte verächtlich. „Wenn das unsere Vorgehensweise wäre, säße ich ja wohl
kaum hier. Es tut mir wirklich leid, Sie enttäuschen zu müssen. Dafür habe ich noch
einen weiteren Punkt, über den wir uns unterhalten können.“ Eljosch registrierte
ruhig, wie Borost umständlich auf seinem Stuhl herumrutschte, bis es ihm schließlich
gelungen war, sich angenehm zu positionieren. Dann schaute er dem Präsidenten so
fest in die Augen, dass dieser fast überrascht geblinzelt hätte. Bis jetzt hatte Eljosch
den blauhaarigen Clown immer für etwas beschränkt gehalten, doch von heute an
wusste er, dass er nicht zu unterschätzen war. „Wie Sie wissen, wurden in den letzten
Monaten viele Menschen verhaftet. Darunter sogar ganze Familien. Und zwar, weil
sie einem Bund angehörten, der viele Verbrechen begangen hat. Jedoch war
keineswegs jedes seiner Mitglieder in diese Verbrechen involviert. Warum lässt die
Regierung die Unschuldigen, die selbst Opfer einer Täuschung geworden sind, als sie
sich dieser Gruppe angeschlossen haben, nicht frei?“ Borosts Augen hatten sich zu
schmalen Schlitzen verengt. Eljosch holte tief Luft.
Montag, 1./2. Stunde.
Der Klassenraum war erfüllt vom Gähnen und schläfrigem Gemurmel. Vorne stand
Fräulein Quietsch und stellte gerade ihre Materialien aufs Lehrerpult. Dabei fischte
sie einige alte Arbeitsblätter aus ihrer Tasche hervor, die sie einzeln zusammenknüllte
und in den Papierkorb warf. Leider traf sie nicht immer. Meist daneben. Aber sie
kümmerte sich nicht darum. Marie schaute ihr dabei zu, wie sie unruhig in ihren
pinken High Heels auf und ab lief und sah das Unglück schon kommen. Wenig später
traf es ein. Während Fräulein Quietsch der Klasse den Plan für die heutige Stunde
eröffnete, tänzelte sie unruhig auf und ab und stolperte dabei über einen der
Papierknödel. Mit einem kurzen Aufschrei fiel sie auf die Knie. Die halbe Klasse
kicherte. Das Beste war, dass sich nun auch die Gesichtsfarbe der Lehrerin der ihrer
Schuhe angepasst hatte. Rosa. Arme Fräulein Quietsch. Der Rest der Stunde verging.
Für die einen quälend langsam, für die anderen wie im Flug. Marie und Hedwig
waren ganz in ihrem Element. Sie quatschten sich gegenseitig auf Englisch voll und
beteiligten sich begeistert am Unterrichtsgespräch. Sogar Leo fand das Thema
interessant. Es ging um die verschiedenen Urlaubsziele in Iria, sowie diverse
Traditionen und Bräuche. Er nahm sich fest vor, einmal die Hallen von Regun zu
besuchen, ein uraltes Bauwerk, dass vor zehn Jahren im südlichen Teil von Paläar-
Ungiau freigelegt worden war und, wenn man Fräulein Quietsch in diesem Bereich
Glauben schenken durfte, die architektonischen Überreste eines bisher völlig
unbekannten Volkes verkörperte. Neben ihm saß Jonas und versuchte krampfhaft,
Leos Schrift zu entziffern, um überhaupt irgendetwas auf seinem Blatt stehen zu
haben. Er war in Englisch eine Niete. Noch dazu kam, dass er sich heute sowieso
nicht besonders wohl fühlte, was wohl auch damit zusammenhing, dass sie in der
nächsten Doppelstunde statt Mathe zu haben, einen Hebräisch und einen
Griechischkurs besuchen würden, um ihnen ihr bevorstehendes Leid vor Augen zu
führen und sie vor die Wahl zu stellen, welche Art der Qual die mildere war. Endlich
kam die zwanzigminütige Pause. Jonas schlenderte gemeinsam mit seinen Freunden
über den runden Innenhof, dessen Zentrum ein fröhlich vor sich hin plätschernder
Springbrunnen bildete. „Wie war eigentlich dein Urlaub?“, fragte Marie ihn, während
sie ihre Finger in das angenehm kühle Wasser eintauchte, um sich ein wenig
Erleichterung von der sommerlichen Hitze zu verschaffen. „Gut.“, antwortete Jonas,
„Ihr wisst ja, dass Tyra, also Professor Ferono, echt nett ist. Und es war schön, für ein
paar Wochen mal etwas anderes zu sehen als nur das hier.“ Er deutete auf das
Gebäude hinter sich, ein robustes, mit Efeu bewachsenes Schloss aus hellem Stein.
„Aber irgendwann hat es mich dann auch genervt. Wusstet ihr, dass Lisa auf einem
Trip für gesunde Ernährung ist?“ Hedwig lachte auf. „Armer Jonas.“, sagte sie dann,
„Ich nehme an, dass sie sogar selbst kocht und du deshalb fast nichts „Vernünftiges“
mehr zu essen kriegst?“ „Korrekt.“, Jonas stöhnte, „Sie hat auch schon versucht, mir
eine Süßigkeitensperre aufzuerlegen. Zum Glück war sie damit nicht erfolgreich.“
Leo grinste. „Das wäre bei dir wohl niemand.“, sagte er dann. „Und Hedwig, wie
war es bei dir Zuhause? Ist dir die Decke auf den Kopf gefallen?“ Hedwig verzog das
Gesicht. Dann sagte sie scherzhaft: „Fast. Das waren die ersten Ferien, die ich
verbracht habe, ohne mich ein einziges Mal mit Jonas zu treffen. Aber Erwin war der
perfekte Ersatz.“, sie grinste. Dann sagte sie besorgt: „Ich hoffe nur, dass er oben im
Zimmer nichts anstellt. Er ist es nicht mehr gewohnt, so lange Zeit alleine zu
verbringen.“ „Das wird er schon schaffen.“, beruhigte Marie ihre Freundin. Dann
wurde sie ernst und fragte leise: „Habt ihr eigentlich irgendetwas davon gehört, wie
es mit dem „Schlüssel der Macht“ weiter gegangen ist, nachdem wir weg waren?“
„Ich glaube, es gibt niemanden, der nicht davon gehört hat.“, sagte Jonas und
verdrehte die Augen, „Die Organisation ist komplett zerschlagen. Viele Leute wurden
verhaftet. Aber es ist nicht so leicht, sie zu verurteilen, weil es zu wenig Beweise
gibt. Vor einer Woche hat ein Politiker den Vorschlag geäußert, die Sache einfach auf
sich beruhen zu lassen und sie als vergangen anzusehen. Sprich: es gibt keine Strafen
und alles ist wieder in bester Ordnung.“ Er machte eine kurze Pause und strich sich
nachdenklich eine Strähne seines blonden Haares aus dem Gesicht „Immerhin soll
darauf geachtet werden, dass sich so eine Gruppe nicht wieder neu formiert.“ „Wie
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