Es klopfte, der Hausbursche brachte die Speisen, die Grimm heute Mittag im „ Goldenen Ochsen “ bestellt hatte: Rindfleisch mit Meerrettich, eingemachtes Gemüse und etwas gekochtes Obst, dazu eine Bouteille roten Melnicker Wein. Vielleicht sollte er zu Abend weniger essen, nun ja, er will ja so gut es geht auf den Rat des Arztes achten: nicht zu stark gesalzen oder gewürzt und keine geräucherten und fetten Speisen sollen es sein. „Ich werde mich überwinden müssen“, seufzte Grimm in sich hinein, „gehen wir bald schlafen, ich muss meine Kur einhalten“.
In den ersten Tagen seiner Kur hatte sich Baron Grimm ganz auf die Einhaltung einer strengen Kur konzentriert, so wie es ihm Doktor Damm, der hiesige Arzt, vorgeschlagen hatte. Er erhoffte sich viel von einer Verbesserung seines Gesundheitszustandes, die nächsten Jahre würden ihm noch viel Kraft abverlangen und es war ohnehin erstaunlich, welche Lasten er noch mit sich herumschleppen konnte. Da war seine „Familie“ in Gotha, dann die aufgetragene Sorge um die anderen französischen Emigranten, denen er, so gut es ging, mit Katharinas Hilfe ein Überleben in Deutschland sichern sollte und ja, er selbst stand weiter im Dienst der Kaiserin von Russland und ihr wollte er wirklich dienen, solange es seine Kräfte zuließen.
Schon nach wenigen Tagen hatte sich Grimm an einen Tagesablauf gewöhnt, den er mit kleinen Abweichungen auch ohne größere Probleme einhalten konnte: Um 5, spätestens um 6 Uhr morgens verlässt Grimm das Bett. Ein Blick aus dem Fenster sagt ihm, wie er sich für den Tag zu kleiden habe. Dann wandert er, mit dem Becher in der Hand, zum Brunnen. Er trinkt dort zwei bis drei Becher, macht ein paar Schritte, trinkt vielleicht noch einen und wandert wieder gemächlich auf und ab. Inzwischen hat man den einen oder anderen Bekannten gesehen und treibt die übliche Brunnenkonversation in meist angenehmer Gesellschaft. Nach dem letzten Becher steht eine Nachpromenade von etwa einer halben Stunde an, sodann macht man Aufwartung, geht zu Gaste oder bewegt sich sonst in Gesellschaft.
Bei schlechtem Wetter geht Grimm zurück in den Mohren oder besucht eines der Kaffeehäuser auf der Wiese. Bei gutem Wetter sucht er sich einen Platz unter den Kastanien, dort findet sich immer ein Kreis von neuen und alten Bekannten. In einem der Kaffeehäuser nimmt er dann gewöhnlich bis gegen 9 oder 10 Uhr auch sein Frühstück ein. Manchmal hat er ein Journal dabei oder er setzt ein paar Gedanken für einen Brief auf mitgebrachtes Papier. Wenn er noch Lust zum Gehen hat, macht er dann wieder eine Promenade und nimmt um 1 spätestens 3 Uhr das Mittagsmahl ein. Er hat sich aber auch schon das Essen in seine Wohnung bringen lassen, das war, als es ihm nicht besonders gut ging.
Nach Tisch begibt sich Grimm bis gegen 4 Uhr zur Ruhe. Ein Schläfchen aber will er sich nur selten gestatten. Der Arzt empfahl ihm für die Zeit nach dem Essen eine leichte Lektüre oder, wenn es sich ergeben sollte, ein Spielchen. Dann ist wieder Bewegung angesagt, man tritt, oft hat man am Morgen schon eine lockere Verabredung für den Nachmittag getroffen, in hoffentlich heiterer Gesellschaft eine Promenade an, vielleicht ergibt es sich, einen Kaffee oder Tee an einem der Belustigungsorte zu sich zu nehmen oder man geht bei schlechtem oder zu heißem Wetter von 4 bis 6 ins Theater. Eine Spazierfahrt in die Umgebung von Karlsbad bietet sich an, wenn eine geeignete Begleitung vorhanden ist.
Wenn der Arzt es angeordnet hat, kann man zwischen 5 bis 7 Uhr Abends wieder ein oder zwei Becher trinken, promeniert dann, so einen die Beine noch tragen können, und nimmt dann bis 8 oder 9 Uhr sein Abendmahl ein. Damit ist der Kurtag zu seinem Ende gekommen, es sei denn, es liegt noch eine Einladung zu einem Ball oder zu einer Abendgesellschaft vor, die man nicht ablehnen kann. Für gewöhnlich aber legt sich Grimm, wie alle anderen Kurgäste, um 9, spätestens um 10 Uhr zu Bett. Davor aber gedenkt er noch seiner Katharina und seiner „Familie“, das versteht sich von selbst. In sein Tagebuch notiert er am dritten Tag seiner Kur:
„Es findet sich hier eine geschlossene Gesellschaft ein. Der hohe Adel überwiegt, auf der Kurliste stehen Fürstin von Schwarzburg-Rudolstadt, Fürst Czartorynsky, die Herzogin von Mecklenburg-Schwerin, Fürst Moritz von Lichtenstein, Fürst Emanuel von Salm-Salm, Fürst Reuß etc. ... Man spricht hier vor allem Französisch, aber auch Deutsch, Italienisch, Russisch und Polnisch. Man kann die Stadt am Tepelfluss als eine internationale Oase in einer aufgewühlten Welt betrachten. Sonst lässt es sich in Karlsbad recht wohl sein, man fühlt sich zwischen den Mächten Russland, Österreich, Frankreich und Preußen wie auf einer friedlichen Insel.“
An Gräfin Bueil und die Kinder hatte er nach Gotha geschrieben: „Ich wohne im Gasthaus „Zu den drei Mohren“ auf dem Markt. Der Platz mit seinen Bürgerhäusern gleicht den schönsten Plätzen der Städte Frankens.“ Etwas Ähnliches fand sich dann auch in seinem ersten Brief an Katharina.
Heute weder am Sprudel noch am Mühlbrunn
Grimm ist heute weder zum Sprudel noch zum Mühlbrunn gegangen. Er war erst gegen halb neun aufgestanden, hatte sich Tee und ein zweimal gebackenes Brot kommen lassen und war dann wieder im Armsessel am Fenster ein wenig eingenickt. Nicht jedem Gast bekam das Wasser, Grimm gehörte zu denjenigen, die sich überwinden mussten. Ihm war heute speiübel und in Erwartung einer plötzlich auftretenden Unpässlichkeit schien es ihm geraten zu sein, zumindest den Vormittag auf dem Zimmer zu bleiben. Vielleicht konnte er ja noch ein paar Schreibarbeiten erledigen. Er hatte den Seinen in Gotha versprochen, sie über die Fortschritte seiner Kur zu unterrichten. Die kleine Katharina hatte ihm einen süßen Brief geschrieben, darauf musste er auf jeden Fall antworten. Auch dem Herzog musste er schreiben und ihm für das großzügige Reisegeld danken und dann warteten die Emigranten auf ein tröstliches Wort, wenn nicht gar auf eine finanzielle Zusage. Den Brief an die Kaiserin hatte er fast fertig. Katharinas Kurier würde sicher ein paar Tage in Karlsbad bleiben, ihm könnte er auch diktieren, wenn die Augen wieder trüb wurden. Vor drei Tagen kam Goethe, er wird ihn in den nächsten Tagen am Brunnen treffen. Man macht hier viel Aufhebens um den Dichter. Madame Brun war schon voller Erwartung, wie sie ihm gestern auf der Promenade fast mädchenhaft schüchtern gestand. Sie hatte den Dichter noch nicht leibhaftig gesehen und erwartete von ihm nichts Geringeres als die Veredelung ihrer Seele. Das ist schon merkwürdig mit den Deutschen, man hat hier viel Talent in Weimar, aber fehlte es nicht etwas an Geist? In Paris hat Goethes Werther vor der Revolution keine guten Kritiken bekommen. Ich selbst habe in dem Werk nur eine alltägliche und kunstlos dargestellte Handlung gefunden. Wilde Sitten, eine bürgerliche Ausdrucksweise und die Heldin? Eine Frau von plumper, provinzieller Einfalt. Die Brun sieht in Goethe jedenfalls einen Günstling der Musen und Grazien. Für sie ist der Schöpfer des „ Tasso “, des „ Egmont “ und der „ Iphigenie “, des „ Götz “, des Fausts “ und ach der anderen Sachen, die ich weder gelesen noch gesehen habe, ein Genie. Vielleicht ist er das auch. In Pempelfort hat er aus seiner Iphigenie gelesen, das Publikum hat ihm applaudiert, ich hatte keinen rechten Zugang zu diesen Sachen. Er ist aber auch ein Liebhaber der Natur und hat über die Metamorphose der Pflanzen geschrieben und neuerdings soll er sich mit der Farbenlehre beschäftigen. Ob ich ihm einmal etwas von Diderots Ideen über die Farben erzählen soll?
Grimm riss sich aus seinen Gedanken, nahm seinen Platz am kleinen Schreibtischchen ein, legte sich Tinte und Feder und Papier zurecht und begann einen Brief an seine Katinka zu schreiben.
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