Sarahs Aufzählung hatte fast etwas Beschwörendes an sich, sie trug die Namen und Ereignisse vor, als seien sie nichts weniger als der Beweis ihrer eigenen Existenz. Der alte Grimm wusste das wohl richtig einzuschätzen, es war in Paris nicht anders gewesen: Über die Teilhabe am geistvollen Gespräch konnten sich Frauen einen Platz in der Gesellschaft erobern.
„Und wie steht es mit der Politik“, unterbrach Grimm den Redefluss der Schwestern. Ich hörte, dass auch Prinz Louis Gast in Ihrem Hause sein soll. Ich kenne recht gut seinen Onkel, Prinz Heinrich. „Ja, aber der Prinz interessiert sich nur für die Musik - und für seine kleine Freundin“, fuhr Marianne kichernd dazwischen. „Dann sind also die Vorgänge in Frankreich kein Gesprächsthema in Ihren Kreisen?“, fragte Grimm und schob etwas provozierend nach: „Gab es nicht in gewissen Kreisen auch Sympathie für die Sansculotten? Im Salon der Madame Herz nahm man, wie ich hörte, zumindest die Anfänge der Französischen Revolution mit Sympathie zur Kenntnis. Was ist denn aus dieser Schwärmerei geworden?“
Marianne getraute sich als erste, den Faden wieder aufzunehmen: „Also, was Berlin betrifft, da ist man sich jetzt einig, Gewalttaten können das Interesse am Fortschritt nicht rechtfertigen.“ „Klug geantwortet, Mademoiselle Meyer.“ „Ja, ich gebe zu“, fuhr diese fort, „wir hatten uns ja ganz wohl und behaglich gefühlt in unseren ästhetischen Kreisen und waren nicht auch Wünsche in uns rege, was Gemeinwesen und Stände betraf? Aber um den Preis, den Frankreich zahlt, hätten wir die Erfüllung dieser Wünsche niemals begehrt. Es ist jedenfalls so, aus den enthusiastischen Anhängern wurden in Berlin erbitterte Feinde der Revolution.“ „Sie haben gehörig viel politischen Verstand, Mademoiselle“, sagte Grimm und dachte: „für ein Frauenzimmer wirklich ganz beachtlich.“
Der Wagen hatte jetzt die Karlsbrücke erreicht und man konnte von hier aus schon zwischen den Bäumen das Dach des Posthofes sehen.
Grimm half den Damen lächelnd aus der Kutsche und musste sich dabei seine Schmerzen in den Gelenken verbeißen. Marianne und Sarah hätten seiner Hilfe gar nicht bedurft, aber die Geste war ihm wichtig. Sie sprangen vom Treppchen, nahmen ihn in ihre Mitte, hakten sich bei ihm unter und zogen ihn in ihrem Ungestüm fast mit sich fort, bis hin zum Posthof. War er jemals jung gewesen? Hatte man je von ihm sagen können, dass er ausgelassen, froh und heiter war? Die kleine Ausfahrt hatte ihn angestrengt; wie hatte er nur seine vielen Reisen überstehen können?
Der Wirtsgarten war an diesem sonnigen Tag gut besucht war. Fürst Reuß und Goethe ließen noch etwas auf sich warten und so hatte man denn am Gartentisch nach der Bestellung von Kaffee und Kuchen Gelegenheit, das begonnene Gespräch noch ein wenig fortzusetzen. Es war eine lustige Gesellschaft hier versammelt und Grimm beschloss, die frohe Stimmung nicht durch weiteres Politisieren zu trüben.
Zwar hätte er gerne noch erfahren wollen, wie man denn in Berlin auf den Basler Friedensschluss vom April reagiert habe und ob etwas daran sei, dass König Friedrich Wilhelm angeblich einem Plan Prinz Heinrichs gefolgt sei, dem ja schon immer eine gewisse Sympathie zu den Franzosen nachgesagt wurde. Nein, mit diesem Thema konnte er den Damen jetzt nicht kommen. Er nahm stattdessen ein Thema auf, dass seinen Begleiterinnen wohl in diesen Tagen am nächsten lag: Goethe.
„Hatten Sie schon das Vergnügen, Goethe lesen zu hören? Er macht das großartig, wirkt dabei wie ein Schauspieler. Bei Jacobi las er aus seiner Iphigenie, es war ein Genuss, zu hören, wie er es versteht mit seiner Stimme umzugehen, mal ist sein Vorlesen ein tiefes Donnern, mal vermischt sich der Ton mit dem leisesten Gelispel des Regens.“ „Das haben Sie gut beschrieben, Herr Baron“, sagte Sarah Meyer. „Wir waren dabei, als er vor zwei Tagen bei Madame Brun aus seinem Wilhelm Meister las. Er hat herrliche Sachen gesagt.“ „Er hat sich auf meinem Fächer verewigt“, platzte Marianne dazwischen, „ich habe ihm auch schon mein Tagebuch gegeben, dass er mir etwas hineinschreibt.“ „Die Brun hat ihm auch ihr Tagebuch gegeben und wissen Sie, was er gesagt hat, als er darin blätterte? „Es steht so mancher Narr drin, soll der Goethe nicht auch hinein?“
„Weil Sie das mit der Schauspielerei ansprachen, Herr Baron, es stimmt, Goethe kann sich ganz schnell verwandeln, eben ist er noch der steife Herr Geheimrat und dann wieder sieht er aus wie der leibhaftige Faust. Bald glaubt man ihn auf dem Fass zu sehen und dann wieder scheint es, der Gottseibeiuns würde ihn auf der Stelle wegholen. Die Brun sagte letzthin zu mir: „ Gestern Abend war Goethe wieder etwas faustinisch-wild “, das ist Goethe wie er leibt und lebt! Ich hatte zuerst etwas Scheu vor ihm, man sagte mir, er sei oft ganz kalt gegen alle Menschen und Sachen auf der Erde. Aber ich habe den Eindruck, wenn ihm die Gesellschaft passt und über Kunst gesprochen wird, taut er auf, dann wird sein Auge feurig und er ist der beste Gesellschafter, den man sich wünschen kann.
Und wie gerufen, da erschien der Dichter zur großen Freude seiner beiden Verehrerinnen endlich höchst selbst in Begleitung des Fürsten Reuß am Gartentor. Goethe winkte ihnen freundlich zu, gab eine Bestellung auf und ließ für sich und den Fürsten zwei Stühle an den Tisch der Wartenden herantragen.
Man saß eine Weile zusammen, verteilte die üblichen Komplimente, sprach über das Wetter, neu angekommene Gäste, ein wenig über die bösen Preußen, streifte mit einigen Zitaten die Literatur, hörte Goethe kluge Sachen über Mineralien und Pflanzen sagen, lachte höflich mit den Meyers mit, wenn diese ihr Entzücken mit weiblicher Verführungskraft zum Ausdruck brachten, ja, es war ein schöner Nachmittag.
Am Abend trug Grimm das Folgende in sein Tagebuch ein: Mit den Meyers bei schönem Wetter am Nachmittag zum Posthof gefahren. Die Schwestern erzählten viel von Berlin, man ist gegen die Franzosen, macht aber Frieden mit ihnen, Krieg kostet Geld. Goethe ist für sie ein Gott, ihre Bewunderung für ihn ist grenzenlos. Goethe kam zu Fuß mit Fürst Reuß zum Posthof nach, dann heitere Plauderei mit den Damen im Wirtsgarten. Fuhr allein nach Karlsbad zurück, die jungen Leute wollten noch zur Theresienhöhe. Im Mohren erwartete mich frohe Botschaft, man meldete mir die Ankunft eines russischen Offiziers. Endlich, Nolken ist gekommen und bringt Nachrichten von Katharina. Er wird zwei Tage bleiben, mein Brief an die Kaiserin ist fast fertig, den Rest werde ich ihm diktieren, kann jetzt auch Vertrauliches angeben. Nolken hat bei den Wirtsleuten für einiges Aufsehen gesorgt, er trägt den grünen Rock eines russischen Soldaten, das sieht man hier nicht so häufig. Ich glaube auch bemerkt zu haben, dass die Leute mir jetzt mit mehr Achtung begegnen.
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