Annika und Clearwater erreichten das Flussufer. Beide ließen sich im Gras nieder, blickten auf das Wasser. Die Jägerin schloss die Augen. „Es ist ungewohnt, einfach nur hier sitzen zu können“, lächelte sie, „aber ich genieße es.“ Beide legten sich zurück. Eine Weile blieben sie liegen, schwiegen zufrieden; Annika döste ein wenig.
Ein gellender Schrei ertönte. Annika fuhr erschrocken hoch. „Wer war das?“
Auch Clearwater setzte sich auf. „Keine Sorge, das war eine Harpyie. Sieh, da oben fliegt sie. Sie ist auf der Jagd.“
Ihr Blick fiel auf Annikas bloße Arme. „Pass auf, du bekommst einen Sonnenbrand.“ Annika war verwirrt und so erklärte Clearwater: „Deine Arme … oh, und auch dein Gesicht. Sie werden rot. Komm, lass uns aufstehen, du musst aus der Sonne. Wir gehen zu uns, komm.“
Erschrocken blickte Annika auf ihre Arme – deutlich war eine leichte Rötung zu erkennen. Sie rieb mit den Händen darüber, doch die Farbe blieb. „Was mache ich nur?“, ihre Stimme wurde schrill – plötzlich war ihr etwas eingefallen, „Oh nein, das ist gefährlich.“
„Wieso? Das ist doch in ein paar Tagen wieder weg. Du solltest nur jetzt aus der Sonne raus.“
„Nein, das gibt Hautkrebs, weißt du das nicht?“
„Was, Hautkrebs?“, wunderte sich Clearwater. Sie konnte sehen, dass Annika wieder in Panik geriet. „Wieso hast du Angst vor der Sonne? Sie ist doch schön. Sie gibt uns Leben, sie wärmt uns. Ohne Sonne können wir nicht existieren, da wächst nichts auf den Feldern. Vor der Sonne muss man doch keine Angst haben. … Sag mal, gibt es womöglich bei euch gar keine Sonne? Greenleaf hat gesagt, die anderen wären auch so bleich gewesen wie du.“
Sie führte Annika in den Schatten der Bäume und die erklärte: „Natürlich scheint bei uns auch die Sonne, natürlich. Aber wisst ihr, vor der Katastrophe, in den Jahren vorher, da gab es immer Warnungen. Erst nur im Sommer, dann das ganze Jahr über durften die Menschen nicht zu lange in der Sonne bleiben, weil die Ozonschicht so dünn geworden war und das Hautkrebsrisiko so stark gestiegen war. Viele Menschen haben Hautkrebs bekommen und sind daran gestorben. Das war echt gefährlich. Ja, und als dann die Städte neu aufgebaut wurden, da haben die Stadtplaner sich überlegt, wie sie verhindern können, dass Menschen an Hautkrebs sterben; dass die Menschen aber trotzdem rausgehen dürfen. Sonst hätten wir die Städte ja gleich unter die Erde legen können. Deshalb sind alle Städte mit großen … ähm, großen Schirmen überspannt. Hm …“, Annika überlegte, wie sie darstellen sollte, dass riesige transparente Filter über den Städten hingen.
Turmhohe Masten waren um die Stadt herum und entlang des Parks im Zentrum verteilt. Starke Spannseile hielten und sicherten sie. Zwischen ihnen waren die klaren Schutzdächer befestigt, spannten sich von Mast zu Mast wie ein riesiges Netz. Zwischen Gitterelementen waren durchsichtige, leicht getönte Platten eingesetzt. Sie ließen das Licht durch, doch sie verhinderten, dass die schädlichen UV-Strahlen ungefiltert auf die Bewohner trafen. Dennoch war die Stadt nicht hermetisch abgeschlossen. Der Schirm schwebte ein ganzes Stück über den Stadtmauern, lag nicht auf, sondern ließ Luft hindurch. An manchen Tagen konnte man den Wind spüren, der unter ihm hindurch strich. Manchmal kamen auch Vögel und andere fliegende Tiere auf diese Weise in die Stadt, aber dafür gab es die Wächter. Das war eine andere Geschichte.
Annika sah sich um. Auf der Erde vor ihr lagen Steine und Zweige. Sie hatte eine Idee. Sie hockte sich hin, nahm ein Stöckchen und fing an: „Das ist die Stadtmauer. Sie umgibt unsere Stadt wie bei euch der Zaun. Nur ist unsere Mauer aus Beton und höher, glaube ich. Und sieh, innerhalb der Mauer sind die Masten“, Annika malte Striche, die über den Bogen, der die Mauer darstellte, hinaus ragten. Dann malte sie den Schirm und erklärte seine Funktion.
Clearwater lachte: „Jetzt verstehe ich, warum du so blass bist. Wir hatten schon überlegt, ob es vielleicht daran liegt, dass ihr im Norden wohnt, wo das Meer ist. Aber das Wasser reflektiert die Sonnenstrahlen ja noch und die Leute, die immer am Fluss arbeiten, sind meist noch brauner als wir anderen …“, sie unterbrach sich ,als Annika die Stirn runzelte, „Was ist?“
„Wir wohnen nicht am Meer“, stellte das Mädchen richtig, „Amsterdam liegt am Meer, aber unsere Stadt nicht. Das ist ziemlich weit weg. Mit dem Gleiter dauert es ein paar Stunden, bis wir am Meer sind. … Aber alle Menschen, die in Städten wohnen, haben eine helle Haut. Habt ihr denn gar keine Angst, Hautkrebs zu bekommen?“
„Ich weiß nicht genau, was du meinst, aber da bei uns niemand krank wird, bloß weil er in der Sonne ist, glaube ich … nein, wir haben keine Angst vor der Sonne. Niemand hier. … So, jetzt lass uns weitergehen. Es ist Mittag; die haben sicher schon das Essen fertig.“
Kurze Zeit später erreichten sie das Heim. Die Tür war weit geöffnet, Stimmengewirr war zu hören. Sie traten in die halbdunkle Halle und Annika brauchte einen Augenblick, bis sich ihre Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten. Sie waren in einem großen Saal, dessen Fenster von dichten Bäumen überschattet wurden. Auf der einen Seite standen drei lange Tische, an denen einige junge Leute auf Bänken saßen. Sie unterbrachen ihre Gespräche und blickten auf die beiden Neuankömmlinge. Whitewave sprang auf und rief errötend: „Kommt her. Ihr könnt euch zu uns setzen!“, dabei klopfte er mit der Hand auf den Tisch. Auch seine Gefährten, alle zwischen 15 und knapp über 20 Jahren winkten ihnen zu.
„Ja los, setzen wir uns zu ihnen“, lachte Clearwater, „aber erst lass uns was zu essen holen. Ich habe Hunger – du doch sicher auch.“ Sie führte Annika zu einem Tresen, der den Raum teilte und hinter dem sich eine offene Küche befand. Ein Mädchen und ein Junge erwarteten die beiden; im Hintergrund spülten drei weitere Jugendliche laut klappernd das Geschirr. Während Annika noch über die Herde staunte, auf denen in großen Töpfen die Speisen köchelten, ebenfalls bewacht von jungen Menschen, hatte der Junge schon zwei braune Steingutteller unter dem Tresen hervor geholt. Auf Clearwaters Frage, was es denn zu essen gäbe, bot er einen Bohneneintopf und Hirschbraten mit Kartoffeln und Möhren zur Auswahl an.
„Du nimmst den Hirsch, wie immer, oder?“, fragte der Junge.
Clearwater lachte: „Natürlich. Schließlich habe ich ihn mitgebracht. … Annika, was willst du?“
Das Mädchen zögerte, ließ sich beide Gerichte zeigen und schloss sich dann ihrer Freundin an. Krüge mit Wasser standen auf den Tischen und bald saßen sie zwischen den anderen, die ebenfalls eifrig ihren Speisen zusprachen und sich munter unterhielten.
„Habt ihr gar keine Erwachsenen hier?“, fragte Annika flüsternd.
Clearwater verstand nicht. „Wir sind alle erwachsen, die Jüngeren leben doch bei ihren Eltern.“
„Aber … ich meine, gibt es hier keine wirklichen Erwachsenen, keine Älteren?“
„Wir sind alle wirklich erwachsen, das haben wir dir doch schon erzählt“, erklärte die Jägerin leise. „Und Ältere … na ja, ein paar wohnen schon hier; Summerbreeze und Sweetnut und Greenwood – aber die sind unterwegs.“
„Aber, wer hat denn dann die Verantwortung?“
Clearwater verstand immer noch nicht genau, auf was Annika hinaus wollte. „Na, in der Küche gerade Appleblossom und die, die da sonst noch arbeiten – ist doch klar, oder? Und für die Zimmer sind wir selbst verantwortlich – also für’s Saubermachen und so. Wieso?“
„Aber … ach, egal. Ich kann das nicht richtig erklären. Irgendwie ist das hier ganz anders“, Annika hob die Hände. Wie sollte sie nur beschreiben, dass doch überall jemand sein musste, der den Überblick hatte, bestimmte, was zu tun war und dann auch die Verantwortung trug. Das konnte doch niemand sein, der erst 15 oder so war. Sie sah die Jugendlichen in ihrer Nähe, war verwirrt. Doch schließlich beugte sie sich wieder über ihren Teller. Clearwater hatte sich umgesehen. Ihr Blick fing den eines anderen Mädchens in ihrer Nähe. Sie hob die Schultern, lächelte kurz, dann aß auch sie weiter. Alle hatten ihre Teller vor sich stehen, aßen und tranken. Immer wieder flogen neugierige Blicke zu Annika.
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