Plötzlich tauchte Wildwind neben ihr auf. „Hei, da bist du ja“, rief sie lachend, freute sich, dass ihre Freundin nun auch ins Wasser gekommen war, „Ist das nicht herrlich?“ Dann schwamm sie energisch einigen anderen Schwimmern hinterher, die sich weit in die Bucht hinaus gewagt hatten und nach ihr riefen.
Annika breitete die Arme aus. Auf einmal schrie sie auf. Ihre Füße hatten keinen Grund mehr! Hastig fing sie an zu strampeln, schlug wild mit den Armen. Wasser schwappte in ihr Gesicht, sie schrie, hatte plötzlich den Kopf unter Wasser, verschluckte sich und musste husten. Nun geriet sie in Panik. Sie würde ertrinken! Sie würde untergehen und sterben! Sie schlug und strampelte wie wild, hustete wieder, als sie erneut Wasser ins Gesicht bekam. Wo war das Land? Wo waren die anderen? Sie sah nur braunes Wasser um sich herum, hörte fern Gelächter. Sollte sie hier einsam sterben, während überall die anderen spielten und tobten?
„Hilfe!“, schrie sie, schluckte wieder Wasser, schlug um sich.
Plötzlich fühlte sie sich gepackt. Zwei kräftige Hände umfassten ihren Körper, hoben sie nach oben.
„Halt still! Hör auf, rumzuschlagen!“, befahl eine Stimme, während Annika japsend nach Luft schnappte. Sie folgte dem Befehl und wurde durch das Wasser gezogen. Voller Angst klammerte sie sich an dem Arm fest, der um ihren Körper lag.
„So, jetzt kannst du stehen“, sagte die Stimme. Annika schüttelte panisch den Kopf, wollte den Arm nicht loslassen, der sie immer noch hielt. „Stell dich hin, du kannst hier stehen. … Sie mich an, ich stehe auch.“
Annika drehte sich, blickte in das grimmige Gesicht von Greenleaf. Jetzt erst tastete sie mit ihren Füßen nach dem Grund, ließ seine Hand los, hustete. Sie hörte lautes Schimpfen, wandte den Kopf. Nur wenig entfernt stand Clearwater im Wasser, schrie wütend auf einige der Schwimmer ein, die im Kreis um sie herum standen. Weitere kamen herbei.
„Seid ihr verrückt geworden? Wie könnt ihr Annika allein ins Wasser lassen, ohne zu prüfen, ob sie schwimmen kann? Meine Güte, ihr seid echt Idioten!“, fauchte sie.
Whitewave, blutrot im Gesicht, stammelte: „Aber ich wusste nicht, …“
Clearwater ließ ihn nicht ausreden: „Ihr wisst, dass sie aus der Stadt kommt und ihr wisst, dass die dort irgendwie nichts mit Natur am Hut haben. Verdammt, da müsst ihr sie fragen, ob sie schwimmen kann.“
„Aber woher sollten wir denn …“, begann nun auch Wildwind.
Wieder unterbrach Clearwater: „Verdammt, dann hättet ihr sie wenigstens im Auge behalten müssen. … Seid nur froh, dass Greenleaf und ich gerade gekommen sind!“
Ein junger Mann trat nun auf Clearwater zu, legte seine Hand auf ihren Arm. „He Clearwater, hör zu. Ich kann verstehen, dass du wütend bist. Du hast Recht, wir hätten Annika fragen oder zumindest auf sie aufpassen sollen. Aber keiner konnte doch wissen, dass sie nicht schwimmen kann. Es nützt gar nichts, wenn du jetzt rumschreist. Zum Glück war Greenleaf zur rechten Zeit da. … Jetzt beruhigt euch wieder … ihr alle“, er machte eine Pause. „Aber wir sollten uns bei Annika entschuldigen – Annika, es tut mir Leid, wir haben das nicht richtig eingeschätzt. Ich bin Redstone. Kannst du uns verzeihen?“
Das Mädchen nickte. Jetzt erst ließ sie Greenleafs Arm los und folgte dann den Zwillingen aus dem Wasser. Dort sank sie erschöpft ins Gras. Auch die anderen kamen nun ans Ufer. Niemand hatte mehr Lust zu baden. Eine Weile saßen sie noch zusammen, drückten sich das Wasser aus den Haaren und zogen sich wieder an. Immer wieder flogen Blicke zu Annika, murmelten Stimmen. Zögernd erst, doch dann munterer, wurden nach und nach wieder Gespräche aufgenommen. Einige Jugendliche standen auf, verabschiedeten sich und gingen, irgendjemand lachte.
„Ich wusste doch nicht, dass du nicht schwimmen kannst“, entschuldigte sich Wildwind.
„Bei uns kann das niemand. Könnt ihr denn alle schwimmen?“, fragte Annika, noch immer leicht keuchend. Nach all der Angst fing sie an zu zittern. Beruhigend legte Greenleaf seinen Arm um sie.
„Natürlich“, erklärte Redstone, „das lernen bei uns schon die kleinen Kinder. Schließlich leben wir hier am Fluss, da ist das wichtig. … Geht’s wieder?“ Wieder nickte Annika, löste sich aus Greenleafs Arm und blickte auf die Zwillinge.
Clover sah spöttisch grinsend erst auf Annika, dann auf Greenleaf. „Du meine Güte, es ist doch klar, dass jeder schwimmen können muss. Du kannst immer mit dem Boot kentern, wie willst du sonst wieder ans Ufer kommen? Außerdem …“
Greenleaf zog die Augenbrauen hoch. „Lass sie, Clover!“, er wandte sich an Annika: „Ich glaube, für heute reicht es erstmal. Ich bringe dich zu Rainbird. Aber du musst dringend schwimmen lernen … ich bin ja nicht immer hier und wir können nicht jedes Mal jemanden abstellen, der dich vor dem Ertrinken rettet“, grinste er dann.
„Du bist genauso blöd wie die anderen“, fauchte seine Schwester ihn an. „Annika ist fast ertrunken und du machst Scherze darüber.“
„He, was soll das? Erst machst du die anderen an, jetzt mich? Sie ist ja nicht ertrunken – ich habe sie rausgezogen, vergiss das nicht. … Übrigens war das gar nicht nötig“, wandte er sich an Annika, „du hättest da noch stehen können … na ja, auf Zehenspitzen, aber es war da echt noch nicht so tief. … Egal, für heute reicht’s. Kannst du aufstehen und gehen?“ Das Mädchen erhob sich und in Begleitung der Zwillinge ging sie zum Haus der Heilerin.
Rainbird schlug die Hände über dem Kopf zusammen, als sie von dem Abenteuer hörte. „Du liebe Güte, wer hätte denn gedacht, dass du nicht schwimmen kannst. Das war etwas unvorsichtig von den anderen, dir nicht zu sagen, wo das Wasser tief wird, wo du doch den Fluss nicht kennst. … Nun, ich freue mich, dass Greenleaf so prompt reagiert hat. Aber er hat Recht, du musst unbedingt schwimmen lernen. … Jetzt setz dich erst mal auf die Terrasse, ich mache dir eine schöne Tasse Tee, dann geht es dir gleich besser“, mit diesen Worten verschwand sie im Haus. Auch die Zwillinge verließen Annika wieder; sie hatten einen Auftrag zu erledigen. Allein auf der Terrasse, kam die Angst zurück – es war so schrecklich gewesen; sie hatte wirklich gedacht, sie müsse sterben. Greenleaf und auch Rainbird wollten, dass sie schwimmen lernte? Nie wieder würde sie in das Wasser gehen, nie wieder. Es war nass und dunkel und bedrohlich. Überhaupt: Warum gab es hier überall nur Sachen, die gefährlich waren und ihr Angst machten? Ihr Magen grummelte wieder – sie hatte es ja geahnt, das, was die Leute hier aßen, bekam ihr auch nicht. Sie wollte nach Hause, wollte zurück zu ihren Eltern und in die Stadt, wo sie in Sicherheit war und keine gefährlichen Sachen passieren konnten.
Annika hatte befürchtet, dass alle über sie lachen oder sie zumindest mitleidig ansehen würden, doch am nächsten Tag sprach niemand mehr von dem Vorfall. Gleich am Morgen nahm Rainbird das Mädchen mit. Schon in der Dämmerung gingen sie los. Die Heilerin trug einen großen Korb über dem Arm, hatte in der anderen Hand einen langen kräftigen Stab; beide hatten Messer am Gürtel. Am Fluss entlang gingen sie über eine weite, feuchte Wiese. Silbern glänzte der Tau auf dem Gras, nässte ihre Beine. Die Tautropfen glitzerten in der Morgensonne, die sich eben über den fernen Baumwipfeln erhob. Nach wenigen Schritten schon setzte Rainbird den Korb ab, bückte sich und nahm eine Pflanze in die Hand. „Das ist Blutweiderich – sieh nur, wie hübsch seine Blüten sind. Seine Blätter wirken gegen Infektionen – wenn du sie auf Schnittwunden legst, heilen die schneller.“
Sie gingen weiter in die Wiese hinein. Immer wieder zeigte die Heilerin auf verschiedene Pflanzen – Heilkräuter wie Schafgarbe und Salbei, essbare Pflanzen wie Pastinake und Löwenzahn, hübsche Blumen wie Margeriten und Storchenschnabel. Zu jeder Pflanze wusste die Heilerin etwas zu erzählen, nahezu jede war hilfreich gegen etwas, wie Krankheiten oder Verletzungen, oder für etwas, wie Wohlbefinden oder guten Schlaf. Schließlich zupfte sie ein pfeilförmiges Blatt von einem hohen Stängel. „Probier das mal“, sagte sie und reichte Annika das Blatt, „Das ist Sauerampfer. … Ja“, lachte sie, alssie das Gesicht des Mädchens sah, „er ist ziemlich sauer, aber er löscht den Durst ,wenn du unterwegs bist.“
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