»Verdammt!« Sagte er und stürzte sich ebenfalls in die Dunkelheit. Ein prellender Schmerz, als er unglücklich auf dem harten Boden aufprallte und umstürzte.
»Na super...« Murmelte er mit Schmerz verzogenem Gesicht im Dreck liegend vor sich hin. Hastig richtete er sich wieder auf, doch der Dieb war nicht mehr zu sehen. Schnell lief Saibo ans Ende der dunklen Gasse auf eine von der Sonne beleuchteten Kreuzung. Er sah sich um. Sein Herz schlug von der anstrengenden Verfolgung und er atmete schwer, während er planlos versuchte den Dieb in einer der schlecht beleuchteten Abzweigungen zu finden. Keine Chance, er war verschwunden. Keuchend sackte er am Gassenrand hinter einer der Obdachlosenbehausung zusammen und rang um Luft. Er hielt sich seine Hand an die Milzgegend und betrachtete mit leicht zusammengekniffenen Augen die Umgebung. Obdachlose säumten die Wegränder, kleine provisorische Behausungen, gebaut aus, Holzresten und anderen Abfällen, in denen sie schliefen. Raunen ging durch die Gasse und verwundert schauten sie auf den abgekämpften Rebellen herab. Er rastete einen Augenblick und atmete tief durch. Nach einer kurzen Erholungspause hievte Saibo sich wieder hoch und ging weiter.
Missmutig schritt er durch die Gassen. Zweifel machten sich allmählich in ihm breit. War es richtig aufzubrechen? Alles, was er hatte war in diesem Rucksack. Wie sollte er weiter vorankommen? Er hatte schon beinahe aufgegeben, als er gänzlich unerwartet in einer kleinen unscheinbaren Nebenstraße den Dieb wieder sah. Hektisch kramte dieser in Saibos Tasche und warf alle Gegenstände von geringem Wert über seine Schultern hinweg auf den Boden.
»Hab ich dich!« Flüsterte Saibo in einer Mischung aus Erleichterung und Wut vor sich hin. Schnurstracks marschierte er auf den völlig in den Rucksack vertieften Dieb zu.
»Ich glaube du wolltest mir etwas wiedergeben...« Sagte Saibo unterschwellig aggressiv. Geschockt sah der Dieb hoch.
»Ich...« Quetschte er hinaus, als Saibo ihn plötzlich packte, hoch zerrte und gegen die Wand presste.
»Rück die Sachen wieder raus!« Befahl Saibo grimmig. Der Dieb kramte einige Kleinteile aus seinen Taschen und ließ sie zu Boden fallen.
»Und jetzt verzieh dich!« Wutentbrannt schubste Saibo den schlaksigen Dieb mit einem rohen Stoß von sich weg. Er strauchelte einige Meter, doch wurde abrupt gestoppt. Verdutzt schaute der er hoch, denn er lag in den behaarten Armen eines stämmigen Mannes, welcher ihn hartnäckig festhielt.
»Ouh... Kacke...« Sagte der Dieb und der Mann begann breit und finster zu grinsen, sodass er seine unvollständigen Zahnreihen entblößte.
»Sieh an, sieh an. Hermes. Was für ein glücklicher Tag doch heute ist, das mir das Schicksal dich in die Arme wirft.«
Der Dieb schluckte und vier weitere Männer, von kerniger Statur, traten aus dem Schatten der Gasse hervor.
»Wer ist denn dein netter Freund?« Fragte der Mann und nahm Saibo ins Auge.
»Das ist nicht mein Freund. Ich kenne ihn gar nicht.«
»So so. Ihr seid also nur zufällig, hier zu zweit in dieser abgelegenen Seitenstraße mit diesem haufen Beute da am Boden?«
»Ähm... Ja?«
»Das werden wir schon noch herausfinden. Rhakim soll das entschieden.«
Der Dieb warf Saibo einen mitleidigen und entschuldigenden Blick zu.
»Packt ihn!« Befahl der Mann und die Vier marschierten geradewegs auf Saibo zu.
»Hey Moment, was zum...« Als Saibo gerade nach dem Schwert greifen wollte, welches am Boden neben dem Rucksack lag, stürmten die Männer auf ihn zu und rammten ihn. In einem Satz wurde er gegen die Wand geschmettert. Sein Brustkorb schmerzte von dem Aufprall. Panisch schaute er auf das Schwert, welches zu Füßen der Männer lag. Langsamen Schrittes kamen sie auf ihn zu. Er hatte keine Ausweichmöglichkeit. Die Männer kreisten ihn ein und Saibo wusste, dass ein Gespräch hier wohl nicht viel helfen würde. Sein Herz pumpte Adrenalin und es raste durch seine Venen. Blitzschnell schoss seine Faust hervor und krachte in eines der Gesichter. Der Mann machte einen Schritt zurück und hielt sich das Gesicht. Zwischen seinen Fingern rann das Blut hindurch und mit groben Hieben schlugen die anderen auf Saibo ein. Er schaffte es einen von ihnen von, um zu werfen, doch der Blutende rückte nach und Saibo konnte nicht länger standhalten. Er versuchte sein Gesicht vor den knochigen Fäusten der Männer zu schützen und fiel unter der schieren Wucht der Schläge rückwärts auf den Boden. Durch seine vor dem Gesicht verschränkten Arme, spähte er und sah, wie der Vierte auf ihn zulief. Harte Tritte trafen Saibo am ganzen Körper. Einer beugte sich hinunter, setzte sich auf Saibos Brust und schlug wie wild auf die kleinen Lücken zwischen seinen Armen auf sein Gesicht ein. Schmerzvolle Schreie tönten durch die Gasse. Mit unbändigem Willen öffnete er seine Deckung und prügelte mit geschlossenen Augen nach oben.
»Der wehrt sich zu sehr!« Klagte einer. Plötzlich sah Saibo an ihm vorbei, wie ein Weiterer mit einem großen Holzklotz auf ihn zu marschierte. Der Mann baute sich vor Saibo auf. Saibos Augen fixierten den Holzklotz, dumpfe Schläge schmetterten auf ihn ein und beendeten seine Gegenwehr.
»Fesselt ihn!«
»Haltet ihn fest!« Hörte er die Männer sich gegenseitig auffordern und spürte wie sie an ihm herum zurrten und seinen Körper eng, mit einem dicken Seil fesselten. Sie zogen es fest, rissen ihn hoch und warfen ihn auf die hölzerne Ladefläche ihres Handkarrens.
»Schon gut, schon gut, keine Schläge!« Wimmerte der Dieb, ließ sich freiwillig festbinden und neben Saibo schmeißen. Ein dickes Tuch wurde über die beiden Verschleppten gespannt und der Karren setzte sich in Bewegung. Es ruckelte, während er über den unebenen Untergrund rollte.
»Tut mir leid.« Sagte der Dieb in das unangenehme Schweigen hinein.
Stumm glitt Saibo sich mit seiner Zunge über die Lippen und schmeckte sein Blut.
»Hast du Schmerzen?« Fragte der Dieb weiter.
»Mein Leben besteht aus Schmerzen.«
Diese Antwort verstörte den Dieb.
Saibo schwieg einen Moment. »Wo bringen die uns hin?« Fragte er endlich.
»Ich weiß nicht, ob du das wirklich wissen willst...«
»Ich schon. Also spucks aus verdammt!«
»Zu Rhakim in den Palast der Aussätzigen.«
»Was?«
»Du bist nicht von hier oder? Hab ich gleich gemerkt. Du warst viel zu leicht zu beklauen. Also der Palast ist so eine Art Zufluchtsstätte für Kriminelle jeglicher Art. Also Diebe, Trickbetrüger, Auftragsmörder und so weiter. Rhakim ist im Grunde so etwas wie der Anführer, der König der Aussätzigen so zu sagen.«
»Na wundervoll... Diese Reise wird ja immer besser.« Grummelte Saibo mit hochgezogener Stirn.
»Was tuschelt ihr da!? Schnauze dahinten!« Schallte es durch die Decke hindurch und die Männer schlugen einige Male ermahnend auf die Decke ein.
»Ich bin übrigens Hermes. Hermes Metis.« Sagte der Dieb unüberlegt und erhielt daraufhin weitere Hiebe. Den Rest der Fahrt schwiegen Saibo und Hermes, um nicht weiter traktiert zu werden. Sie wurden immer weiter aus dem Stadtkern herausgebracht, Richtung Norden. Die lauten und zahlreichen Stimmen der Menschen, die durch die Plane drangen nahmen ab, bis sie beinahe gänzlich verschwanden. Sie hörten lautes Rascheln und der Karren schaukelte stark, als sie das dicht von Pflanzen bewachsene Gebiet im Norden passierten. Auf einmal blieben sie stehen.
Kapitel 4: Der Palast der Aussätzigen
»Wir sind da.« Sagte einer der Männer und riss die Plane vom Karren. Ruppig zogen sie Hermes und den völlig lädierten Saibo hoch. Sie kappten, bis auf jene an den Handgelenken, alle Fesseln und schubsten die Beiden mit einem rauen »Vorwärts!« voran. Saibos Mund klappte ungläubig auf, als er auf das gigantische Gebäude blickte. Es wirkte tatsächlich wie ein alter heruntergekommener Palast, nur größer. Es war ein gigantisches viereckiges Gebäude. Darauf eine riesige alte Glaskuppel, die einst das Dach darstellte, doch über die Jahre war nur ein splittriger, kreisförmiger Ausschnitt davon übrig geblieben. Saibo erblickte die unzähligen Menschen, die dort lebten. Der Rauch von Kochstellen stieg aus den Öffnungen in denen wohl einst Fenster waren heraus. Einige verdreckte und vermoderte Fenster konnten noch an der Fassade erblickt werden, doch die meisten waren herausgebrochen. Misstrauisch schauten die Menschen aus ihren Unterkünften, es waren zwielichtige Gestalten, welche an den Rändern der Wohnungen saßen und auf die Neuankömmlinge herab sahen. Vernarbte warfen ihnen zornige Blicke zu, während sie den Rauch ihrer Wasserpfeifen aus den Mündern stießen. Sie gingen durch den riesigen palastartigen Eingang, über dem auf einer alten schmutzigen Metallplatte in ausgestanzten Buchstaben das Wort »Nord-Einkaufszentrum« zu lesen war.
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