„Warum leben wir?“ oder
„Wo liegen Anfang und Ende unseres Universums?“ Ihre Mutter wies solche Fragen immer mit der Bemerkung weit von sich:
„Davon werden die Menschen auch nicht satt!“
Und sie deutete damit an, dass sie es für sinnlos hielt, an solche Dinge auch nur einen Gedanken zu verschwenden. Irmi glaubte aber, dass es wichtig war, über solche Dinge nachzudenken, obwohl sie wusste, sie würde keine Antworten auf solche Sinnfragen finden. Für Irmi war es von großem Interesse, darüber nachzudenken und die Untiefen des menschlichen Lebens damit ein wenig zu auszuloten.
„Geh doch mal in den Stall und hilf Mathi!“, sagte ihre Mutter dann, und Irmi befolgte diese Anordnung sofort. Zu Hause bei ihrer Familie gab es eine Landwirtschaft, die von allen Familienmitgliedern und dem Knecht Mathi betrieben wurde. Mathi war dafür zuständig, das Vieh zu füttern und alles Übrige zu erledigen, was der Hof an Arbeit erforderte.
Besonders, wenn Irmis Vater mit dem Traktor auf der Matte war, um Gras für das Vieh zu holen, war Mathis Fähigkeit, Dinge zu sehen, die getan werden mussten, von großem Nutzen für Irmis Familie. Mathi war schon seit mehr als zwanzig Jahren auf dem Hof angestellt und hatte Irmi aufwachsen gesehen. Er bewohnte ein Zimmer im hinteren Hoftrakt und war unglaublich bescheiden, er trank nicht und hatte keine Frauengeschichten. Für ihn war der Hof sein alles, sein gesamter Wahrnehmungshorizont. Von daher gab es für ihn auch keinen Anlass, über die Dinge nachzudenken, die Irmi für so wichtig hielt. Aber Irmi ging oft und gern zu Mathi, um ihm darzulegen, was gerade der Gegenstand ihrer Gedanken war. Dabei kam es ihr gar nicht darauf an, von Mathi erleuchtende Antworten zu erhalten. Ihr war nur von Bedeutung, dass sie in Mathi einen Zuhörer fand, auf den sie unwidersprochen einreden konnte. Anfang und Ende des Universums waren für Mathi so weit von seinem Vorstellungsvermögen entfernt, dass er an sie keinen Gedanken richtete. Er dachte vielmehr an seine Stallarbeit und vielleicht noch an das Geschehen im Tal, mehr interessierte ihn einfach nicht. Irmis Familie, die Hofmairs, war seit Generationen in Lerbach ansässig. Lerbach war der Name des Dorfes, das in der Geschichte eine Rolle spielen wird. Es lag in einem Talkessel, rechts und links flankiert von mächtigen Gebirgsstöcken, die auf über dreitausend Meter hinauf ragten. Dem Dorf war deshalb am Tag nie lange Sonnenlicht beschieden.
Das Tal hatte im Süden gegen den Alpenhauptkamm einen Abschluss. Wenn sich einmal jemand nach Lerbach verirrte, kam er von Norden und war entweder Tourist, der im Sommer wandern und im Winter Ski fahren wollte, oder er war Zulieferer für den Dorfladen, oder er war Besuch für eine der zwanzig Dorffamilien. Zu Hofmairs kam einmal im Jahr die Schwester von Irmis Mutter. Sie lebte in Südtirol und hatte eine ziemlich beschwerliche Anreise über den Brenner. Sie brachte immer ihre Tochter Jeanette mit, die in Irmis Alter war, mit der Irmi sich aber nicht sonderlich gut verstand. Ihre Interessensphären lagen doch zu weit auseinander, Jeanette interessierte sich für Popmusik und Mode und Irmi für die wichtigen Lebensfragen. Eigentlich war Irmi immer froh, wenn Tante Christa und Jeanette wieder nach Hause fuhren. Nicht dass sie sich mit Jeanette stritt, Irmi fühlte sich durch ihre Anwesenheit nur eingezwängt. Besonders wenn Jeanette damit anfing, sich bei Irmi darüber auszulassen, dass in Lerbach nichts los wäre, konnte Irmi regelrecht aus der Haut fahren. Sie hielt sich bislang aber immer unter Kontrolle und ließ Jeanette nichts von ihrer Haltung spüren. Tante Christa und Jeanette blieben immer über Nacht und fuhren am nächsten Tag wieder nach Hause. Und immer standen Irmis Eltern mit ihr vor der Tür und winkten, bis Tante Christa und Jeanette nicht mehr zu sehen waren. Spätestens dann sagte ihre Mutter immer zu ihr:
„Du hättest ruhig ein wenig netter zu Deiner Tante und Deiner Cousine sein können!“ Irmi stand anschließend da wie ein begossener Pudel, war sich aber keiner Schuld bewusst. Sowohl Alois Hofmair, Irmis Vater als auch Maria Hofmair, Irmis Mutter waren in Lerbach geboren und hatten sich irgendwann in früher Jugend bei einem gemeinsamen Kirchgang kennen gelernt und später geheiratet. Mathi war auch gebürtiger Lerbacher und stammte aus einer Knechtsfamilie. Die Familie Mathis hatte schon immer auf den Höfen im Dorf gearbeitet. Mathi hatte die Volksschule im Dorf besucht und anschließend gleich den Knechtsberuf ergriffen. Irmi besuchte die letzte Klasse der Realschule in Feldweiler. Das war der nächste größere Ort sechs Kilometer entfernt nach Norden und sie trug sich mit dem Gedanken, nach der Realschule in Innsbruck auf das Gymnasium zu wechseln. Das würde bedeuten, dass sie fünfundzwanzig Kilometer mit dem Bus fahren müsste, was sie aber drei Jahre lang in Kauf nehmen wollte. Sie war eine sehr gute Schülerin und wissbegierig, für sie sollte sich der Zugang zu den entscheidenden Sinnfragen des Lebens erschließen und das bedeutete, dass sie auf dem Gymnasium in die Philosophie zumindest hineinriechen könnte. Eigentlich war Irmi in dem Alter, in dem Mädchen sich für Jungen zu interessieren begannen, aber außer vielleicht für Franz Heinbichler, der die gleiche Klasse auf der Realschule besuchte wie Irmi und auch in Lerbach wohnte, interessierte sich Irmi für keinen Jungen. Manchmal besuchte Franz Irmi, und sie gingen danach gemeinsam durch das Dorf und erzählten sich dieses und jenes, meistens aus dem gemeinsamen Schulleben.
Es war aber noch nie zu Zärtlichkeiten zwischen den beiden gekommen, dass sie sich zum Beispiel geküsst hätten, danach stand Irmi nie der Sinn. Das Leben im Dorf war sehr eingefahren und begann erst allmählich, durch neue Impulse aus dem Tourismus eine Änderung zu erfahren. Das bemerkten besonders die Alten mit ihrem seismografischen Gespür und dagegen lehnten sie sich auf. Wenn zum Beispiel vor dem Dorfgasthof „Schneider“ die Autos der ersten Skitouristen parkten, stellten sich die Alten demonstrativ vor die Autos und starrten auf die Nummernschilder, um herauszubekommen, woher die Autos stammten. Anschließend gingen sie in die Gaststube und geißelten alles Fremde, dabei tranken sie Bier und mussten vom Wirt zur Mäßigung gemahnt werden, weil sie bei ihrem Gezetere auch laut wurden. Für Irmi war das Verhalten der Alten hinterwäldlerisch und ewig gestrig, es passte auf keinen Fall in ihr Weltbild, in dem solche Fremdenfeindlichkeit keinen Platz hatte. Wenn man von den Alten sprach, meinte man eigentlich drei Männer: Fritz Lechleitner, Hermann Schreiber und Hans Holzmoser, die seit jeher das Dorfleben bestimmten, der eine als Küster, der andere als ehemaliger Gemeindevorsteher und der dritte als pensionierter Volksschullehrer.
Fritz Lechleitner hatte sein Küsteramt mit großer Umsicht betrieben. Er war bei den Sonntagsgottesdiensten und bei sonstigen Gottesdiensten in der Kirche für das Glockengeläut und auch für das Pfarramt zuständig, damit es dort genau wie in der Kirche immer sauber und im Winter geheizt war. Er stand vor den Gottesdiensten neben der Kirchentür und registrierte genau, wer den Gottesdienst besuchte und wer nicht. Besonders die Kinder hatten einen großen Respekt vor der Person des Küsters, der eine wichtige Kontrollinstanz in ihrem Leben war. Während der Gottesdienste stand Fritz Lechleitner neben den Kinderbänken im Kirchraum und achtete genau darauf, dass die Kinder keinen Unsinn machten. Die Kinder trauten sich nicht, aus der von ihnen erwarteten Rolle zu fallen, wenn sie ihre Blicke zu Herrn Lechleitner schweifen ließen und in sein ernstes Gesicht blickten. Der Küster stand in der Wichtigkeit der Person über dem Pfarrer, der geradezu lammfromm war und keiner Fliege etwas zu Leide tun zu können schien. Irmi musste natürlich die Gottesdienste besuchen, und sie empfand die Kontrolle durch Herrn Lechleitner als ausgesprochen unangenehm. Als sie einmal dem Gottesdienst ferngeblieben war, weil sie sich nicht so recht wohlgefühlt hatte, schien es ihr so, als erwartete der Küster eine Entschuldigung von ihr. Aber Irmi blieb hart und entschuldigte sich nicht bei ihm. Sie untergrub so die mächtige Position, die der Küster innehatte. Irmi musste auch regelmäßig zur Beichte und der Pfarrer fragte sie immer, ob sie unzüchtige Handlungen an sich vorgenommen, und ob sie diese allein begangen hätte.
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