Frank Lechtenberg
Am Beispiel des Hörfunkjournalismus
Lena Werner
Um den Beginn des mobilen Journalismus zeitlich bestimmen zu können, muss zunächst geklärt sein, worum es sich dabei überhaupt konkret handelt.
Denn mobil waren Journalisten eigentlich schon fast immer. Der Begriff „mobiler Journalismus“ beschreibt aber ganz konkret die Erstellung journalistischer Beiträge mit Hilfe eines Smartphones (vgl. Bösch 2012a). Somit beginnt mobiler Journalismus genau da, wo ein Foto, eine Audiodatei, ein Text oder ein Video mit dem Smartphone aufgenommen und veröffentlicht wird.
Für den australischen Journalismusdozenten Stephen Quinn ist klar, dass die Geburtsstunde des mobilen Journalismus auf den 17. Januar 2004 festgelegt werden kann. Dies ist exakt der Tag, an dem die New York Times zum ersten Mal ein Handyfoto auf ihrer Titelseite abgedruckt hat (vgl. Bösch 2012b: 6).
Elf Jahre später begibt sich der Bild-Reporter Paul Ronzheimer von der griechischen Insel Kos mit einer Gruppe syrischer Flüchtlinge auf den beschwerlichen Weg nach Deutschland. Die dabei entstandenen Aufnahmen werden in Echtzeit auf der Online-Plattform „Periscope“ live übertragen. Und selbstverständlich wurden auch sie mit einem Smartphone erstellt (vgl. Bild Online o.V. 2015).
Mittlerweile hat der mobile Journalismus jedoch in alle Medien Einzug gehalten. Wo vor fünf bis zehn Jahren noch ein Übertragungswagen voller Equipment und einem Kabel von der deutschen Post aus eingesetzt werden musste, um den Beitrag live im Radio übertragen zu können, ist dies mittlerweile schon mit Hilfe einer einfachen App möglich (vgl. Buhrdorf 2015).
Auf der Online-Seite des Deutschlandfunks heißt es noch 2015:
Beim Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" in Hamburg spaltet der Versuch einer neuen Digitalstrategie das Haus und kostete Chefredakteure den Job. Die Entscheidung bei der "Süddeutschen Zeitung", den Leiter der Onlineredaktion zum Mitglied der Chefredaktion zu machen, löste im Frühjahr 2014 Irritation in der Branche aus. (Matzen/Rosenberg 2015)
Auch Marcus Bösch ist der Ansicht, dass die Auseinandersetzung mit dem Thema „mobiler Journalismus“ noch nicht auf dem neuesten Stand sei, obwohl zum Beispiel in Afrika die niederländische Organisation „Voices of Africa“ schon seit 2006 Smartphones einsetzt, damit die Einheimischen über ihre Heimatregion berichten können (vgl. Bösch 2012b: 7).
Annika Krooß, eine freie Mitarbeiterin des WDR, äußert im Interview die Einschätzung, dass wir uns schon mitten im mobilen Journalismus befinden. Für den Leiter des WDR-Studios Detmold, Jens-Olaf Buhrdorf, stehen wir dagegen erst am Anfang (vgl. Krooß 2016; Buhrdorf 2015). Die Meinungen gehen hier, wie auch sonst überall, auseinander, wobei dies natürlich auch eine Frage der Interpretation ist. Fakt ist, dass mobiler Journalismus bereits stattfindet, und zwar sowohl im Internet als auch in den altbekannten Medien.
Im Folgenden werde ich mich zunächst damit auseinandersetzen, wie mobiler Journalismus allgemein funktioniert und wie er von den Medien eingesetzt wird. In Bezug auf den Hörfunkjournalismus werde ich dies anschließend an dem Beispiel der Multimedialen Produktions-App (MuPro) der ARD {1} Frank Lechtenberg (Hrsg.) Perspektiven des Journalismus Ein Seminarband des Kurses Journalismus 2 im Sommersemester 2015 an der Hochschule Ostwestfalen-Lippe
konkretisieren. Des Weiteren werde ich auf verschiedene Möglichkeiten eingehen, mit dem Smartphone Audioaufnahmen zu erstellen und zu bearbeiten. Abschließend gebe ich einen Gesamtüberblick über den jetzigen Standpunkt des mobilen Journalismus und einen Ausblick auf die weitere Entwicklung.
Wie funktioniert mobiler Journalismus?
Mobiler Journalismus klingt zunächst einmal so, als bräuchte man außer seinem Smartphone eigentlich nichts Weiteres dafür. Marcus Bösch beschreibt in seinem interaktiven iPad-Buch jedoch anschaulich, dass man als Journalist immer einen Plan haben müsse und die Qualität des Journalismus auf keinen Fall unter der Benutzung des Smartphones leiden dürfe (vgl. Bösch 2012b: 13).
Denn auch bei mobilem Journalismus muss im Vorhinein genau geklärt sein, was man eigentlich mit seinen Aufnahmen erreichen möchte und wie die Umstände konkret beschaffen sind, in denen man diese Aufnahmen schlussendlich durchführt.
Zu diesem Zweck hat Bösch in seinem Buch den sogenannten MoJo-Plan (Mobiler Journalisten-Plan) aufgestellt, der auf die verschiedenen Hürden aufmerksam machen soll. Dieser Plan umfasst Fragen nach dem Auftraggeber, der Uhrzeit, dem Mobilfunknetz und allen anderen vorbereitenden Maßnahmen, die vor jeder journalistischen Tätigkeit üblich sind (vgl. Bösch 2012: 12).
Ein Smartphone ist zwar deutlich schneller aus der Tasche geholt als übliche Aufnahmegeräte, es ist leichter, handlicher, unauffälliger und bietet viele weitere Vorteile. Doch durch Apps und Gadgets kann die Qualität der Aufnahme stark beeinflusst werden.
Richard Koci Hernandez hat mit seinen Studenten der UC Berkeley Graduate School of Journalism einen Field Guide erstellt, der dem Nutzer einen umfassenden Überblick über sämtliche Smartphone-Zusätze für journalistische Tätigkeiten verschafft. Dort werden zum Beispiel Kamera-Apps wie „Camera Awesome“, „Photo-shop Express“ und „Filterstorm“, aber auch Audio-Apps wie „Hindenburg“ und „iRig“ erläutert. Des Weiteren werden verschiedene Stative, Lichter und Aufsetzlinsen vorgestellt, die von den Verfassern als besonders gut empfunden wurden (vgl. Koci Hernandez/Rue 2012: 2).
Dieser Field-Guide stammt jedoch bereits aus dem Jahre 2012, und die Entwicklungen schreiten rasant voran. Obwohl die meisten der Apps und Gadgets wohl immer noch aktuell sind, muss man sich als engagierter Reporter immer wieder auf den neuesten Stand der Technik bringen. Hier empfiehlt es sich, Online-Seiten wie zum Beispiel www.mobile-journalism.comzu verfolgen, auf denen immer wieder die aktuellsten technischen Neuerungen vorgestellt werden.
Doch es geht nicht nur um die perfekte audiovisuelle Aufnahme. Auch Beiträge zu schreiben, ist mit dem Smartphone möglich. Ob via E-Mail oder per CMS Wordpress – es ist heutzutage leichter, mit dem Smartphone Texte zu verfassen, als jemals zuvor. Das Smartphone kann auch als Schnittstelle zwischen Beiträgen und Zuschauern/Zuhörern dienen. So können Reporter auch Social-Media-Dienste wie Twitter und Facebook auf dem Smartphone nutzen, um mit Menschen in Kontakt zu treten und live von Events zu „twittern“ (vgl. Bösch 2012b:19).
Dass man sich beim mobilen Journalismus einen Plan machen muss und eine gute Vorbereitung und Planung hier genauso wichtig ist wie beim herkömmlichen Journalismus, sollte aus den vorangehenden Ausführungen klar geworden sein. In welchen Bereichen und bei welchen Themen die Smartphones zurzeit zum Einsatz kommen, ist die nächste Fragestellung.
Schon 2009 berichtet der Freelance-Journalist Guy Degen von einer Demonstration in Tiflis live via Smartphone. Er war zu diesem Zeitpunkt eigentlich unterwegs, um eine Reportage über Minenfelder zu drehen, als er von der Redaktion des DW-TV kontaktiert wurde, um die Demonstration im englischen Fernsehprogramm und auf der Deutschen Welle zu übertragen (vgl. Bösch 2012b: 4).
Jens-Olaf Buhrdorf berichtet im Interview von einem BBC-Kollegen, der eine Demonstration vor einer großen chinesischen Zeitung live im Internet publiziert habe, ohne dass die chinesische Polizei ihn davon abgehalten habe (vgl. Buhrdorf 2015).
Die Frankfurter Allgemeine veröffentlicht auf ihrer Internetseite Handyfotos vom Kölner Domplatz, die am Silvesterabend 2015 geschossen wurden. Darauf sind explodierende Feuerwerkskörper und eine große Gruppe junger Männer zu erkennen (vgl. Böhm 2015). Im Verlauf der nächsten Tage wurden die Übergriffe auf eine große Anzahl an Frauen, die am damaligen Abend stattfanden, von sämtlichen deutschen sowie internationalen Medien intensiv diskutiert.
Читать дальше