Oft beeinflusste eine Entscheidung für Rechtschaffenheit oder Zerstörung, Pflicht oder Regellosigkeit, nur den Lebensweg des Beteiligten.
Manchmal war es mehr als das.
Manchmal war es ein ganzes Zeitalter.
Langsam wanderten die ersten Sonnenstrahlen durch das kleine Fenster und tauchten den schäbigen Holzboden in ein warmes, goldenes Licht, welches dem spärlich möblierten Raum etwas Gemütlichkeit verlieh. Kein Bild schmückte die kargen Wände, kein Teppich wärmte den Bewohnern im Winter die Füße, ganz im Gegensatz zum anliegenden Herrenhaus. Lediglich zwei einfache Betten standen rechts und links neben einem alten Holzschrank.
Ein junger Mann mit langem dunkelbraunem Haar und winzigen Bartstoppeln lag in einem dieser Betten. Sein entspannter, glücklicher Gesichtsausdruck ließ einen wundervollen Traum erahnen. Die aufgehende Sonne streifte das friedliche Gesicht des schlafenden Jungen und holte ihn allmählich aus dem Schlaf. Müde blinzelte der junge Mann durch die verschlafenen Augen. Wieso kam der Morgen denn nur immer so schnell? Ein kurzer Blick auf das zweite, jedoch leere Bett, verriet ihm, dass sein Bruder schon längst aufgestanden war. Der Tag hatte noch nicht begonnen und schon nagte das schlechte Gewissen wieder an ihm.
Eigentlich hätte er auch gleich liegen bleiben können. Besser würde der Tag wohl nicht mehr werden.
Er richtete sich auf und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Irgendetwas hatte er doch gerade noch geträumt. Es war... es war nicht mehr greifbar. Die Erinnerung daran, so nah sie auch schien, entwischte jedes Mal aufs Neue bevor er sie festhalten konnte... Aber er fühlte, dass es etwas sehr Schönes gewesen sein musste.
Mühsam schwang er ein Bein aus dem Bett und zog schwerfällig das Zweite hinterher. Es war natürlich besser jetzt schon aufzustehen, bevor sein Vater wieder ungehalten wurde, weil er die Frühstückszeit verschlief. Er wollte ihm schließlich nicht noch mehr Gründe liefern ihn zu tadeln.
Ausgiebig streckte er sich und langsam wich die Müdigkeit aus seinen Knochen. Ein neuer Tag, bedeutete schließlich eine neue Chance, dachte er sich, seinen Vater vor Augen, mit einem schelmischen Grinsen im Gesicht.
Vielleicht lag es an diesem schönen Traum, aber er sprang voller morgendlicher Energie aus dem Bett - Frühsport war nun angesagt. Rauf, runter, rauf, runter.
Als er beim sechsundfünfzigsten Liegestütz angelangt war öffnete sich quietschend die Zimmertür und sein Bruder lugte hinein. Sogleich schoss dem jungen Mann in den Kopf, dass er gestern noch den Auftrag hatte die Tür zu ölen.
„Marzo aufstehen, Vater will das du ... Oh du bist schon wach und du machst wieder deine unsinnigen Übungen? Na dann beeil dich damit, Vater hat einige Aufgaben für dich.“, dann verschwand er wieder.
´Unsinnige Übungen, unsinnige Übungen.´. Eines Tages würde er sich ihnen beweisen. Na gut er war vielleicht nicht der Erstgeborene der Lordschaft Finsterforsts, trotzdem konnte er es jederzeit mit seinem Bruder Askan aufnehmen und ihm dieses überhebliche Grinsen aus dem Gesicht prügeln - nun ja, eines Tages. Aber wenn Marzo nur fleißig weiter trainierte, siebenundfünfzig, dann würde er seinem Bruder, achtundfünfzig, und seinem Vater, neunundfünfzig, endlich zeigen, dass ein wahrer Krieger in ihm steckte… Sechzig, er liebte seine Familie, Einundsechzig, jawohl er liebte sie, Zweiundsechzig, Dreiundsechzig …
Der Schweiß rann Marzo mittlerweile in dicken Perlen über die zitternden Arme, vielleicht war es nun doch Zeit aufzuhören und endlich frühstücken zu gehen, danach konnte er immer noch weitermachen.
Marzo verließ die kleine, dem Wald nahe Hütte auf der abgelegenen Seite des Anwesens und schritt auf die Rückseite des Herrenhauses zu. Kurz darauf betrat er die prunkvolle Küche, wo sein Vater und Bruder bereits am Tisch zusammen saßen und sich über den bevorstehenden Tag unterhielten. Wieder einmal stellte Marzo fest, dass er mit den beiden nicht die geringste Ähnlichkeit besaß. Er wirkte zu jeder Jahreszeit sonnengebräunt mit dunklen Haaren und dunklen Augen, Bruder und Vater hingegen bleich und letzterer darüber hinaus noch von Schlachten gezeichnet. Der Grund war klar, es lag wohl hauptsächlich daran, dass Askans Mutter nicht die seine war und wie man ihm so oft vorhielt, dass schon sein Aussehen ein Zeichen der Schwäche war.
„Guten Morgen Askan! Guten Morgen Vater.“, er versuchte möglichst freundlich zu klingen.
Sein Bruder nickte ihm kurz zu.
„Guten Morgen? Wohl eher Guten Tag, mein Sohn.“, erklang die tadelnde Stimme seines Vaters Kane, Hochlord der Dynastie von Finsterforst.
„Die Sonne steht schon gewaltig hoch und in fünf Stunden ist bereits Mittag. Du hast dir wahrlich einen schlechten Tag zum Faulenzen ausgesucht. Wenn mich nicht alles irrt, solltest du doch heute im Wald Holz holen!“
„Ja Vater“, schuldbewusst senkte Marzo den Blick, er konnte den stechenden Augen seines Vaters nicht standhalten. Dieses einnehmende Gefühl der Schwäche, das sich gerade seine Wirbelsäule hinab in den Magen vorarbeitete, war allgegenwärtig in der Anwesenheit seines Vaters. Der Mann war es gewohnt, dass man jedes seiner Worte als Befehl verstand und ohne Widerrede gehorchte.
„Hier fang!“, er warf Marzo lachend ein Stück Brot zu, „Und nun nimm das Beil und mach dich auf in den Wald mein Sohn. Gräme dich nicht, ein gewaltiger Krieger mag einst aus dir werden, aber für heute belassen wir es beim Holzhacken. Dein Bruder wird heute hier bleiben und mit mir trainieren. Versuche rechtzeitig zum Mittag zurück zu sein.“
Marzo hob den Brotkanten auf, den er zu fangen verpasst hatte und verließ schweigend die Behausung. Eigentlich liebte er die frische Morgenluft des Dunkelwalds, aber heute war wieder einer dieser Tage. Einer dieser ganz normalen Tage im zweitklassigen Leben eines zweitklassigen adeligen Sohnes.
Der Hunger war ihm vergangen, also schob er sich den Kanten in die Hosentasche. Er zog das Beil aus dem Hackklotz, der vor dem aufwendig und liebevoll verzierten Eingangstor des Herrenhauses stand. Gedankenverloren blickte er hinüber zu dem Übungsplatz, auf die vielen blank geputzten Waffen der Stadtwache. Schwerter, Messer, Dolche, Äxte und Säbel hingen fein säuberlich aufgereiht in ihren Halterungen. Kaum zwanzig Schritt entfernt und doch unerreichbar für ihn. Er durfte den Platz nie betreten und auch nur eines der Schwerter anfassen. Er war schon fast siebzehn Jahre alt, aber trotzdem hielt ihn sein Vater noch für zu jung. Sein Bruder trainierte hier seit einem Jahr, nun- Askan war auch der Erstgeborene und zwei Jahre älter.
Mit einem stillen Nicken festigte er den Griff um das Heft des Beils und schritt gen Dunkelwald.
Das Anwesen in Finsterforst lag nur wenige Tagesreisen von Donnerhall entfernt, eine der wenigen großen Städte Aravias. Marzo wusste nicht viel über das Zeitalter des großen Kriegs und dem Dämonensturm, außer dass es die Zeit gewesen war, in welcher diese seltsamen Lebewesen, die sein Urgroßvater immer „Dämonen“ nannte, das gesamte Land verheert hatten und sich alle Menschen, Zwerge und was es sonst noch so auf der Welt gab in unterirdischen Städten versteckten mussten um zu überleben. Diese Invasion lag aber auch schon tausende Jahre in der Vergangenheit und Donnerhall hatte den Zeiten getrotzt.
Er würde gern einmal diese große Stadt besuchen, so wie sein Vater es oft tat wenn er arbeiten musste, aber der junge Mann wusste genau, dass er ihn niemals mitnehmen würde. Er war eben nur der ungeliebte Zweitgeborene. Dabei malte er sich oft aus wie das Leben in der Stadt so sein musste. Er hatte gehört, dass dort unzählige Menschen lebten, unter den normalen Bauern und Händlern auch Krieger, Zauberer und Ritter. Er hingegen hatte auf der wenig genutzte Handelsstraße Richtung Agramon, neben dem gelegentlichen Handelsreisenden, lediglich einmal einen Kürschner und ein anders mal einen Schmied zu Gesicht bekommen.
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