Bald sprang er auf die Füße · da nahm der Degen gut
Den Speer, den sie geschossen · ihm hatte durch den Rand:
Den warf ihr jetzt zurücke · Siegfried mit kraftvoller Hand.
Er dacht’: „Ich will nicht schießen · das Mägdlein wonniglich.“
Des Spießes Schneide kehrt’ er · hinter den Rücken sich;
Mit der Speerstange · schoß er auf ihr Gewand,
Daß es laut erhallte · von seiner kraftreichen Hand.
Das Feuer stob vom Panzer · als trieb’ es der Wind.
Es hatte wohl geschossen · der Sieglinde Kind:
Sie vermochte mit den Kräften · dem Schusse nicht zu stehn;
Das war’ von König Gunthern · in Wahrheit nimmer geschehn.
Brunhild die schöne · bald auf die Füße sprang:
„Gunther, edler Ritter · des Schusses habe Dank!“
Sie wähnt’, er hätt’ es selber · mit seiner Kraft getan;
Nein, zu Boden warf sie · ein viel stärkerer Mann.
Da ging sie hin geschwinde · zornig war ihr Mut,
Den Stein hoch erhub sie · die edle Jungfrau gut;
Sie schwang ihn mit Kräften · weithin von der Hand,
Dann sprang sie nach dem Wurfe · daß laut erklang ihr Gewand.
Der Stein fiel zu Boden · von ihr zwölf Klafter weit:
Den Wurf überholte · im Sprung die edle Maid.
Hin ging der schnelle Siegfried · wo der Stein nun lag:
Gunther mußt’ ihn wägen · des Wurfs der Held selber pflag.
Siegfried war kräftig · kühn und auch lang;
Den Stein warf er ferner · dazu er weiter sprang.
Ein großes Wunder war es · und künstlich genug,
Daß er in dem Sprunge · den König Gunther noch trug.
Der Sprung war ergangen · am Boden lag der Stein:
Gunther war’s, der Degen · den man sah allein.
Brunhild die schöne · ward vor Zorne rot;
Gewendet hatte Siegfried · dem König Gunther den Tod.
Zu ihrem Ingesinde · sprach die Königin da,
Als sie gesund den Helden · an des Kreises Ende sah:
„Ihr, meine Freund’ und Mannen · tretet gleich heran:
Ihr sollt dem König Gunther · alle werden untenan.“
Da legten die Kühnen · die Waffen von der Hand
Und boten sich zu Füßen · von Burgundenland
Gunther dein reichen · so mancher kühne Mann:
Sie wähnten, die Spiele · hätt’ er mit eigner Kraft getan.
Er grüßte sie gar minniglich · wohl trug er höf’schen Sinn.
Da nahm ihn bei der Rechten · die schöne Königin:
Sie erlaubt’ ihm, zu gebieten · in ihrem ganzen Land.
Des freute sich da Hagen · der Degen kühn und gewandt.
Sie bat den edeln Ritter · mit ihr zurück zu gehn
Zu dem weiten Saale · als dies war geschehn,
Begrüßte man die Recken · erst recht ehrenvoll.
Dankwart und Hagen · nahmen’s hin ohne Groll.
Siegfried der schnelle · war wohl schlau genug,
Daß er die Tarnkappe · aufzubewahren trug.
Dann ging er zu dem Saale · wo manche Fraue saß;
Er sprach zu dem König · gar listiglich tat er das:
„Was säumt ihr, Herr König · und beginnt die Spiele nicht,
Die euch aufzugeben · die Königin verspricht?
Laßt uns doch bald erschauen · wie es damit bestellt.“
Als wüßt’ er nichts von allem · so tat der listige Held.
Da sprach die Königstochter · „Wie konnte das geschehn,
Daß ihr nicht die Spiele · Herr Siegfried, habt gesehn,
Worin hier Sieg errungen · hat König Gunthers Hand?“
Zur Antwort gab ihr Hagen · aus der Burgunden Land:
Er sprach: „Da habt ihr, Königin · uns betrübt den Mut:
Da war bei dem Schiffe · Siegfried der Degen gut,
Als der Vogt vom Rheine · das Spiel euch abgewann;
Drum ist es ihm unkundig“ · sprach da Gunthers Untertan.
„Nun wohl mir dieser Märe“ · sprach Siegfried der Held,
„Daß hier eure Hochfahrt · also ward gefällt,
Und jemand lebt, der euer · Meister möge sein.
Nun sollt ihr, edle Jungfrau · uns hinnen folgen an den Rhein.“
Da sprach die Wohlgetane · „Das mag noch nicht geschehn.
Erst frag’ ich meine Vettern · und die in meinem Lehn.
Ich darf ja nicht so leichthin · räumen dies mein Land:
Meine höchsten Freunde · die werden erst noch besandt.“
Da ließ sie ihre Boten · nach allen Seiten gehn:
Sie besandte ihre Freunde · und die in ihrem Lehn,
Daß sie zum Isensteine · kämen unverwandt;
Einem jeden ließ sie geben · reiches, herrliches Gewand.
Da ritten alle Tage · beides, spat und früh,
Der Feste Brunhildens · die Recken scharweis zu.
„Nun ja doch,“ sprach da Hagen · „was haben wir getan!
Wir erwarten uns zum Schaden · hier die Brunhild untenan.
„Wenn sie mit ihren Kräften · kommen in dies Land,
Der Königin Gedanken · die sind uns unbekannt:
Wie, wenn sie uns zürnte? · so wären wir verloren,
Und wär’ uns das edle Mägdlein · zu großen Sorgen geboren!“
Da sprach der starke Siegfried · „Dem will ich widerstehn.
Was euch da Sorge schaffet · das lass’ ich nicht geschehn.
Ich will euch Hilfe bringen · her in dieses Land
Durch auserwählte Degen · die sind euch noch unbekannt.
„Ihr sollt nach mir nicht fragen · ich will von hinnen fahren;
Gott möge eure Ehre · derweil wohl bewahren.
Ich komme bald zurücke · und bring euch tausend Mann
Der allerbesten Degen · deren ich Kunde je gewann.“
„So bleibt nur nicht zu lange“ · der König sprach da so,
„Wir sind eurer Hilfe · nicht unbillig froh.“
Er sprach: „Ich komme wieder · gewiß in wenig Tagen.
Ihr hättet mich versendet · sollt ihr der Königin sagen.“
ACHTES ABENTEUER – WIE SIEGFRIED NACH DEN NIBELUNGEN FUHR
Von dannen ging da Siegfried · zum Hafen an den Strand
In seiner Tarnkappe · wo er ein Schifflein fand.
Darin stand verborgen · König Siegmunds Kind:
Er führt’ es bald von dannen · als ob es wehte der Wind.
Den Steuermann sah niemand · wie schnell das Schifflein floß
Von Siegfriedens Kräften · die waren also groß.
Da wähnten sie, es trieb’ es · ein eigner starker Wind:
Nein, es führt’ es Siegfried · der schönen Sieglinde Kind.
Nach des Tags Verlaufe · und in der einen Nacht
Kam er zu einem Lande · von gewalt’ger Macht:
Es war wohl hundert Rasten · und noch darüber lang,
Das Land der Nibelungen · wo er den großen Schatz errang.
Der Held fuhr alleine · nach einem Werder breit:
Sein Schiff band er feste · der Ritter allbereit.
Er fand auf einem Berge · eine Burg gelegen
Und suchte Herberge · wie die Wegemüden pflegen.
Da kam er vor die Pforte · die ihm verschlossen stand:
Sie bewachten ihre Ehre · wie Sitte noch im Land.
Ans Tor begann zu klopfen · der unbekannte Mann:
Das wurde wohl behütet · da traf er innerhalben an
Einen Ungefügen · der da der Wache pflag,
Bei dem zu allen Zeiten · sein Gewaffen lag.
Der sprach: „Wer pocht so heftig · da draußen an das Tor?“
Da wandelte die Stimme · der kühne Siegfried davor
Und sprach: „Ich bin ein Recke · tut mir auf alsbald,
Sonst erzürn’ ich etlichen · hier außen mit Gewalt,
Der gern in Ruhe läge · und hätte sein Gemach.“
Das verdroß den Pförtner · als da Siegfried also sprach.
Der kühne Riese hatte · die Rüstung angetan,
Den Helm aufs Haupt gehoben · der gewaltige Mann:
Den Schild alsbald ergriffen · und schwang nun auf das Tor.
Wie lief er Siegfrieden · da so grimmig an davor!
Wie er zu wecken wage · so manchen kühnen Mann?
Da wurden schnelle Schläge · von seiner Hand getan.
Der edle Fremdling schirmte · sich vor manchem Schlag;
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