1 ...6 7 8 10 11 12 ...26 Drinnen setzte ich mich an den Esszimmertisch und zündete mir eine Zigarette an. Wie ein schlechtgeschnitzter Holzjesus glotzte ich vor mich hin. Die Zigarette dampfte wie ein heißer Nagel zwischen meinen Fingern. Maria beziehungsweise meine Mutter kam aus der Küche und fragte:
„Wie war’s?“
„Wenig produktiv“, schnaufte ich, zog an meinem Nagel und ergänzte seufzend: „Lohnt sich nicht, darüber zu sprechen.“
„Hast du Hunger?“
„Nein“, schüttelte ich meine Dornenkrone.
„Kann ich dir etwas Gutes tun?“
„Nein“, schüttelte ich erneut, und realisierte, dass ich gerade einen wenig „attraktiven“ Eindruck machen musste. ( Schlechtgeschnitzt eben. ) Meine Mutter sah mich gespannt an. Ich lächelte und sagte: „Mir ist im Moment danach zumute, allein zu sein. Möchte ein paar Tage verreisen. Am besten fahr ich gleich los.“
Meine Mutter war von meinem Vorhaben nicht begeistert. Sie sagte es nicht, doch ich spürte, dass sie sich sorgte.
„Du brauchst dir keine Sorgen zu machen“, erklärte ich also, „Ist nicht das erste Mal, dass ich verreise.“
„Finde ich nicht gut, dass du bei dem Schnee losfährst.“
Ich nahm ihren Vorwand gerne auf:
„Nicht weiter relevant. Ich fahr nach Südfrankreich. Dort hat’s keinen Schnee und die Autobahnen bis dahin sind frei.“
Praktisch. Hatte ich somit eher zufällig mein Reiseziel gefunden!
Nach einigem Hin und Her gab Mutter Ruhe. Anstandshalber entschuldigte ich mich bei ihr, dass ich sie über Weihnachten alleine ließe. Sie wehrte ab:
„Ach, das macht doch nichts. Du weißt ja, dass mir an Weihnachten nichts liegt.“
Ich „verzieh“ ihr gedanklich und starrte auf meinen „Nagel“.
Es war spät, elf Uhr in der Nacht. Zunächst fuhr ich in Richtung Lyon. Wie erwartet waren die Autobahn weitgehend schneefrei. Zu Beginn der Fahrt fühlte ich mich ruhig. Ich hörte Radio, rauchte und stierte dröge auf die Straße.
Die Monotonie der Fahrt wurde ab Nancy von Bildern aus meinem Leben unterbrochen, die vor meinem geistigen Auge vorbeizogen. Bis Langres waren dies weit zurückliegende Bilder, die ich ungerührt betrachtete. Nach und nach erhöhte sich die Bildfrequenz dieses „internen Diavortrags“ und ab Dijon verdichtete sich die Vorführung auf Bilder meiner Familie. Ich sah das Lachen der Kinder, sah meine Frau an ihrem Schreibtisch, sah uns in Texas die Möbel zusammenpacken, in Luftpolsterfolie einwickeln und mit Paketband verkleben. Ich wusste, dass all dies geschehen war, aber ich betrachtete die Bilder nach wie vor mit jener Ungerührtheit. Ja, sie schienen mir unwirklich, als zeigten sie nie Geschehenes.
Unvermittelt, das musste auf der Höhe von Chalon–sur–Saône gewesen sein, konnte ich mich an die Gefühle erinnern, die ich in den jeweiligen Situationen empfunden hatte. Und mit der Erinnerung an diese Gefühle tauchten Fragen auf: Hatten wir nicht unsere Abreise vorbereitet? In unser neues Zuhause? Unsere neue Familie, die wir uns so gewünscht hatten? Meine Kehle brannte und meine Arme schmerzten wie von innerem Frost. Und die Kälte, die ich draußen sah, klirrte nun in mir, obwohl es warm im Wagen war.
Mit einem Male sah ich Bilder von Szenen, die ich noch nicht erlebt hatte: Wie meine Frau bei ihren Eltern den Weihnachtsbaum schmückte. Wie die Kinder ihr dabei „halfen“. Wie sie lachten und scherzten. Und mir wurde klar, dass ich nicht dabei war. Dass es nichts auszumachen schien. Dass ich überflüssig war!
Ich bemerkte, dass ich an Mâcon vorbeifuhr. Lyon war also nahe. In Lyon hatten meine Frau und ich Max gezeugt. Dort wollte ich nicht hin. Daher bog ich auf die Autobahn nach Grenoble ab. Durch den Kurswechsel war mein Diavortrag unterbrochen worden. Meine Kehle brannte aber noch, denn ich hatte nichts zu trinken. An der nächsten Raststätte hielt ich an, Wasser zu kaufen.
Die Raststätte war geräumig und von gedämpftem Licht durchflutet, nahezu die feierliche Atmosphäre einer Kathedrale ausstrahlend. An der Kasse wurde ich nicht gleich bedient, sodass ich mir gelangweilt die Auslagen anschaute. Aus einem Regal mit CDs griff ich mir ein Album von Celine Dion heraus. Die anderen Interpreten in der Auswahl kannte ich nicht. Die Bedienung kam.
Ich schlug die Tür zu, steckte den Zündschlüssel ins Zündschloss, startete den Motor, und fuhr los. Nachdem ich auf die Autobahn eingebogen war, schob ich die CD in den CD–Spieler und lauschte. Die meisten Lieder fand ich öde, weshalb ich sie nur kurz an–hörte und mich zum nächsten Lied weiterklickte. Bis ich auf „Des milliers de baisers“ stieß.
Dieses sprach mich an und ich hörte es ganz. Da es zu meiner traurigen Stimmung passte, stellte ich die Wiederholfunktion des Players ein. War doch schön, sich ein bisschen zu quälen, und das umso mehr, als ich versuchte, den Text zu übersetzen. (Mein Französisch war damals nicht besonders!) Nach und nach schaffte ich es aber. Es ging um tausende Küsse, Zärtlichkeiten, Worte und Gedanken, die vergessen im Mülleimer landeten, Altvertrautes also, seit Äonen Poesiertes auch, doch wieder und wieder wie neu erfunden. Ich schloss mich dem Ritual an (Vertrautes verleitet!), hörte das Lied immer und immer wieder, und – als wäre die Trauer neu empfunden – weinte.
Ich erreichte die Alpen. Dort lag mehr Schnee als auf meiner vorherigen Strecke. Mir fiel auf, dass ich nicht wusste, wohin ich wollte. Machte nichts, ich hatte mein Lied. So fuhr ich weiter, über Turin in Richtung Genua und über die Mittelmeerautobahn in Richtung Nîmes.
Die Fahrt wuchs sich zu einem Bad in Verzweiflung aus, was mich im Nachhinein überrascht und beschämt. Aber egal, was man hatte, das hatte man: Ich entwickelte die wirrsten Phantasien, wie ich meine Frau zur Rückkehr bewegen könnte. Ein Szenario der Unterwerfung jagte das andere. Ich überantwortete mich einer unbeschreiblichen gedanklichen Erniedrigung, gab mich in meiner Vorstellung schmachtend als Sklave hin, der alles über sich ergehen ließ, sah mich in absurdesten Situationen wie eine surreale Zofe mit Schürze und Küchenhäubchen dekoriert Haus– und Gartenarbeiten verrichten und lustvoll wie ein Don Juan im schwarzen Lederrock Bosheiten und Misshandlungen ertragen. Nur, damit ich in der Nähe meiner Frau sein konnte. Ich sah, wie meine Kinder mit leeren Augen die unaufhaltsame Zersetzung ihres Vaters beobachteten. Ich ließ alles über mich ergehen. Erduldete alles. Genoss die Wonne des Gequältseins und meine Dankbarkeit, dass ich in ihrer Nähe sein durfte. Ich versank in diesen Bildern und fuhr wie ein Automat, ohne zu wissen, wohin. Ich wollte nur fahren und dieses letzte Zusammensein mit meiner Frau und meiner Familie genießen. Es war grausam. Ach, „grausam“! Die Hölle war es, denn der Wunsch, der niemals enden will, ist Hölle!
Zwischendurch tankte ich und ging aufs Klo. In einem uringelb gefliesten Toilettenvorraum sah ich ein Telefon an der Wand hängen. Ich hatte den Einfall, meine Frau anzurufen.
Vielleicht hatte sie es sich ja anders überlegt! Vielleicht war ja alles bloß ein Traum! Es war neun Uhr am Morgen. Sie musste gerade mit ihren Eltern und den Kids frühstücken.
Ich rief an. Während ich wartete, dass jemand abhob, fühlte ich mich merkwürdig berührt durch die Menschen, die in die Pinkelstube hinein– oder aus dieser heraus– und an mir vorbeihuschten. Es war, als wäre mir die Hose heruntergerutscht und jeder glotzte auf das Loch in meinem Slip. Auf meinen linken Hoden. Endlich klickte es – mein Blick wischte schuldbewusst über die mich umzitternden Rücken – und meine Schwiegermutter meldete sich.
Ich begrüßte sie. Sie sagte nichts, noch nicht mal ein Schnaufen. Lediglich hohle Kühle am anderen Ende. Als stünde da der Tod. Ich fragte, ob ich meine Frau sprechen könne. Sie krächzte ein Ja. Ich wartete.
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