bitte?“, fragte Leo wütend, „Das kann ja wohl nicht wahr sein. Die haben so viele
Menschenleben auf dem Gewissen und es wird einfach totgeschwiegen?“ Hedwig
zuckte bedauernd mit den Schultern und stürzte die Lippen. „Das ist eben der
einfachste Weg, sich aus weiteren Schwierigkeiten herauszuhalten.“
„Hallo Jonas!“ Die motivierte Stimme seiner Schwester machte ihn wahnsinnig.
Missmutig erwiderte er den Gruß und schaute sich in dem Unterrichtsraum um. An
den Wänden hingen an einer Schnur aufgereiht seltsame Zeichen, die wohl das
hebräische Alphabet darstellen sollten. Diese Aufmachung erinnerte Jonas an seine
Grundschulzeit, in der er und seine Klassenkameraden sich mit Feuereifer auf jeden
neuen Ausmalbuchstaben gestürzt und ihn danach stolz präsentiert hatten. Aber das
hier war keine Grundschule. Hinter dem Lehrerpult stand Frau Nalisa und bat die
Besucher, sich auf die Stühle in der hintersten Reihe zu setzen. Ihre Klasse war
aufgeteilt worden. 45 Minuten nahmen sechs von ihnen am Hebräischunterricht teil
und die anderen sechs besuchten die Griechischklasse, danach wurde getauscht. Als
Jonas sich umsah, fiel ihm auf, dass ungefähr die Hälfte der Schüler in diesem Raum
eine Klasse über seiner Schwester sein mussten. Na super, dachte er, dann müssen
wir ja auf dem Niveau der Siebtklässler mitarbeiten. Er empfand diese
Infoveranstaltung als reine Zeitverschwendung. Er wusste sowieso schon, dass er
Hebräisch wählen würde. Genau wie Lisa. Sie würde ihn zwar nicht abschreiben
lassen, ihm aber helfen, wenn er wie so oft auf dem Schlauch stand. Zehn Minuten
lang erklärte Frau Nalisa ihnen etwas über den Unterrichtsinhalt. Das Einzige, woran
Jonas sich erinnern konnte, war, dass die älteren Schüler auf einem höheren Niveau
arbeiteten als die jüngeren und dass die Sechstklässler gerade dabei waren, ihre
ersten hebräischen Sätze zu übersetzen und danach zu formulieren. Ein paar Minuten
später schreckte Jonas auf. Er fürchtete schon, er sei während der Ausführungen der
Lehrerin eingeschlafen, stellte dann aber mit einem Blick auf die Uhr erleichtert fest,
dass das nicht sein konnte. Den Rest der Stunde verbrachten sie damit, die
verschiedenen Tischgruppen zu besuchen. Jede von ihnen hatte eine eigene kleine
Station vorbereitet. Nachdem Jonas also vom einen Tisch zum anderen gewankt war,
versucht hatte, zu begreifen, dass man hebräische Texte von von rechts nach links
liest und zig verschiedene Buchstaben ausgemalt hatte, die für ihn alle gleich
aussahen, war es endlich vorbei. Er hoffte inständig, dass Professor Xynulaikaus
seinen Griechischunterricht wenigsten etwas spannender gestalten würden, glaubte
aber nicht so recht daran. Doch nicht alle von seinen Klassenkameraden schienen die
Stunde genauso langweilig empfunden zu haben wie er. Hedwig, die die ganze Zeit
über bei ihm gewesen war und irgendwie nicht geschnallt hatte, dass sich ihr Freund
neben ihr beinahe zu Tode langweilte, schien von dem Unterricht positiv überrascht
zu sein. „Das ist ja gar nicht so langweilig, wie ich dachte.“, sagte sie, als sie sich
gemeinsam mit ihrer Gruppe auf den Weg zum nächsten Raum machten. Jonas
konnte daraufhin nur ungläubig eine Augenbraue hochziehen.
Am Nachmittag wusste Jonas, welche Sprache er wählen würde. Griechisch. Leo und
Hedwig hatten seine Entscheidung überrascht zur Kenntnis genommen, Lisa war
entsetzt gewesen. „Wie willst du denn bitte Griechisch lernen ohne meine Hilfe?“
Daraufhin hatte Jonas ihr geantwortet, dass er doch nicht so dumm war, wie sie von
ihm dachte und dass ihm Professor Xynulaikaus Unterricht um Meilen besser
gefallen hatte als Frau Nalisas „offenes Lernen“, das ihn in seine Kindheit
zurückversetzt hatte. Marie hatte sich über seine Entscheidung gefreut. Auch sie war
sich jetzt sicher, dass sie Griechisch wählen würden, auch wenn sie am liebsten beide
Sprachen gleichzeitig belegt hätte. Sie freute sich darauf, Jonas bei den
Hausaufgaben zu helfen und das im Unterricht Besprochene noch einmal mit ihm
durchzugehen, hatte ihm aber unmissverständlich klar gemacht, dass sie ihn
keineswegs würde abschreiben lassen. Aber das hatte Jonas auch schon so erraten.
Typisch Marie. Das Einzige, was er bedauerte, war, dass sich Leo und Hedwig
tatsächlich für den anderen Kurs entschieden hatten und sie auf diese Weise weniger
Zeit miteinander verbringen würden. Leo hatte auf seinen Einwand hin nur
geantwortet: „Du siehst mich jeden Tag direkt nach dem Aufstehen. Reicht dir das
denn nicht?“ Und später hatte er mit skeptischem Blick hinzugefügt: „Und denk ja
nicht, dass ich jetzt auch Griechisch wähle, nur um von morgens bis abends bei dir zu
sein. Ich werd mich auch so noch genug um dich kümmern.“
Sobald die zarten Flügel sich rührten, raschelte es. Und jedes Mal, wenn es raschelte,
spitze Erwin die Ohren und fixierte mit seinen großen, braunen Augen verzückt die
beiden kleinen Terminkalender, die vor seiner Nase hin und her flatterten.
Dummerweise beachteten ihn weder Marie noch Hedwig. Sonst wäre ihnen vielleicht
der Gedanke gekommen, dass Erwin die neuen Mitbewohner für ein originelles
Spielzeug hätte halten können. Die beiden Mädchen saßen auf ihrem Zimmer und
machten sich mit den merkwürdigen Helfern bekannt. Schließlich waren sie dazu
verpflichtet worden, von den Fähigkeiten der Terminkalender Gebrauch zu machen
und da es für die lebendigen Wesen dort keine Bedienungsanleitung gab, mussten sie
sich mit dem Dialog begnügen. Hedwig saß zusammengekauert auf ihrem Bett und
musterte die beiden Flugobjekte argwöhnisch. Seit Professor Hermann ihnen zwei
der Dinger auf ihr Zimmer gebracht hatte, war zwischen Marie und ihr eine unsichere
Stille eingekehrt. Sie trauten sich nicht, sich zu unterhalten, aus Angst, die
Terminkalender würden ihren Senf dazugeben. „Ähm“, machte Hedwig und räusperte
sich, „Hallo erst mal. Wer seid ihr überhaupt?“ Im Chor und mit hoher Stimme
antworteten die beiden: „Der Terminkalender ist stets zu Ihren Diensten.“ Das hatten
die Mädchen jetzt schon tausend mal gehört. Schließlich schwirrten die kleinen
Dinger überall im Schulgebäude herum und verunsicherten jeden, der vorbeikam mit
ihrer sich immer wiederholenden Floskel. Man war nirgendwo mehr vor ihnen sicher.
„Könnt ihr eigentlich auch etwas anderes sagen?“, fragte Marie interessiert, „Wie
heißt ihr zum Beispiel?“ „Bitte geben Sie uns einen Namen.“, antwortete der
monotone Sprechgesang. So langsam reifte in Marie die Überzeugung heran, dass es
sich bei dieser Spezies doch nicht um echte, irianische Tiere handelte, sondern um
eine Art Roboter. Leise fragte sie an ihre Freundin gewandt: „Ist das wirklich eine
Tierart?“ Hedwig zuckte mit den Schultern. „Ich habe noch nie etwas davon gehört.“,
murmelte sie, „Aber Iria ist und bleibt dir ein Rätsel, ganz egal, wie lange du schon
hier lebst.“ Das gefiel Marie. In ihrer Welt gab es natürlich auch viele Sachen, die
man sich nicht erklären konnte, aber die meisten von ihnen waren negativ. Wie schön
es doch wäre, wenn auch bei ihr zu Hause plötzlich so ein Terminkalender ins
Zimmer schweben und ihr das Datum der nächsten Klassenarbeit ansagen würde!
Doch ihre Meinung über die kleinen, fliegenden Wesen sollte sich noch schlagartig
ändern. „Na gut.“, sagte Marie dann und wandte sich wieder an die Terminkalender.
„Wer von euch gehört denn jetzt wem?“ Ohne zu antworten, setzte sich einer von
Читать дальше