1 ...8 9 10 12 13 14 ...26 Ich schnaufte genervt und wandte mich ab, die Werft zu verlassen.
„Bonne chance!“, unterbrach eine raue Stimme mein Grübeln.
Der alte Mann hatte sich von mir verabschiedet. Er sah mich forschend an. Ich lächelte ertappt und sagte:
„Bonne chance – et au revoir!“
Der Mann grinste und wandte sich seiner Arbeit zu. Die Lust auf einen Pastis war mir vergangen. Ich kehrte daher sofort zu meinem Wagen zurück und fuhr weiter.
Am Ortsausgang von Grau–du–Roi sah ich ein Hinweisschild nach Aigues Mortes. Dort hatte ich 1989 einige fidele Tage verbracht, mit meiner damaligen Freundin Lucy. Vielleicht sei ja etwas übriggeblieben von diesem Flair, das uns seinerzeit umzittert hatte! Ich entschloss mich, dort hinzufahren.
In Aigues Mortes stellte ich den Wagen vor den Stadtmauern ab und ging in die Altstadt. Ich liebte die engen Straßen und alten Häuschen dieses Ortes, hatte derweil jetzt nicht den Nerv, das Ambiente auf mich wirken zu lassen, aber Hunger, und die Idee, die Pizzeria zu suchen, in der ich so gut mit Lucy gegessen hatte. Ich fand das Lokal. Es war geschlossen.
Enttäuscht steckte ich die Hände in die Hosentaschen und stapfte weiter, kreuz und quer durch die Stadt. Mir fiel ein Café mit blumig verschnörkelten Fenstern auf. Dort wollte ich einen Pastis trinken, denn darauf hatte ich wieder Lust. Ich trat ein, aber da waren mir zu viele Menschen, weshalb ich auf dem Absatz kehrtmachte.
Gereizt durch die Straßen irrend kam ich an einem Kindergarten vorbei. Im Vorübergehen blieb mein Blick an den mit Fingerfarben bemalten Scheiben hängen. Das erinnerte mich an meine Kinder, ihre Kindergärten in Austin und unser gemeinsames Malen. Es schnürte mir die Kehle zu.
Mir stiegen Tränen in die Augen, sodass ich verschwommen sah. Ich schluckte, aber es wurde schlimmer. Und je wässriger ich meine Umgebung wahrnahm, desto besser sah ich meine Kinder. Ich sah, wie sie bei den Eltern meiner Frau malten. Wie sie mit den Wasserfarben panschten. Wie sie herumalberten und einander neckend die Pinsel auf den Kopf tickten. Wie Max versehentlich ein Glas umstieß und meine Schwiegermutter ihn mit ihrer hässlichen Härte ausschimpfte. (Sie hatte Max und Moritz immer ungleich behandelt, was mich gestört hatte, von jeher, aber nicht gewundert, denn Max war ich in klein und mich hasste sie!) Max‘ Gesicht versteinerte traurig. Ich konnte seine Zunge sehen, die er sich in solchen Momenten zwischen die Lippen zu schieben pflegte. Meine Trauer steigerte sich zur Verzweiflung ( jetzt war Max diesen Geiern schutzlos ausgeliefert! ). Ich war meines Lebens überdrüssig, wünschte mir zu sterben. Als säße mir der Leibhaftige im Nacken, suchte ich den Wagen, fand ihn, stieg ein, und fuhr zitternd los.
Schauer durchzuckten mich wie Fieberschübe. Ich war von dem Gedanken beherrscht, nicht mehr leben zu wollen. Derartige Gedanken hatte ich bisher nicht gekannt. Sie fielen wie Sturmböen in mein Bewusstsein ein, mächtig, kraftvoll, schüttelnd, befreiend. Schaudernd verließ ich den Ort und fuhr besoffen von dem Wunsch, zu sterben, eine Landstraße entlang.
An einer Straßenkreuzung sah ich einen Anhalter, kurze schwarze Haare, ein junger Kerl, zwanzig Jahre. – Sollte ich anhalten? – Zuerst wollte ich weiterfahren. Ich hatte auf nichts mehr Lust. Aber dann hielt ich an und öffnete die Beifahrertür.
Durch mein Zögern war ich hundert Meter an dem Burschen vorbeigefahren. Kraftvoll stampfend näherte er sich im Laufschritt. Ich hatte den Eindruck, seine Augen glühten rot. Er sprang in den Wagen, schlug die Beifahrertür zu, und redete hektisch auf mich ein, als wollte er mir etwas verkaufen, als hätte ich mich nicht an mein Angebot gehalten. Ich verstand ihn nicht, doch spürte Aggression. Seine Zähne blitzen wie die Canini eines Raubtiers. Ich fixierte die großen Eckzähne. Mein Blick glitt in die nun schwarzen Augen, tief wie ein Abgrund. Sie hielten mich fest. Hatte ich Angst?
Auf einmal kochte eine fletschende Wut in mir hoch: Was wollte dieser Arsch überhaupt? Ich halte für ihn – und er macht mich an?
Gepresst bat ich ihn, er möge den Wagen verlassen. Zwar hatte ich das Gefühl, er habe verstanden. Aber er wollte nicht gehen. Ich beugte mich über ihn, stieß die Beifahrertür auf, und spürte seinen heißen Atem an meinem Ohr. Angeekelt richtete ich mich wieder in meinem Sitz auf. Wir sahen uns an. Er machte keine Anstalten, auszusteigen. Spannung baute sich in mir auf, bis ich fauchte:
„Get out!“
Er starrte mich verwundert an, lächelte freundlich und verließ den Wagen. Erleichtert fuhr ich weiter, und froh, den Typen los zu sein. Nach ein paar Kilometern sinnierte ich über die Szene. Mir wurde klar, dass ich in dem Moment, in dem ich in die schwarzen Augen dieses Kerls geschaut hatte, Angst gehabt hatte.
Furchtbare Angst! Aber wovor? Zu sterben? Zu leben? Oder gar vor beidem? Doch das war egal. Denn ich wollte mich dieser Angst nicht unterwerfen.
Auf der Weiterfahrt fühlte ich mich besser. Allerdings wunderte ich mich über meine instabile Emotionalität: Im einenAugenblick wollte ich mir ein Boot kaufen und mich aus dem Staub machen, im anderenendlich dieser ach so schnöden Welt entsagen.
Das war doch nicht ich!
Aber, so tröstete ich mich, solle ich mich nicht grämen ob dieses Wankelmuts. Ich müsse mir auch vergeben können, ein Mal nachsichtig mit mir sein, denn schließlich verliere man nicht jeden Tag seine Familie. Ich konzentrierte mich auf die Fahrbahn.
Wohin wollte ich jetzt?
Ich erinnerte mich an den Urlaub, den ich mit meiner Frau 2000 in der Toskana verbracht hatte. Mir hatte es dort gefallen. Außerdem sollte ich mir auch einmal etwas Gutes gönnen. Die Planung der nächsten Reiseetappe stand.
Die Nacht fuhr ich durch. Mein Ziel war Volterra. Dort hatten wir es besonders schön gefunden. Gegen zehn Uhr kam ich an. Ich suchte den Parkplatz, auf dem wir zu parken pflegten, wenn wir die Innenstadt besucht hatten. An diesem Morgen waren dort nur wenige Fahrzeuge abgestellt, sodass ich Mühe hatte, den idealen freien Platz für mich zu erküren.
Endlich hatte ich ihn gefunden. Ich stieg aus und sah einen Mann müden Schrittes auf mich zu schlurfen, etwa vierzig Jahre alt, unrasiert, leicht zerzaust. Er trug eine Sonnenbrille, hatte den Mantelkragen hochgestellt, und erweckte den Eindruck eines typischen italienischen Gigolos, der die Nacht durchgemacht hatte und nun nachhause zurückkaterte, um sich von den Strapazen seiner jüngsten Eroberung zu erholen.
„Bongiorno“, grüßte ich ihn verständnisvoll lächelnd.
„Bongiorno“, lächelte er liebenswürdig zurück.
Ich bemerkte den schlechten Zustand seines Gebisses und dachte, dass der Knabe seine besten Tage schon gesehen habe. Als ich die Innenstadt betrat, dachte ich:
Du deine vielleicht auch!
Meine Stimmung war wieder gedrückt. Ich ging ein wenig herum. Und mir wurde bewusst, dass es mir nicht besser gehen konnte, wenn ich in Orten der Vergangenheit herumstöberte. Ich beschloss, Weihnachten an einem Ort zu verbringen, an dem ich nie zuvor gewesen war. Auf der Hinfahrt war ich an Genua vorbeigekommen. Die Stadt hatte von Weitem einen sehr dichten Eindruck auf mich gemacht, mich angezogen. Ich fuhr dorthin.
Mit Einbruch der Dunkelheit kam ich in Genua an. Die Stadt war mir auf Anhieb ans Herz gewachsen. Ich begab mich auf die Suche nach einem Hotel im Centro Storico. Schnell begriff ich, dass Genua höchste Anforderungen an die Orientierung stellte. Noch nie hatte ich einen Ort mit einem derart chaotischen Verkehrssystem gesehen. Hohe Straßenschluchten antiker Prachtbauten, teils verspielt, teils kolossal, schienen ineinander gestaffelt und gestopft; waren gelegentlich unterbrochen von Kathedralen, Palacios und Plätzen; Passagen stoben, gerade, gekurvt, gewinkelt; führten nirgendwohin, überall hin, endeten blind, plötzlich am Meer oder stiegen hinauf in die umgebenden Berge, endlos mäandernd; und hatte man sich schließlich mit nie enden wollenden Schlangenlinien abgefunden, war man wieder mittendrin im Netz verwirrender Straßen und Häuserblöcke und glaubte nun endlich den Verstand verlieren zu müssen. Das Ganze musste bewusst als Labyrinth angelegt worden sein, um jeden Fremden in ewige Irre zu locken. Doch fand ich das Centro, in dem mir ein Hotel angenehm aufgefallen war, wieder und hatte sogar Glück: Neben mir war ein Parkplatz frei. Ich stellte den Wagen ab, drückte die drei Zigaretten aus, die ich parallel geraucht hatte in meiner Verzweiflung, und ging in das Hotel.
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