1 ...8 9 10 12 13 14 ...35 Als er an der Universität in Noctu Politik studiert hatte, hatten alle seine Professoren
ihm dringendst geraten, sich zu Gunsten der Seriosität eine neue Frisur zuzulegen.
Schließlich weckte ein schwarzer Politiker wie er schon genug Misstrauen.
Schwarzer. Sie hatten ihn wirklich als Schwarzen bezeichnet. Immer noch konnte
Eljosch die Wut von damals spüren. Ja, es stimmte, seine Vorfahren kamen nicht aus
Iria, sondern aus der anderen Welt. Aber er kannte seine leiblichen Eltern nicht und
hatte solange er denken konnte, bei einer irianischen Familie im Ring Torpedú gelebt.
Er war Irianer. Voll und ganz. An dem Tag, an dem er zum Präsidenten des Landes
gewählt worden war, waren endlich alle seine Zweifel bezüglich seiner Heimat und
seines Ursprungs weggewischt worden. Die Leute hatten ihn nicht aufgrund seines
Äußeren beurteilt. Nein, sie hatten ihm Respekt und Vertrauen entgegengebracht.
Ihm, der im Vergleich mit anderen Politikern authentisch und ehrlich wirkte und sich
für die Menschen einsetzte. Und jetzt, in einer Zeit, in der die politische Lage
sowieso schon so heikel war, machte Borost das alles wieder zunichte. „Ja, meine
Heimat liegt im Ring Torpedú.“, antwortete Eljosch knapp, „Und natürlich fühle ich
mich mit den Südirianern verbunden. Genauso, wie ich mich mit jedem Irianer
verbunden fühle.“ Das war die perfekte Antwort, lobte er sich in Gedanken, gut
gemacht, Eljosch. Borost lächelte böse. Beinahe so, als hätte er genau mit diesen
Worten gerechnet. Also machte er weiter. „Kämpfe in erster Linie für deine eigenen
Leute.“ Das war alles, was Borost sagte. Doch Eljosch gönnte ihm nicht die
Genugtuung, den Präsidenten vor ihm verblüfft zu sehen. Stattdessen erwiderte er
formell: „Ich glaube, ich habe ihre Frage nicht ganz verstanden.“ Wieder lächelte
Borost still in sich hinein. Dann verkündete er: „Es war ein Zitat. Wie ich sehe, kennt
unser Präsident das neue Evangelium noch nicht besonders gut. Aber das macht ja
nichts. Schließlich wird er genug Zeit haben, diese Lektüre nachzuholen.“ Jetzt
runzelte Eljosch unwillig die Stirn. Es dämmerte ihm etwas. „Das neue Evangelium
sagen Sie? Ich muss zugeben, dass ich diesen Namen noch nie gehört habe.“ „Aber,
aber. Sie haben doch bestimmt auch von dem sensationellen Fund gehört.“ Borost
wartete eine Weile, doch Eljoschs kaltes Schweigen war nicht zu brechen. Also fuhr
er theatralisch fort: „Oben im Norden, mitten im Land der Finsternis, wurde ein
Schriftstück gefunden, das in der Lage sein wird, die Herzen unserer Brüder und
Schwestern zu erhellen.“ Jetzt war Eljosch klar, wovon er sprach. Trotzdem ließ er
ihn zappeln. „Ach ja?“, fragte er interessiert, „Was ist das genau für ein Schriftstück?
Bitte drücken Sie sich klarer aus.“ „Es ist“, Borost holte tief Luft, „das fünfte
Evangelium. Es stammt aus der Zeit, in der Jesus gelebt hat und wurde von einem
seiner Jünger höchstpersönlich aufgeschrieben. Sie sollten es wirklich lesen.“ Borosts
verschlagener Blick verriet Eljosch, dass sich nichts Gutes anbahnte. Dennoch verzog
sich sein Gesicht ausnahmsweise einmal zu einem gutmütigen Lächeln. Schließlich
wollte kein Land einen Präsidenten mit eisernen Gesichtszügen. „Ach, das meinen
Sie.“, sagte er lächelnd, „Ja, davon habe ich gehört. Mir ist zu Ohren gekommen,
dass das Schriftstück gerade von Experten überprüft wird und dabei sehr interessante
Dinge entdeckt wurden. Zum Beispiel...“ „Gut.“, unterbrach ihn Borost forsch, „Sie
schweifen ab. Das hier soll keine Talkshow werden. Kommen wir zu meiner nächsten
Frage. Können Sie sich vorstellen, endlich ein Programm zu entwickeln, dass sowohl
politische, wirtschaftliche, wissenschaftliche als auch kulturelle Gleichheit von Nord
und Süd in den nächsten Jahren gewährleistet?“ Eljosch schwieg. Das war dünnes
Eis. Wenn er behaupten würde, er könne es, würde er scheitern und als Lügner
abgestempelt werden. Außerdem würden dann die Nordirianer über ihn herfallen, die
es sich nicht leisten konnten, dass die staatlichen Ausgaben an sie gekürzt oder ihnen
gar noch etwas von ihren privaten Einkommen weggenommen wurde. Und wenn er
nein sagte, würden ihn die Südirianer zu Staub zerfetzen. Sie wären enttäuscht und
würden sich von ihm im Stich gelassen fühlen. Nein, das durfte er nicht zulassen.
„Ich merke, dass Sie ein wenig Zeit benötigen, um Ihre Erinnerungen an dieses
kleine Problemchen wieder aufzufrischen.“, spottete Borost, „Ich bin Ihnen gerne
dabei behilflich. Schon seit Jahrzehnten ist der Norden dem Süden in allen Belangen
des gemeinschaftlichen Lebens weit voraus. Die Leute wollen Veränderung, sie
wollen Gerechtigkeit. Wussten Sie, dass tausende von Anträgen abgelehnt wurden,
die Südirianer an Universitäten im Norden gestellt haben? Und das mit der
Begründung, dass sie durch ihren südirianischer Bildungsstand nicht die nötigen
Vorkenntnisse besäßen, um erfolgreich ihren Abschluss zu machen. Das ist
Diskriminierung!“ Borost hatte sich in Fahrt geredet. Jetzt ging er sogar so weit, dass
er als Zeichen der Abscheu auf den Boden spuckte. Eljosch sah ihm dabei zu.
Äußerlich gefasst, aber in seinem Inneren brodelte es. So ein skrupelloses Miststück.
Borost war jedenfalls ein guter Schauspieler. Wäre da nicht das verschlagene Blitzen
in seinen Augen gewesen, hätte Eljosch ihm alles, was er sagte, abgenommen. Aber
er wusste, dass dieser Mann auf etwas ganz anderes hinaus wollte. Und dazu nutzte
er die Bühne, die ihm das Amt als Leiter einer Bürgerinitiative verschaffte. Eljosch
meinte, sich daran zu erinnern, vor kurzem eine Statistik gelesen zu haben, die eben
das besagte, was Borost ihm gerade vorgetragen hatte. Allerdings war bei der
Erstellung dieser Grafik nicht berücksichtigt worden, dass auch viele Leute aus dem
Norden nicht angenommen worden waren und ob die abgewiesenen Südirianer
überhaupt die Grundvoraussetzungen mitgebracht hatten, die für jeden, egal, ob aus
dem Norden oder dem Süden galten, wurde auch nicht erwähnt. Eljosch kochte vor
Wut. Er musste antworten. Schnell. „Mir ist bewusst, dass es in unserem Land immer
noch innere Differenzen gibt, die aus dem Weg geräumt werden müssen. Auch wenn
ich bezweifle, dass sich diese Unterschiede so äußern, wie Sie behaupten. Seit
meinem Amtsantritt arbeite ich gemeinsam mit anderen Politikern daran, den Süden
voranzubringen. Aber Qualität hat ihren Preis. Wir brauchen Zeit und die
Unterstützung der Menschen.“ Im nächsten Moment riss Eljosch überrascht die
Augen auf. Borost hatte direkt vor seiner Nase mit der Faust auf den Tisch
geschlagen. So hatte er sich bis jetzt noch nie aufgeführt. „Eben da liegt das
Problem!“, zischte er, „Sie arbeiten seit drei Jahren daran, seit Sie Präsident sind.
Und es hat sich nichts verändert. Finden Sie das nicht ein bisschen fragwürdig?“
Eljosch starrte auf den silbernen Ring, den Borost an seinem Finger trug, während er
antwortete. Ein Ring mit dem Symbol einer Schlange. „Ich möchte Sie daran
erinnern, dass ich nicht allein die Regierung bin. Alles, was wir beschließen,
beschließen wir gemeinsam. Das ist der Vorzug und zugleich das Laster einer
freiheitlichen Demokratie.“ Noch bevor er geendet hatte, spürte Eljosch, wie Borosts
böser Blick ihn durchbohrte. Er würde sein Ansehen vollends in den Schmutz ziehen,
wenn Eljosch nicht gleich etwas unternahm. Also startete er einen Gegenangriff. „So
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