„Das leibliche Wohl und seine Gefährdung führen uns wieder zusammen. Was für eine Freude, Sie hier zu sehen, verehrter Herr Baron!“ „Ja, wenngleich die Umstände etwas unglücklich sind, mein lieber Goethe, auch ich freue mich, Sie zu sehen. Mein Sturz beschert mir den größten deutschen Dichter, das nenne ich Glück im Unglück. Ich vermute, Sie sind erst seit kurzem hier, denn ich hatte bisher nicht das Vergnügen Sie im Gewühl der Menge promenieren zu sehen.“ „Ja, ich bezog erst gestern Abend mein Quartier im „Grünen Papagei auf der alten Wiese.“ „Geruhen Sie länger zu bleiben, das Wetter scheint uns ja dieses Jahr nicht besonders hold zu sein.“ „Ich habe meine Kur auf vier Wochen angelegt, aber das wird sich ergeben. Sind Sie schon länger hier, Herr Baron?“ „Eine Woche, ja und drei werden noch folgen, dann muss ich zurück nach Gotha. Bin ja schon wieder lange weg, war im April schon in Dresden aber Sie wissen ja, ich habe eine Familie in Gotha zu versorgen.“ „Ja, Gräfin de Bueil mit ihren Kindern, ich hörte schon von den Frankenbergs, dass Sie sich rührend um diese Familie kümmern. Aber mein lieber Baron, jetzt müssen auch Sie mich schon wieder entschuldigen, die Damen warten auf mich.“ Bei diesen Worten blickte Goethe dorthin, wo die Geschwister Meyer standen. Graf Reuß leistete ihnen nun Gesellschaft, Zeit sich wieder zurückzumelden. „Herr Baron, wir sehen uns gewiss bald wieder. Ich brenne geradezu darauf mit Ihnen zu sprechen. Man hat selten genug die Gelegenheit hier einen Mann von Welt zu treffen.“
Damit entfernte sich Goethe wieder vom alten Grimm, der sich nun einen zweiten Becher füllen ließ und ganz zufrieden mit dem Verlauf der Ereignisse für einen Augenblick seine Schmerzen an der Hüfte und sein morgendliches Unwohlsein vergaß. Mehr als zwei Becher wollte er am Sprudel nicht zu sich nehmen, außerdem hatte er keinen Schlüssel für den Abtritt an diesem Brunnen in der Tasche und so setzte er denn seine nächsten Schritte wieder in Richtung Johannisbrücke. Bis zum „ Mohren “war es nicht weit aber wer weiß, wem er unterwegs heute noch begegnen würde. Eine Bekanntschaft mit diesem Reuß könnte nützlich sein und Goethe war der Mann, der ihm diesen Kontakt ermöglichen würde.
Goethe, wieder bei den Schwestern Meyer angelangt, begrüßte einen alten Bekannten. Fürst Reuß, mit ihm kann Goethe die neuesten politischen Ereignisse besprechen und von ihm wird er sich in den kommenden Tagen über die traurigen Zustände Österreichs aufklären lassen. Man verabredet sich sogleich zu einem Spaziergang für die nächsten Tage nach dem Posthof hin. Und ja, zum Ball der Fürstin von Schwarzburg-Rudolstadt wird auch er, Goethe, kommen, das versteht sich ja von selbst. Heute aber muss sich Goethe ganz den Damen aus dem fernen Berlin widmen, deren Bekanntschaft er schon am ersten Tag seiner Brunnenkur machen konnte. Die beiden sind Geschwister und haben angeblich alles gelesen, was Goethe bisher n die Welt gesetzt hatte. Goethe fühlte sich geschmeichelt, auch wenn das Lob schon fast des Guten etwas zu viel war. Aber die beiden Frauen gefielen ihm, man würde hoffentlich noch viele Stunden gemeinsam verbringen. Besonders Marianne gefällt ihm, sie geht ihm ans Herz. Er fühlt sich befreit und leicht, wie so oft, wenn ihm die Frauen nur schön sind.
Die Geschwister Meyer sind nicht die einzigen interessanten Frauen, die Goethe in den Julitagen des Jahres 1795 in Karlsbad treffen kann. Von Teplitz kam Rahel Levin in Begleitung der Schauspielerin Friederike Unzelmann auf einen kurzen Besuch nach Karlsbad und gleich zu Beginn seiner Kur hatte er Bekanntschaft mit Friederike Brun gemacht. Sie hatte mit ihren beiden Kindern und einem Hauslehrer in Karlsbad Zwischenstation auf ihrer Reise in die Schweiz gemacht. Goethe hatte erst im April ein Lied der Brun in das Gedicht „Nähe des Geliebten“ verwandelt, aber davon hatte er der Brun nichts erzählt, denn ihr Text passte nicht zur Melodie der lebendigen Musik seines Freundes Zelter. Für Friedrike Brun verlief die erste Begegnung mit Goethe etwas enttäuschend. Im Unterschied zu den Schwestern Meyer zeigte sich die Brun nicht uneingeschränkt begeistert. „ Sein Gesicht ist edel gebildet, ohne gleich einen innern Adel entgegen zu strahlen, eine bittere Apathie ruht wie eine Wolke auf seiner Stirn .“ Dennoch trafen sie sich jeden Morgen in der Trinkhalle und spazierten gemeinsam auf und ab, während sie ihr geschwefeltes Wasser tranken. An Schiller schrieb Goethe etwas wegwerfend von der sonderbaren „ Mischung von Selbstbetrug und Klarheit “ die er an dieser Frau zu bemerken glaubte.
Durch Friederike Brun hatte Goethe die jüdische Bankiersfamilie Meyers aus Berlin kennengelernt oder sagen wir besser deren Töchter Marianne und Sara. Zum Kreis der jungen Damen gehörte auch die Sängerin und Schauspielerin Friederike Unzelmann und auch Rahel Levin. Sie stammte ebenfalls aus einer jüdischen Handelsfamilie. Ihr Brieffreund David Veit war ein leidenschaftlicher Bewunderer Goethes, er hatte ihr geschrieben, dass Goethe in Karlsbad war. Dass Goethe sich nun vorzugsweise „ mit einigen hübschen Judenmädchen und einer Actrice “ abgab, war den Humboldts, den„aufgeklärten Männern und denkenden Köpfen“ in Berlin nicht entgangen. Sie konnten sich nur wundern, dass Goethe über den schönen Frauen ganz auf die Geologie und Botanik vergaß und sie fanden es skandalös, dass Goethe den Damen „erstaunlich viel“ vorlas, dass er sich in ihren Alben und auf ihren Fächern verewigte und ihre Schriften kommentierte. Ja es kam noch ärger: Er soll die getauften Jüdinnen Marianne und Sara eingeladen haben, Patinnen des Kindes zu werden, welches Mademoiselle Vulpius in einigen Monaten erwartete. Ja, auch Frau Brun war schockiert: „ Sein Ton mit Frauen, die nicht streng auf sich halten, ist nicht fein. “
Grimm wusste von all dem noch nichts und es hätte ihn auch nicht weiter interessiert, wenn er nicht die Pflicht verspürt hätte, in seinen Briefen an Katharina immer auch ein wenig Tratsch beizumengen. Katharina liebte Tratschgeschichten. Grimm notierte am vierten Abend nach Goethes Ankunft das Folgende:
„Zu den Verehrerinnen Goethes zählen hier die Schwestern Meyer aus Berlin. Sie sind, wie man hört, nur nach Karlsbad gekommen, um hier ihren Dichtergott zu treffen. Ich muss gestehen, die Marianne Meyer ist ein schönes Frauenzimmer, sie weiß mit Bravour die Aufmerksamkeit des Dichters auf sich zu lenken. Da beide, Sara und Marianne besonders der Literatur das lebhafteste Interesse entgegenbringen, ist Goethe von ihnen ganz eingenommen. Ihr blendende Aussehen und ihr geistreiches Wesen haben der Marianne Meyer in Berlin schon zwei Verehrer eingebracht, die auch in St. Petersburg keine Unbekannten sein dürften: der sächsische Gesandte, Graf Geßler, und der dänische Gesandte, Graf Bernsdorff. Meiner Beobachtung nach hat aber ein dritter die größten Chancen, bei ihr Gehör zu finden. Das ist der hier zur Kur weilende Fürst zu Reuß, den Marianne Meyer im Salon ihrer Schwester Sara kennengelernt hat. Ob sich daraus allerdings etwas Ernstes ergeben kann, ist zweifelhaft, gewisse aristokratische Kreise schätzen, wie man weiß, keine Verbindung zu einem Judenmädchen. Goethe ist fast täglich mit dem österreichischen Gesandten Graf Reuß auf der Promenade zu sehen. Ich werde mich bei Gelegenheit den Herren anschließen und ein wenig mit ihnen politisieren. Ich glaube, Goethe ist ein Mann, der alles liebt und alles begehrt, das Gestein genauso wie die Weiber. Jetzt scheint mir sein Kopf mit Weibern und Mädchen angefüllt zu sein und ich glaube fast, er wird sie nicht los.
Eine weitere Dame, die mit den Meyers gut bekannt ist, ist ebenfalls häufig mit Goethe zu sehen. Wie ich erfahren habe, ist sie auf der Durchreise nach Italien und hat mit ihren Kindern in Karlsbad für einige Tage Station gemacht. Goethe verbringt des Öfteren seine Abende bei ihr. Wie es heißt, soll er den Damen dort aus seinen Werken vorlesen. Die Dame heißt Friederike Brun und ist ebenfalls eine glühende Verehrerin unseres Dichters, sie scheint aber im Unterschied zu den Meyers, noch nicht ganz den Verstand in seiner Gegenwart verloren zu haben. Sie sieht sich in diesen Tagen, wie ich einer Randbemerkung Goethes entnehmen konnte, den vollendeten dritten Teil des Wilhelm Meister durch, ein Werk, das mich an Diderots „ Le fils naturel “ erinnert, nicht vom Inhalte her aber die Anlage ist doch sehr ähnlich. Man nennt das jetzt einen „Bildungsroman“. Goethe scheint überhaupt viel von Diderot zu halten, ich muss ihn einmal gelegentlich darauf ansprechen. Ob es im übrigen rechtens ist, sich ganz ohne Gegenleistung der Inhalte meiner Correspondance zu bedienen, muss ich einmal mit einem Advokaten in Gotha klären.
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