Am Abend des fünften Juli hatte Goethe in sein Tagebuch die folgenden Notizen gemacht: „ Zum ersten Mal Sprudel getrunken. Mehrere Bekanntschaften gemacht, die Brun stellt mir die Meyers vor. Den größten Teil des Morgens spazieren gegangen. Mittags bei Graf Reuß, wo auch ein Kurfürstlich Sächsischer Gesandter war. Nachher wieder spazieren. Bei Steinschneider Müller Steine besehen. Nach Tische über den Hirschsprung. Abends auf das Posthaus, wo Fürst Lichtenstein eine Fete gab. Um 9 Uhr zurück. Bekanntschaft mit Graf Golowkin. “
Grimm trifft Goethe am Sprudel
Die Glocken der Magdalenenkirche schlugen halb fünf. Grimm öffnete die Augen, blickte gegen das Fenster und lauschte auf die Geräusche, die vom Markt herauf kamen. Heute war Mittwoch, seit einer Woche war nun Grimm schon in Karlsbad. Wie immer um diese frühe Stunde begannen draußen die Händler sich auf den Tag vorzubereiten. Heute gab es unten frisches Obst und Gemüse. Wenn die Kur anschlagen sollte, musste er jetzt aufstehen. Die ärztlichen Vorschriften wollte Grimm genau und mit Beharrlichkeit befolgen. Das Wasser hatte ihm am Anfang nicht geschmeckt, angewidert hatte er beim ersten Becher den Mund verzogen, was die Umstehenden zum Lachen brachte. Nach den ersten Tagen hatte er sich aber wieder an den salzigen, laugenhaften Geschmack gewöhnt aber so war es ja auch schon, als er vor drei Jahren hier zum ersten Mal war. man muss in eine Gewohnheit kommen, dann wird alles leichter. Er öffnete leicht das Fenster und schnupperte nach draußen, es roch nach Regen und es war frisch. Einige Bauern aus der Umgebung hatten schon mit dem Aufbau ihrer Marktstände begonnen. Eben war hier die Sonne aufgegangen, aber sie ließ sich auch heute nicht blicken. Der Himmel zeigte sich grau und verhangen. Er könnte sich das Wasser ja auch bringen lassen aber es war wohl besser am Brunnen selbst zu trinken. Frisch geschöpft ist das Mineralwasser noch unzersetzt und besitzt, wie ihm Dr. Damm, den er zu Beginn seiner Kur aufgesucht hatte, versicherte, noch die volle ihm von der Natur verliehene Kraft. Jetzt hatte Grimm schon eine Woche hinter sich, er hatte alle Vorschriften so gut es ging, streng eingehalten, eine Besserung seiner Leiden zeichnete sich aber noch nicht ab. Der Arzt hatte gelacht: „ Lieber Herr Baron, für die meisten Gäste sind vierzehn Tage Karlsbad lang genug, bei Ihren eingewurzelten Leiden sind zwanzig Tage wenig, aber Sie werden sehen, ab der dritten Woche wird eine Besserung eintreten. Setzen Sie dann noch zwei Wochen drauf und Sie werden bis zum nächsten Jahr geheilt sein. “ Nächstes Jahr, lieber Doktor, da werde ich mit den Meinen in Sankt Petersburg sein oder in Wien oder gar in Konstantinopel, mal sehen, wohin mich die Zarin schicken wird und vielleicht wird dann gar keine Kur mehr nötig sein, es sei denn, ich begleite Katharina in die böhmischen Bäder.
Grimm schloss die Weste über der Brust, zog sich seinen grünen Rock über, warf sich den wollenen Mantel über die Schultern, nahm Stock und Trinkbecher und quälte sich, eine Hand am Geländer, die andere Stock und Becher haltend mit steifen Gliedern die Treppen hinunter und trat auf den morgendlichen Marktplatz hinaus. Von hier zum Mühlbrunnen am Fuße des Schlossbergs waren es nur wenige Minuten. Gewöhnlich begann Grimm am Mühlbrunnen seinen ersten Becher zu trinken aber heute sollte er vielleicht über die Johannisbrücke zum Sprudel laufen, die Wahrscheinlichkeit lag höher, dort den richtigen Leuten zu begegnen. Dieser Goethe wird sich doch sicherlich am Springer laben, der Mann liebt das Schauspiel und wird am dumpfen Getöse des Wassers mehr Freude haben als an einer leise sprudelnden Quelle.
Er überquerte gemessenen Schrittes den schon belebten Marktplatz und ging hinunter zur Johannisbrücke. Die Boutiquen an der Tepel waren noch geschlossen, nur bei einer Bude war der Laden schon aufgeklappt, hier konnten frühe Badegäste Trinkbecher kaufen. Grimm blieb stehen und strich mit dem Zeigefinger über die fleckige Innenwand seines Bechers, er hätte ihn mit frischem Wasser und etwas Kochsalz im Mohren noch auswaschen sollen. Er würde das in seiner Wohnung nachholen, vielleicht nach dem Frühstück, er wird dann auch zur Reinigung der Zähne nach frischen Salbeiblättern geschickt haben. Er richtete sich auf und dachte just in diesem Moment an sein Alter. Ich fahre noch mit 72 zur Trinkkur nach Karlsbad, ohne Sekretär und ohne Diener. Vielleicht hätte ich Madame de Bueil bitten sollen, mich zu begleiten. Wenn alles gut geht, wird diese Woche noch Nolken nach Karlsbad kommen, der Arm der Kaiserin wird mich auch hier erreichen. Damals, als Katharina ihre große Reise in den Süden ihres Reiches unternahm, erreichten mich sogar ihre Briefe aus dem fernen Sewastopol. Grimm hatte die Mitte der Johannisbrücke erreicht, der Sprudel war nun nicht mehr weit.
Eine Gruppe von froh gelaunten Kurgästen zog an ihm vorbei, einige Herren zogen den Hut, ob ein Bekannter darunter war, vermochte Grimm nicht zu erkennen, der Nebel auf seinen Augen hatte sich noch nicht gelichtet. Er folgte der Gruppe und hörte nun schon das dumpfe Getöse des aus den Tiefen des Gestein hervorstoßenden Wassers. An der Wanne im Sprudel saßen auch heute morgen wieder zwei Frauen, die einem den Becher füllen konnten. Grimm schätzte diese Bequemlichkeit, er würde die Frauen, meist arme Witwen, wie er gehört hatte, am Ende seiner Kur angemessen belohnen. Hier konnte man das heiße Wasser nur schlürfend trinken, am Mühlbrunn war es kälter. Es war schon komisch, er war nach Karlsbad gekommen, weil er Heilung suchte, weil er dieses Jahr wieder zu Kräften kommen wollte, Kräfte, die er für die Reise nach Russland im nächsten Jahr dringend benötigen würde. Aber das Heilwasser verursachte schon am Morgen bei ihm eine leichte Übelkeit; er spürte mehr als sonst die Völle seines Leibes und das ranzige Aufstoßen nach dem Genuss des Wassers war ihm mehr als unangenehm.
Ich muss jetzt ein wenig herumgehen, dachte Grimm. Wenn man herumgeht, stößt man auf Leute und eigentlich bin ich ja hier, um diesem Goethe zu begegnen und wenn ich auf diesen Goethe treffe, bekomme ich womöglich gleich einen Schwung von lohnenden Bekanntschaften mitgeliefert.
Grimm entfernte sich etwas von den Umstehenden, er wollte Platz gewinnen, um gesehen zu werden.
Grimm führte den gefüllten Becher zum Munde, übersah aber eine hervorstehende Holzbohle der Brunnenabdeckung, stolperte und fiel zu Boden. Sein Becher rollte einer eleganten Dame vor die Füße während Grimm, am Boden liegend, versuchte, sich mit der nun freien Hand wieder aufzuhelfen. Die junge Dame hielt ihm ihre Hand hin, ein hilfreicher Herr packte ihn an den Schultern und Grimm stand wieder auf seinen Beinen. Er klopfte sich den Schmutz vom Ärmel seines Rockes und schaute etwas irritiert auf das freundliche Frauenzimmer, dass ihm so beherzt zur Seite gesprungen war. „Haben Sie vielen Dank, verehrtes Fräulein ...“ „Marianne Meyer“, sagte die schöne Dame, „ich komme aus Berlin.“ „Berlin, ja, ich kenne die Residenz des Königs. Vor Ihnen schönes Fräulein steht, dank ihrer Hilfe, Baron Grimm.“ „Das freut mich, Herr Baron, ich habe gerne geholfen aber entschuldigen Sie mich jetzt, meine Schwester wartet.“
Der kleine Vorfall hatte die Aufmerksamkeit des Brunnenpublikums, dankbar für jede Abwechslung, auf sich gezogen. Ein alter Herr in einem etwas wunderlichen aber herrschaftlichem Anzug war gestürzt und man hatte ihm aufgeholfen. Wie apart, eine elegante Dame hatte sich seiner angenommen, sie war eine der beiden Frauen, die mit Goethe zusammen zum Brunnen gekommen waren. Und Goethe selbst, der Dichter, er hatte in dem Gestürzten den französischen Emigranten, den deutschen Franzosen, den Baron Melchior Grimm erkannt. Er hatte ihn das letzte Mal vor drei Jahren bei seinem Freund Jacobi in Düsseldorf getroffen. Nun sah er den Baron schneller als er gedacht hatte; noch am Abend seiner Ankunft hatte er sich Gedanken gemacht, wie er ihm hier in Karlsbad wohl begegnen sollte. Jetzt eilte er schnellen Schrittes herüber und streckte Grimm seine Hand entgegen.
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