1 ...7 8 9 11 12 13 ...26 „Das ist mein Dorf“, erklärte er stolz. „Hier wohnen wir.“
Eine junge Frau kam ihnen entgegen, sie hinkte. „Hallo Moon, das ist Annika“, stellte Greenleaf vor. Lächelnd kam die Frau näher. Unter der knielangen Hose konnte das Mädchen eine lange Narbe an ihrem Bein sehen.
„Ich sehe, du hast Besuch mitgebracht“, stellte sie fest und hob grüßend die Hand. „Ich bin Moonbeam, aber die meisten nennen mich Moon.“ Eine alte Frau kam aus einem der Häuser. „Willow, sieh nur, Greenleaf hat heute eine ganz besondere Beute mitgebracht“, rief Moonbeam lachend. Ihre Augen blitzten lustig. Langsam kam die alte Frau näher. Aus den Häusern traten weitere Menschen, andere kamen aus ihren Gärten, das Werkzeug noch in der Hand. Annika wunderte sich: Ihre Kleider hatten unterschiedliche Farben und Schnitte. Annika konnte rote und braune, blaue und grüne Hosen sehen, bunt gemusterte und einfarbige Oberteile. Einige trugen Hosen, die bis an die Knie reichten, andere kurze wie Greenleaf und Clearwater. Auch bei den Oberteilen gab es Unterschiede. Manche hatte Hemden mit kurzen Ärmeln an; die meisten aber trugen ärmellose Oberteile, manche sogar zum Knöpfen mit teils runden, teils V-förmigen Ausschnitten. Offensichtlich konnte jeder anziehen, was er wollte.
Etliche der Dorfbewohner standen nun um Greenleaf und Annika. „Hallo, du hast uns einen Gast mitgebracht – sei gegrüßt“ – „Herzlich willkommen“, erklangen freundliche Stimmen. Eine Kinderhand streckte sich nach ihrem herabhängenden Ärmel aus. Neugierig betrachteten die Leute Annika, die die Menschen kaum noch wahr nahm. Greenleaf, der bemerkte, dass sein Schützling völlig erschöpft war, bahnte sich geschickt einen Weg durch die Menge und zog Annika mit sich. Er bog in eine Gasse ab, hielt vor einem Haus an, das nicht weit vom Ufer stand. Er klopfte kurz, öffnete dann die Tür und trat ein. Annika wurde etwas munterer: Sie stand in einem gemütlichen Zimmer, dessen Boden, Wände und Decke aus glatten, honiggelben Holzdielen bestanden. Eine Anrichte und einige Bücherregale aus hellerem Holz standen an den Wänden, dazu ein Sofa mit einem gemusterten Bezug. An einer Wand war ein gemauerter, offener Kamin. Auf dem Boden lag ein Teppich aus grauer Wolle, darauf standen ein kleiner Tisch und ein Sessel. Ein Fenster, vor dem ein großer Schreibtisch stand, gab den Blick über einen Garten auf den Fluss frei, der behäbig vorbei floss, ein weiteres zeigte zur Straße.
Eine Tür öffnete sich und eine Frau trat ein. „Hallo Rainbird! Das ist Annika“, erklärte Greenleaf, „Annika, das ist Rainbird, meine Mutter. … Ich dachte, es ist das Beste, wenn ich sie erst einmal zu dir bringe“, wandte er sich der Frau zu. Auch ohne Greenleafs Erklärung hätte Annika gewusst, wer die Frau war – die Ähnlichkeit mit ihrem Sohn war verblüffend.
Rainbird begrüßte das Mädchen freundlich und sagte dann: „… komm mit, Kind. Du siehst ja völlig erschöpft aus.“ Sie führte Annika treppauf in ein freundliches Schlafzimmer, mit einem einladend aussehenden Bett. Am liebsten hätte das Mädchen sich darauf fallen lassen, doch schon kam die Frau mit einer Schüssel und einem Krug mit frischem Wasser, einer cremigen Seife und weichen Tüchern. Dann ließ sie Annika allein. Dankbar wusch diese sich Gesicht und Hände. Wenig später brachte Rainbird einen Topf, in dem sich eine duftende Salbe befand und bestrich die sichtbaren von Annikas Mückenstichen. Sofort war eine angenehme Kühlung zu spüren; das Jucken ließ nach.
Schließlich wurde Annika wieder in das Wohnzimmer zurückgeleitet. Erneut ließ Rainbird sie kurz allein. Erleichtert sank das Mädchen auf das breite Sofa; sie würde nun keinen Schritt mehr gehen. Endlich ließ die Anspannung nach, endlich fühlte sie sich sicher. Sie fand es schwierig, die Augen offen zu halten. Die Tür öffnete sich und Rainbird kam mit einem Tablett zurück, auf dem Becher und ein großer Teller mit Speisen standen. Greenleaf, der ebenfalls den Raum verlassen hatte, folgte seiner Mutter mit einem Krug in der Hand.
„Du wirst hungrig sein“, sagte Rainbird lächelnd und lud das Mädchen mit einer Geste ein zuzugreifen, „und du auch, Greenleaf. Ihr wart lange unterwegs.“
Sofort war Annika wieder wach. Oh ja, Hunger hatte sie auch. Dankbar nahm sie ein belegtes Brot, biss hinein. Auch Greenleaf langte zu und schnell hatten die beiden den Teller geleert. Jetzt, angenehm gesättigt, kam die Müdigkeit zurück. Das Mädchen lehnte den Kopf an die Sofalehne und blickte verträumt auf Mutter und Sohn, die sich inzwischen leise unterhielten. Wenig später fielen ihr die Augen zu. „Armes Ding“, lächelte Rainbird, „Wie hast du sie gefunden?“ Sanft legte sie das Mädchen hin, strich ihm über das Haar und deckte es mit einer Decke zu, während Greenleaf ihr berichtete.
Annika wachte auf. Eine herunter gedrehte Lampe auf dem Tisch gab ein schwaches Licht, sonst lag der Raum im Dunklen. Sie war allein. Langsam richtete sie sich auf, gähnte. Nur allmählich kam die Erinnerung zurück. Sie war bei Rainbird, sie war in Sicherheit. Doch, wieso war schon wieder Nacht? Wie lange mochte sie geschlafen haben? Leise öffnete sich die Tür. Annika erhob sich, als Rainbird eintrat mit einem Krug und zwei Bechern in den Händen. „Bleib ruhig sitzen“, sagte die Frau und setzte sich in den Sessel, „Geht es dir jetzt besser?“
Annika nickte. Dann fragte sie ein wenig unsicher: „Es ist dunkel – ist es schon spät? … Oh, und Sie sind extra meinetwegen aufgeblieben.“
„Nein, mach dir keine Sorgen. Ich gehe immer erst spät ins Bett; oft arbeite ich bis tief in die Nacht. Wenn du magst, leiste ich dir gerne noch etwas Gesellschaft.“ Sie goss beiden ein. „Hier, trink das, das wird dir gut tun.“
Das Mädchen war verwirrt. „Danke. … Greenleaf – wo … Ich meine … oh, der schläft sicher schon, nicht wahr?“
„Das denke ich doch. Mach dir um ihn keine Gedanken. Er sagte, dass der Weg für dich sehr anstrengend war. Deshalb wollte er, dass du Ruhe hast. Sieh, Greenleaf und auch meine Tochter – Clearwater, weißt du?“, Annika nickte und Rainbird fuhr fort: „Ach ja, du hast sie ja schon kennen gelernt – nun, die beiden wohnen ja nicht hier. Deshalb … oh, aber das kannst du nicht wissen – bei uns ist es so, dass die jungen Leute, wenn sie die Prüfung abgelegt haben, ihre Familien verlassen und erst einmal in das Heim ziehen, wo sie dann alle leben. Sie sind dann ja keine Kinder mehr, nicht wahr? Aber da ist es verständlicherweise manchmal etwas unruhiger und deshalb hat er dich zu mir gebracht.“
Annika kam aus dem Staunen nicht heraus. Greenleaf und Clearwater wohnten nicht mehr bei ihrer Mutter? Wer kümmerte sich denn dann um alles? Wie mochte das Heim aussehen? Sie konnte es sich nicht vorstellen. Überhaupt, alles war so ganz anders als sie es gewohnt war. Sie dachte an ihr Zuhause.
Sie lebte mit ihren Eltern in einem schönen Haus, hatte, genau wie ihre Schwester, ein eigenes Zimmer. Wie bei allen Häusern in der Stadt, egal ob Wohnhaus, Verwaltungsgebäude oder Institut, war die dominierende Farbe weiß. Alle Mauern waren weiß, die Fensterrahmen und Türen hellgrau. Auch bei den Möbeln gab es kein Holz, nur pflegeleichte weiße Kunststoffe und chromglänzende Metalle. Nur bei der Farbe für die Wände, den Teppichboden, der jeden Raum bedeckte, und die Farbe der Polstermöbel konnten die Bewohner wählen. Ihre Eltern hatten sich für ein warmes Gelb entschieden und so waren das Wohnzimmer und das Arbeitszimmer ihres Vaters in diesem Farbton gehalten. Sie selbst hatte für sich Terracotta gewählt. Ihr Zuhause wirkte hell und licht, wie die ganze übrige Stadt auch.
Annika sah sich um. Sie hatte noch nicht viel vom Dorf sehen können, trotzdem hatte sie den Eindruck, dass hier alles ganz anders war. Allein das Haus, in dem sie sich befand – alles war aus Holz. Komisch, sie hätte erwartet, dass der Raum finster und bedrohlich wirken würde, aber sie fühlte sich hier geborgen; das Zimmer strahlte Wärme aus.
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