»Wir dürfen nicht aufgeben!« Protestierte Saibo schließlich.
»Das werden wir nicht.« Zaim schnalzte mit der Zunge und sah erschöpft hinab in die Menge. Ein Gemisch aus Dreck, Blut und Schweiß klebte auf seiner Haut und sein schulterlanges, gelocktes Haar hing schweißgetränkt vor seinem Gesicht. »Aber einen Sieg werden wir auch nicht erringen können.« Er ließ seinen Blick durch die Stadt wandern. Kaum ein Gebäude hier war alt, die meisten in den letzten Jahren entstanden. Lehmhütten dicht an dicht, verziert mit Mustern, Glyphen und Leitsätzen der Rebellionsbewegung. Verletzte, sowie Tote wurden durch die Gassen getragen. Frauen pflegten die Verwundeten, Kinder weinten in den Straßen, Einzelteile lagen herum. Alles von der Kleidung bis zu den Gebäuden wirkte bestenfalls provisorisch. Die Waffen bestanden oft aus Rohren oder anderem Schrott, genau wie die Möbel und teilweise die Häuser selbst.
Urplötzlich riss sich mit einem lauten Knallen eine Furche in die Front der Palisaden.
»Sie kommen.« Sagte Zaim mit leicht zusammengekniffenen Augen und beobachtete den kleinen Spalt, der sich auftat.
»Zweite Kolonne bereit machen!« Rief Saibo vom Dach herunter und grapschte hastig nach seinem Schwert. »Bleib hier und erhol dich. Ich werde sie aufhalten Vater!«
Zaim spuckte verächtlich auf den Boden und hinterließ einen roten Klumpen. »Wenn ich sterbe, dann nicht wie ein kümmerlicher Feigling beim Verstecken auf dem Dach! Wenn ich sterbe, dann mit meiner Axt im Feind!« Energisch kämpfte er sich wieder hoch auf die Beine. Saibo nickte und Bewunderung mischte sich mit einer dunklen Vorahnung, als er die Blutlache erblickte, welche sich unter dem alten Veteranen gebildet hatte. Sie stiegen die hölzerne Leiter hinunter. Unruhig starrten die erschöpften Soldaten auf die Palisaden. Sprengkörper detonierten an der dicken Mauer und immer größere Risse zogen sich durch die Schutzwand.
»Ruhig Männer! Haltet euch bereit!« Wies Zaim sie an, während er durch ihre Reihen humpelte. Er kämpfte keuchend mit seinen Verletzungen, doch der unbändige Kampfeswille war nach wie vor ungebrochen. Ein Blick in seine Augen genügte, um zu erkennen, dass er mehr als jeder andere Kämpfer danach gierte, ihn zu befriedigen. Das Tor pochte und rüttelte stark unter den Explosionen.
»Gleich ist es so weit.« Flüsterte Saibo vor sich hin. Gebannt starrte er auf das Tor. Plötzlich detonierte es. Es ratterte und rumste. Einzelteile flogen durch die Luft, sodass Saibo für einen Moment Schutz hinter seinem Schild suchen musste. Knackend krachte eine Torhälfte nach vorn und schlug auf. Stille kehrte ein und dichter Rauch wirbelte im Toreingang. Langsam ließ Saibo seinen Schild hinabgleiten und spähte darüber hinweg nach vorn. Plötzlich brachen unzählige gaianische Soldaten durch den dichten Rauch.
»In den Tod!« Schrie Zaim aus voller Kehle und stürmte durch die noch leicht paralysierten Rebellen hindurch, auf die Feinde zu. Wie vom Teufel besessen taten die anderen Rebellen es ihm gleich. Die Krieger krachten ineinander. Im Blutrausch schlug sich Saibo an der Seite seines Vaters durch die Menge. Zaim waren seine Verwundung kaum anzumerken. Er wirkte beinahe kraftstrotzender als die meisten anderen Krieger auf dem Platz. Um sie herum flammten die Gebäude auf. Mauerstücke wurden herausgesprengt und Dächer in Brand gesteckt. Die Hitze des Gefechts nahm zu. Die überlegenen Gaianer drängten die Rebellen immer weiter nach hinten.
»Zieht euch zurück in den Kern!« Schrie Zaim im Getümmel seinen Männern zu und versuchte die Gaianer in einen Engpass zu locken. Er erblickte seinen nur wenige Meter von ihm entfernt kämpfenden Sohn. »Saibo! Schneide ihnen den Weg ab!« Mit ausgestreckter Axt wies auf einige Gaianer, welche mit mehreren Munitionskisten eine kleine Gasse durchquerten. Prompt setzte Saibo den Befehl um und lief mit drei weiteren Männern an den Ausgang der Gasse.
»Rebellen!« Schrie ein Gaianer, als er sie in der Gasse bemerkte. Ungestüm rannte Saibo auf die sechs Männer zu und hob sein Schwert zum Schlag. Urplötzlich schallte ein gigantischer Knall und warf ihn von den Füßen. Staub drang in seine Lunge und er rang ächzend nach Luft, als Holz und Stein auf ihn herabregneten und ihn unter sich begruben. Auf ein Mal war alles schwarz.
Unter Schmerzen hustete Saibo, als er wieder zu sich kam und langsam die Augen öffnete. Sein Schädel brummte und die leichte Benommenheit fühlte sich an, als sei er alkoholisiert. Heftiges Keuchen gab er von sich und stemmte sich gegen die Last, die auf ihm drückte. Er schob einige Trümmer zur Seite und realisierte noch immer nicht, was passiert war. Orange flackerndes Licht drang durch die Lücken der Trümmer. Leicht panisch presste Saibo mit ganzer Kraft gegen die Holzbalken, welche ihn begruben, und drückte sie mit kleinen ruckartigen Schüben von sich herunter. Schließlich richtete er seinen Oberkörper auf und zog sich schwermütig aus dem Trümmerhaufen. Nachdem er sich ausgehustet hatte, setzte er sich aufrecht hin und blickte sich um. Flammen tänzelten hier und dort in der Dämmerung. Dichter schwarzer Rauch stieg vielerorts auf zum Himmel und verdunkelte diesen. Mehr und mehr Sinne erlangte Saibo zurück und hörte das Knacken der Hölzer und weinen von Kindern in der Ferne. Er stand schwankend auf und taumelte leicht duselig durch die Gasse. Akribisch versuchte er sich zu fangen und den am Boden liegenden Trümmern und leblosen Körpern auszuweichen. Allmählich realisierte Saibo was passiert war und Adrenalin brachte sein Herz zum Rasen. Er betrat den großen Platz am Tor und starrte mit weit aufgerissenen Augen auf das Meer an Gefallenen.
»Nein...Nein...« Stotterte er perplex vor sich hin und schwenkte hastig mit seinem Blick durch die Gegend, um das Ausmaß zu erfassen. »Das kann nicht sein...« Er streifte in der brennenden Stadt umher und suchte nach Überlebenden. Abrupt stoppte er und seine Augen fixierten den Boden.
»Zaim...?« Fragte er den toten Körper, der zu seinen Füßen lag. »Zaim... Zaiim?« Saibo sank auf die Knie und rüttelte den blutüberströmten Leichnam. Ungläubig drehte er das Gesicht zu sich und fiel fassungslos zurück, als er das leblose Antlitz seines Vaters erblickte. Er konnte sich nicht daran erinnern, ob er seit dem Tod seiner Mutter jemals geweint hatte, doch nun verzog sich sein Gesicht und er presste verkrampft seine Augenlider zusammen, zwischen denen die Wimpern feucht wurden. Schließlich brach es aus ihm heraus, letztlich konnte er den Schmerz nicht länger unterdrücken und ein klagender Schrei schallte aus seinen Lungen, als er sich an seinen Vater klammerte. Schlagartig begriff er es. Der am Boden liegende Zaim symbolisierte, was geschehen war. Die Rebellion war gefallen. König Kron hatte es geschafft, er hatte sie gebrochen.
Zwei Tage vergingen. Saibo aß nicht und schlief nicht. Zwei Tage lang war er, nachdem er Zaim begraben hatte, wie ein Zombie durch die Stadt geirrt auf der Suche nach Überlebenden. Ihre Zahl war kümmerlich. Die Flammen waren erloschen und ließen nur Ruß und verbranntes Holz zurück, wonach die ganze Stadt stank. Aufgelöst stand Saibo vor dem Tor eines pompösen Gebäudes, in dem sich die Überlebenden des Massakers zusammengefunden hatten. Das Gebäude war größer und eindrucksvoller als die meisten anderen Lehmhütten. Es war unterteilt in mehrere kleine Häuschen, die durch Gänge verbunden waren. Die Wände waren aus Holz und Stein, mit Lehm zusammen gemörtelt und ringsherum bemalt mit Zitaten und Zeichen der Rebellion. Saibo wandelte durch die offene Eingangshalle hindurch und gelangte auf den großen Platz in der Mitte, um den sich die Häuschen reihten. Dies war einst Zaims Schule, denn Zaim war Lehrer. Doch war er kein gewöhnlicher Lehrer, wie es sie ihn anderen Städten und Dörfern gab. Zaim war ein Rebellionslehrer. Er lehrte seine Schüler in Schrift, Mathematik und vor allem in Geschichte und Philosophie. Er lehrte die Kinder die Freiheit ihres Geistes und die Macht ihres Verstandes. Die Kinder brachten jedoch nur die Hälfte der Zeit mit dem geistigen Training zu. Denn über Saibo am Torbogen stand der wichtigste Grundsatz der Schule. »In einem gesunden Körper, wohnt ein gesunder Geist.« So bildete Zaim die Kinder die Hälfte der Zeit geistig und die andere Hälfte körperlich aus. Die Ausbildung war hart und kräftezehrend. Seit vielen Jahren bestand die Schule für Körper und Geist, wie sie in der Stadt genannt wurde nun schon. Im Alter von 18 Jahren war man ausgebildet und zählte fortan offiziell zu der Elite der Rebellion. Saibo war der erste Schüler Zaims. Früh begann er den jungen zu trainieren, um ihn zu schmieden und zu härten und schnell erlangte der Junge großes Ansehen. Als Zaim die Anfragen mehrerer Eltern erreichten, kam er auf die Idee zur Gründung einer Schule. Doch diese Zeiten waren nun vorbei. Von der glorreichen Schule waren nur noch die kargen rußbedeckten Grundmauern übrig. Schwermütig schritt Saibo in die große Halle am Ende des Platzes.
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