„Da muss ich ein bisschen ausholen“, erklärte Rainbird. „Warte, ich mache uns einen Tee und dann erzähle ich dir von unserer Geschichte.“ Bald saßen die beiden wieder auf der Terrasse, jede eine Tasse vor sich. „Vor der Katastrophe gab es viele Staaten auf den Kontinenten und die Leute haben verschiedene Sprachen gesprochen. Das wirst du sicher auch wissen.“ Annika nickte. „Dann geschah die Katastrophe, die die Welt an den Rand der Vernichtung brachte. Die Zivilisation, wie sie damals bekannt war, brach vollständig zusammen. Nach dem Zusammenbruch der alten Welt zogen sich einige der Überlebenden zurück in die Wälder und kehrten zurück zu einem Leben wie zu Urzeiten. Sie wollten sich nicht noch einmal einer unkontrollierbaren Technik aussetzen, sondern im Einklang mit der Natur leben. Die Vorfahren von uns Dorfbewohnern gehörten dazu. Meist taten sich Menschen zusammen, die aus einer Gegend kamen oder die gleiche Sprache sprachen. Sie zogen gemeinsam los und bildeten kleine Siedlungen, organisierten ihr Leben mit und in der Natur neu. Weil sie die Sprache sprachen, die sie schon vor der Katastrophe gesprochen hatten, gaben sie natürlich auch ihren Kindern Namen aus ihrem Sprachraum. … Doch unsere Vorfahren entschieden sich nicht nur für Namen in englischer Sprache, die mit ihrem Ursprung verbunden waren, sie wollten auch ausdrücken, wie sehr sie sich der Natur verbunden und verpflichtet fühlten. Deshalb erhielten alle Kinder Namen, die einen klaren Bezug zur Natur hatten, bis niemand mehr die alten Namen benutzte.
Trotzdem, wir sind nicht weltfremd. Wir achten sehr darauf, das Wissen über unsere Geschichte zu bewahren wie auch das Wissen, das unsere Vorfahren erworben hatten. Wir haben die Bibliothek oben auf dem Hügel, lehren unsere Kinder die alten Sprachen und wenden sie noch an, wenn auch manchmal nur in Liedern. Du hast ja einige schon gehört. … Zurück zur Geschichte: Irgendwann begannen dann die Menschen in den Dörfern auch ihre weitere Umgebung zu erforschen. Sie trafen auf andere Menschen, die ebenfalls in Dörfern lebten. Die Menschen begannen also, miteinander zu kommunizieren und zu handeln. Jedes Dorf kann ja auch nicht alles herstellen, was es braucht, also treiben wir Handel. Dafür ist es natürlich wichtig, sich mit den anderen verständigen zu können, doch nicht alle sprachen früher die gleiche Sprache. Aber die Menschen fanden eine Lösung und so ist dann im Laufe der Zeit die Weltsprache entstanden.“
„Aber wenn die Weltsprache zwischen den Dörfern entwickelt wurde, wieso sprechen wir sie auch? Wieso kann ich euch verstehen?“, wollte Annika wissen.
„Tja, das weiß ich nicht genau. Ich weiß aber, dass anfangs noch Kontakte zwischen den Städten und Dörfern bestanden und ich könnte mir denken, dass damals die Weltsprache entwickelt wurde. Doch irgendwann brachen die Kontakte ab, warum, das weiß ich nicht. Wir haben nur gelernt, dass einige Menschen nach der Katastrophe die Städte, die ja alle zerstört waren, wieder aufgebaut haben. Sie … ihr Stadtbewohner schottet euch gegen die Natur ab. Doch wir wissen eigentlich viel zu wenig über euer Leben, viel weniger als über die Menschen in den anderen Dörfern. Aber da kannst du uns sicher helfen.“
Bevor Annika jedoch erzählen konnte, wie die Geschichte seit der Katastrophe aus ihrer Sicht aussah, wurden sie unterbrochen. Zwei Kinder kamen und baten Rainbird mitzukommen. Die ältere Schwester des einen war böse gestürzt und benötigte Hilfe. Die Heilerin packte ihre Tasche und folgte den Kindern, während Annika zurückblieb, aufräumte und schließlich das Abendessen vorbereitete.
Auch in dieser Nacht quälte sie wieder der Alptraum von der Flucht durch den Wald. So war Annika froh, dass sie den Tag ruhig angehen konnte. Clearwater und Greenleaf waren noch nicht von der Jagd zurückgekehrt, deshalb blieb das Mädchen auch am folgenden Tag im Dorf. Sie lernte einige der anderen jungen Leute näher kennen. Am Flussufer traf sie Wildwind, eine achtzehnjährige Gärtnerin, die in einem Gemüsebeet hockte und sorgfältig die Erde lockerte. Sie hatten sich beim Mittagessen im Heim schon kennengelernt und Wildwind freute sich nun, die Bekanntschaft zu vertiefen. Sie verstanden sich sofort. Die Gärtnerin arbeitete gern an den Beeten, erzählte sie; hatte mit Pflanzen viel Glück. Aus ihren Schilderungen schloss Annika, dass nicht nur Glück, sondern ein fundiertes Wissen und viel Sorgfalt und Ehrfurcht dafür sorgten, dass alles, was die Gärtnerin pflanzte, gut gedieh. Neugierig fragte das Mädchen nach dem Nutzen der Pflanzen und Wildwind zog Möhren aus der Erde, Sellerie und Kohlrabi; schnitt einen Kohlkopf ab und erklärte jedes Mal wie das Gemüse am besten zubereitet wurde. Sie mochte Annikas Fragen, freute sich darüber, ihr alles erklären zu können. Bald war der große Korb mit dem Gemüse gefüllt. Die beiden Mädchen gingen zum Heim. Gemeinsam wuschen, schälten und schnitten sie alles und dann lernte Annika, wie man eine schmackhafte Suppe kochte. Dabei erzählte Wildwind von einigen witzigen Ereignissen im Dorf, wie davon, dass einmal ein Achtzehnjähriger einen Kürbis ausgehöhlt und ihm eine Fratze verpasst hatte. Er hatte ihn auf die obere Treppenstufe im Heim gelegt und zwei Fünfzehnjährige hatten sich fürchterlich erschreckt, denn der Junge hatte eine Kerze hineingestellt und damit die Augen gruselig zum Leuchten gebracht. Danach erzählte Annika von ihrer Familie und der Schule und was sie dort Lustiges erlebt hatte. So hatte ein Mädchen einmal den Lehrermonitor im Klassenraum manipuliert und jedes Mal, wenn der Professor den Bildschirm berührte, schrie das Gerät: „Au, fass mich nicht an!“ Nach dem ersten Schreck hatte es eine Weile gedauert, bis der Professor die Veränderung wieder rückgängig gemacht hatte. Die beiden Mädchen lachten aus vollem Hals. Sie hatten viel Spaß miteinander.
Clover kam mit einem Korb Fische herein, stellte ihn schwungvoll auf den Tresen. „Das sollte zum Abendessen reichen – nur das Beste für uns“, sie erblickte Annika. „Hei, du hier? Sieht aus, als ob dir die Arbeit hier im Heim Spaß macht“, lachte die Fischerin und ging dann auf ihr Zimmer hoch. Annika war irritiert. Doch bevor sie Wildwind auch nur eine Frage stellen konnte, kam ein Junge herbei, nahm die Fische, legte sie auf den Tisch neben dem Herd und fing an, sie auszunehmen und zu putzen. Wildwind grinste, als Annika die Nase rümpfte. „Wenn du die jetzt schon nicht magst, dann solltest du nie einen Fisch riechen, der alt ist. Du glaubst gar nicht, wie der stinkt.“
„Es ist nicht der Geruch“, erklärte Annika, „ich finde er riecht eigentlich gar nicht so sehr. Aber ich finde es schrecklich, wenn Tiere … äh, aufgemacht werden.“
„Ausgenommen“, verbesserte der Junge, „aber wie willst du sie sonst braten? Du kannst ja nicht die Schwimmblase und den Darm und die Galle und das alles drin lassen.“
„Es ist nur … ich mag das nicht ansehen“, entschuldigte sich Annika, wandte dem Jungen den Rücken zu und reichte Wildwind die gewünschten Kräuter.
Whitewave saß auf seinem Wachposten, einen Fuß auf den Ast gestellt. Er blickte über die Felder auf den Wald, doch er sah die Bäume nicht. Seine Wache war bald zu Ende. Hoffentlich würde er heute Nachmittag Annika wiedersehen. Er wünschte es sich. Sie war so anders: Zart und hellhäutig – und dann die langen blonden Haare. Er seufzte. Ob sie ihn auch mochte – wenigstens ein bisschen? Neulich hatte sie ihn freundlich angelächelt. Er musste mit ihr ins Gespräch kommen, ihr etwas Nettes sagen. … Verdammt, warum bloß hatte Greenleaf sie gefunden. Ausgerechnet Greenleaf. Er war Jäger! Die meisten Mädchen fanden ihn toll – bestimmt weil er Jäger war, dachte der Junge verärgert. Annika auch? Er konnte es nicht sagen. Sie schien Greenleaf zu bewundern, aber schließlich hatte der sie auch gerettet. Hatte er deswegen mehr Anrecht auf sie als andere? Warum nur war er, Whitewave, nicht auch Jäger geworden? Er hatte es wirklich versucht, hatte das Jahr im Wald recht gut überstanden. Dann aber hatte er versagt – so empfand er es zumindest, egal, was die anderen sagten.
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