„So, wir sind da“, bemerkte Sienna gut gelaunt. Als Marzo mühsam den Blick hob, sah er mitten im dichten Wald eine kleine Blockhütte stehen. Sie mussten sich irgendwo am Bergpass der Vergessenen befinden. Die alte und unheimliche Festung Albenstein lag hier irgendwo in der Nähe, schauderte der junge Mann.
„Warte ich nehm dir den Beutel ab“, leicht ergriff Sienna ihr Gepäck und setzte es an der Eingangstüre ab. Irgendwo tief im jungen Lord wollte sich noch ein Teil darüber wundern wie die Elfe das nun wieder fertig gebracht hatte - dieses schwere Ding einfach so anzuheben, aber langsam wunderte ihn gar nichts mehr. Die Welt war in diesen Zeiten eben voller Verrückter - so musste es sein.
Das Häuschen, vor dem er stand, schien sehr alt zu sein. Es war von einer dicken Moosschicht bedeckt und von Pilzen und Farnen überwuchert. Ein dünner, aus dem kleinen Schornstein aufsteigender Rauchfaden, war das einzige Zeichen, dass hier jemand lebte.
Seltsam, dachte er sich, seit seiner frühesten Kindheit hatte er sich hier und in der Nähe des Passes aufgehalten, aber ihm war noch nie aufgefallen, dass hier jemand wohnte.
Vielleicht war die Bewohnerin eine der bösartigen Hexen des Waldes, wie die alte Susan nahe der Stadtgrenze. Andererseits war der Dunkelwald sehr weitreichend.
„Sohn Finsterforsts, betritt die Behausung und stelle Dich Deinem Schicksal!“
Marzo drehte sich erschrocken zur Elfe herum. Was sollte das bedeuten? Bevor er wusste wie ihm geschieht, hatte sie ihn schon sanft aber bestimmt in die Hütte geschoben.
Es war sehr dunkel und es roch modrig. Es schien als wäre Jahrhunderte lang niemand mehr hier gewesen. Unerwartet trat aus dem Schatten eine Person. Marzo versuchte seine Augen an die Dunkelheit zu gewöhnen und fixierte sein Gegenüber. Vor ihm stand eine Frau, ebenso groß wie er, mit langen schwarzen Haaren. Sie trug goldene Schulterstücke und einen imposanten Brutharnisch. Eine gewaltige Axt war auf ihrem zugegebenermaßen sehr männlichen, muskulösen Rücken geschnallt. Langsam schritt sie auf den Lord zu.
„Hast du Hunger junger Mann? Ich hab noch einen Rest Suppe im Kessel, natürlich nur wenn du magst.“
Die bloße Erwähnung der Wortes ´Essen´ löste spürbare seelische und körperliche Schmerzen in Marzo aus. Egal ob sie nun eine Hexe oder eine Kriegerin war, dies schien ihre Hütte zu sein und sie hatte etwas zu Essen bei sich.
„Danke meine Dame. Das wäre zu gütig.“
Das Stück Brot aus der Hosentasche und die warme Suppe beruhigten seinen Magen und hoben auch seine angeschlagene Stimmung wieder. Während des Essens sprachen beide kein Wort, dennoch schaute sich der junge Mann zwischen den Bissen staunend in der Hütte um.
Das Innere glich eher einer Waffenkammer als einem Wohnraum. Wo andere Leute Bilder dekoriert hatten, hingen Schwerter und Schilde an der Wand. Statt Blumensträußen lagen Dolche auf dem Nachttisch. Äxte, Keulen, Lanzen, Speere.
All das schien diese mysteriöse Frau aufzubewahren, die Gebrauchsspuren deuteten gleichermaßen die rege Benutzung dieses Arsenals an.
Er hatte noch nie so viele Waffen verschiedener Form und Herstellung gesehen - und sein Vater hatte seinerseits schon genug gehortet. Diese Kriegerin schien sich für ganz besonders harte Zeiten zu rüsten.
Trotz all seiner Neugier traute er sich dennoch nicht ihr eine Frage zu stellen, wer sie war und was sie hier machte, er betrachtete nur voller Begeisterung die seltenen Stücke. In Gedanken stellte er sich vor diese Waffen zu schwingen. Mit viel Eleganz und Anmut wie es sein Vater tat.
Der Ruhm und die Ehre einer Schlacht, der Triumph im Kampf, das war es was er sich in diesem Augenblick wünschte. Dann hätte er die Falschmünzer vorhin auch alleine besiegt und nicht… der Gedanke an die Niederlage kratze und bohrte stark in seinem Inneren und ließ ihn nicht los. Man hatte ihn einfach belacht und verprügelt wie einen wehrlosen Welpen und eine mädchenhafte Elfe musste ihn retten.
„Hat es geschmeckt?“ Die Frau riss ihn aus seinen düsteren Gedanken.
„Interessant meine Dame. Es ... es ging so … Was war das denn für eine Suppe?“
„Das... willst du nicht wissen Jüngling. Glaube mir. Manches schmeckt einfach besser, wenn man nicht weiß was es ist.“, sie lächelte und entblößte eine Reihe schneeweißer Zähne.
„Meine Dienerin Sienna führte dich zu mir Menschensohn, aber musstest du nicht noch aus einem anderen Grund in den Wald?“
„Wie? Nein ich ... bei Stahlbrecher - das Holz!!!“, hastig sprang Marzo auf und warf dabei seinen Stuhl nach hinten um. Diese ganze Geschichte hier hatte ihn ja von der Arbeit abgehalten.
„Wo... wo ist bloß mein Beil?“
„Nun, wenn es nicht Beine bekommen hat, dann liegt es noch immer an dem Ort wo du meine Dienerin getroffen hast.“, entgegnete die Unbekannte lachend.
„Verdammt! Verdammt! Mein Vater wird äußerst ungehalten sein!“, unruhig rannte Marzo im Zimmer auf und ab. Den halben Tag war er mit der Elfe unterwegs gewesen, hatte sich im Wald verlaufen und kein bisschen Holz gesammelt - und wofür? Für ein bisschen Suppe und die Gesellschaft einer ihm unbekannten, beängstigenden Frau in Kriegsmontur.
„Nun junger Lord, du solltest weniger fluchen. Dies geziemt sich nicht für einen Mann deiner Abstammung.“
„Verzeiht mir meine Dame... aber woher wisst Ihr das ich ein Lord…. egal... ich muss aufbrechen. Wie komme ich am schnellsten wieder nach Hause?“, fragte Marzo eilig.
„Gehe einfach strickt in Richtung Osten und du kannst den Weg gar nicht verfehlen.“
Lord Marzo hob die Augenbraue. Sah er so aus als wäre er ein erfahrener Fährtenleser der sich mit Himmelsrichtungen auskannte?
Die in Gold gehüllte Frau flüsterte: „Osten ist da lang“, sie wies mit ihrer Hand in die entsprechende Richtung.
Marzo tat ein paar zögerliche Schritte, dann drehte er sich wieder herum. Noch immer nagte das Ereignis der erlebten Niederlage an seiner jugendlichen Eitelkeit.
„Meine Dame… ich kann die Auseinandersetzung mit den Falschmünzern nicht vergessen. Ich meine, welch Kampfeskunst Eure… wie sagtet Ihr? Eure Dienerin ausübte - schnell und effektiv! So ganz anderes als die Art Kriegsführung die mein Vater auszuüben pflegt.“
Die Frau lächelte sanft: „Das hat dir wohl gut gefallen junger Lord? Lass dir sagen dass meine Dienerin eine ebenso gute Kämpferin ist - wie es die heilige Norwiga vorherbestimmt hat.“
„Norwiga …?“
Sie nickte. „Und eine Legende wie sie hätte bestimmt nicht gewollt, dass ein Adelsblut all sein Potential in einer Küche oder auf dem Feld vergeudet. Weißt du, ich habe hier immer viel zu tun, ich könnte gut eine helfende Hand gebrauchen und als Gegenleistung mach ich einen waschechten Krieger aus dir. Nicht so einen verweichlichten Säbelwedler wie dein Bruder einer ist.“
„Ihr… Ihr kennt meinen Bruder?“
„Ja...“, flüsterte sie, „Und nun mach dich auf den Weg Adelsblut. Komm morgen um die Mittagszeit wieder hierher.“
Die Frau drehte sich um und ging ohne ein weiteres Wort zurück in die Hütte.
Marzo machte einen fröhlichen Luftsprung und rannte so schnell ihn seine geschundenen Beine trugen den Weg entlang nach Hause. Woher wusste die Frau eigentlich so viel von seinem Bruder? Ach egal! Jetzt war ihm alles egal. Morgen würde er auch anfangen zu trainieren und ein richtiger Krieger werden. So wie die Männer aus den vielen Sagen und Legenden.
Noch nie war Marzo so glücklich gewesen.
Die dunkelhaarige Frau trat wieder aus der Hütte und sah ihm nach. Er hatte es in sich, keine Frage. Er war zäh und stark, aus diesem konnte etwas werden. Sie hob Siennas Beutel auf und schüttete einige kopfgroße Steine heraus, ihr Blick folgte Marzo noch bis er völlig hinter den Bäumen verschwunden war.
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