Bevor Annika antworten konnte, kam Swiftwater aus dem Heim, einen großen, schweren Krug im Arm, einen Stapel Becher in der Hand. „Hat jemand Durst?“, fragte er. Fröhlich lärmend drängten sich alle um ihn.
Auch einige ältere Erwachsene hatten sich inzwischen dazu gesellt. Zwei Frauen strickten, unterhielten sich leise, während ihre kleinen Kinder auf dem Boden vor ihnen mit einigen Holztieren spielten. Willow stopfte einen Riss in einer Bluse, ein Mann schnitzte an einem Holzstück.
Ein Mädchen, das eine Strickarbeit in den Händen hielt, schlug vor: „Lasst uns Rätsel raten. Ich weiß eins: Was ist das? Ich hab ein Loch und mach ein Loch und schlüpfe auch durch dieses noch. Kaum bin ich durch, stopf ich's im Nu, mit meiner langen Schleppe zu?“
Annika überlegte. Bevor sie auch nur die leiseste Idee hatte, was es sein konnte, rief Swiftwater schon: „Ach, das ist doch alt; das weiß doch jeder! Nadel und Faden sind’s!“
Ein anderer Junge wandte sich lachend an die Fragerin: „Das konnte ja nur von dir kommen!“
„Der Tag ist mir verhasst, die Nacht ist mein Vergnügen. Zwar Federn hab ich nicht, doch kann ich wacker fliegen“, rief eine der strickenden Frauen.
Was mochte das nur sein, fragte sich Annika. Jeder mochte doch den Tag. Es war die Nacht, die – zumindest hier – furchteinflößend war. Greenleaf sah ihre Verwirrung und erklärte grinsend: „Die hast du auch schon gesehen – das sind Fledermäuse.“
Schon wusste ein weiteres Mädchen ein neues Rätsel: „Ich weiß auch was, wo ‚Fliegen‘ vorkommt: Ich habe zwei Flügel und kann nicht fliegen, hab einen Rücken und kann nicht liegen; ich hab ein Bein und kann nicht steh‘n, doch wenn ich lauf, ist es nicht schön!“ Wieder kam die Antwort – Nase – schneller als Annika die Lösung finden konnte.
Clover fragte schließlich: „Weißt du auch ein Rätsel?“
Verlegen gestand Annika, dass es bei ihnen solch lustige Rätsel nicht gab. In der Schule waren die Rätsel eher Aufgaben oder mathematische Gleichungen, die es zu lösen galt und auch in der Freizeit beschäftigte sich bei ihnen niemand damit, anderen Rätsel aufzugeben.
„Schade“, sagte Clover. In was für einer Welt lebten die Stadtbewohner, wenn sie weder Lieder noch Rätsel kannten? Was sie wohl sonst noch alles nicht kannten? Es mochte eine Menge sein! Sie fühlte fast Mitleid mit Annika – und mit Greenleaf. Er brauchte nicht zu hoffen; sie würde sich hier nie wirklich einleben, dachte sie. Dann steuerte sie selbst ein Rätsel bei: „Ein Tal voll und ein Land voll und am End ist's keine Handvoll.“ Nun mussten etliche doch überlegen.
„Felder?“, schlug jemand vor, ergänzte dann aber sofort, „Nee, das haut mit der Handvoll nicht hin.“
„Licht?“, meinte ein Mädchen.
„Da kriegst du aber keine Hand voll“, gab nun Silverleaf zu bedenken, der mit Clearwater inzwischen auch an der Raterunde teilnahm.
„Was ist denn so groß, dass es ein ganzes Tal füllt und gleichzeitig so klein, dass es in eine Hand passt?“, wunderte sich Wildwind.
„Wind, aber den kann man auch nicht in der Hand halten, oder?“
Ein Junge überlegte: „Vielleicht …? Nee, ich weiß es nicht. Man, ist das schwer. Los, Clover, was ist es?“
Niemand wusste die Lösung.
„Nebel!“, rief Clover schließlich.
„Oh … stimmt, der kann ein ganzes Land füllen, aber in der Hand bleibt nur etwas Feuchtigkeit“, bestätigte Wildwind beeindruckt. Bis es Zeit war, zum Abendessen ins Haus zu gehen, wurden weiter Rätsel erzählt und geraten.
Zwei Tage später machte Greenleaf Ernst. Annika hatte gerade eben erst ihr Frühstück beendet, als der Junge an den Tisch trat. „Bist du bereit? Heute lernst du schwimmen!“, erklärte er munter. Die erschreckte Miene des Mädchens beachtete er nicht. Immer noch hatte sie nachts manchmal Alpträume, die inzwischen vom Ertrinken handelten.
„Soll ich euch was zu essen mitgeben?“, fragte Rainbird, „Ihr werdet ja vielleicht den ganzen Tag unterwegs sein.“ Annika schüttelte entsetzt den Kopf: Den ganzen Tag im Wasser, immerzu schwimmen? Nein, das wollte sie nicht.
„Danke, ich habe schon was aus dem Heim mitgenommen. … Ich weiß nicht, wann ich sie wiederbringe. Es kann ein bisschen dauern – sie soll es ja schließlich lernen. … Komm, wir wollen los.“
Bevor Annika Einwände äußern konnte, waren sie schon unterwegs. Sie gingen nicht zu der Bucht, die das Mädchen so schrecklich in Erinnerung hatte, sondern verließen das Dorf und wanderten ein Stück am Fluss entlang bis zu einer kleinen Bucht zwischen Wiesen und Wald. Es musste ja nicht jeder zusehen, wie Annika das Schwimmen lernte, fand der Junge. Greenleaf hängte den Beutel mit ihrem Mittagessen an einen jungen Baum, zog Oberteil und Schuhe aus und legte sie zusammen mit seinem Gürtel unter den Baum. Dann befahl er: „Los, Schuhe und Gürtel aus. Komm schon!“ Annika schüttelte den Kopf – sie wollte gar nicht schwimmen lernen. Wozu brauchte sie das, wenn sie nie mehr ins Wasser gehen wollte. Doch der Junge drohte: „Wenn du es nicht machst, ziehe ich dich aus!“ Dann wandte er sich zum Wasser.
Nach einigem Maulen folgte ihm das Mädchen, doch als das Wasser ihre Knöchel umspielte, blieb sie stehen. „Ich will nicht! Warum willst du, dass ich schwimmen lerne, wenn ich es nicht will? Ich muss das nicht können! Das Wasser ist nass. Ich finde das widerlich.“
„Du musst es einfach lernen. … Hör zu: Du willst, dass ich dich nach Hause bringe, ja? Das ist ein weiter Weg und wahrscheinlich müssen wir auch mal kleinere Flüsse durchqueren. Da musst du schwimmen können, denn wir können nicht jedes Mal ein Floß bauen, dann sind wir in einem Jahr noch nicht da. Also stell dich jetzt nicht so an.“ Greenleaf war weitergegangen, stand jetzt ein Stück entfernt bis zur Hüfte im Wasser. „Außerdem, siehst du, hier ist es überall flach. Da kannst du gar nicht untergehen“, er zeigte in Richtung auf den Fluss, „Bis da hinten geht dir das Wasser nur bis zur Brust, da musst du keine Angst haben. Komm jetzt endlich, sonst hole ich dich.“
Das grimmige Gesicht des Jungen ließ keine Zweifel aufkommen – er meinte, was er sagte. So gab Annika auf. Ergeben ging sie weiter. Das Wasser stieg über ihre Waden, ging bis zu den Oberschenkeln, umspielte schließlich ihre Hüften, als sie bei Greenleaf ankam. Eng schlang sie die Arme um den Oberkörper, zitterte vor Angst. Doch der Junge, der eben noch so grob und ungeduldig gewirkt hatte, beruhigte sie nun. Sanft legte er eine Hand unter Annikas Becken, die andere an ihren Hinterkopf. „Schsch, ganz ruhig. Du musst nichts tun. Du legst dich gleich auf das Wasser. Fühlst du meine Hände? Sie werden dich tragen. Du kannst mir vertrauen – ich werde dich halten“, Behutsam hob er die untere Hand und Annikas Füße verloren den Kontakt zum Boden. Einen Moment verkrampfte sich ihr Körper, doch dann spürte sie, wie sie auf dem Wasser lag, fühlte sich sicher in den Händen des Jungen. Langsam bewegte sich Greenleaf voran, ließ das Mädchen spüren, wie das kühle Nass um ihren Körper strömte. Annika hatte den Eindruck zu schweben. Dann blieb der Junge wieder stehen. „Breite deine Arme aus. … So ist’s gut. Ich lasse dich jetzt los. Keine Angst, ich bleibe neben dir stehen. Fühle einfach mal, wie dich das Wasser trägt.“ Tatsächlich, auch als sich die warmen Hände von ihrem Körper lösten, ging Annika nicht unter.
Schließlich beugte Greenleaf sich über sie, stupste sie an: „Nimm die Beine runter, du kannst dich wieder hinstellen“, sagte er. Dann, als Annikas Füße wieder fest auf dem Sand standen, fragte er: „Und, wie war’s? Es ist nicht schlimm, hast du gemerkt? Das Wasser trägt deinen Körper, du musst nur Vertrauen haben.“ Begeistert nickte das Mädchen. Der Fluss schien ihr viel weniger schrecklich als noch vor einigen Tagen. Vielleicht würde sie sich doch mit ihm anfreunden können.
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