1 ...7 8 9 11 12 13 ...26 „Was ist?“, meldete sich meine Frau.
Ich war zusammengezuckt, überrascht, und stammelte:
„Ich wollte nur fragen, ob mit den Kindern alles in Ordnung ist und wie bei euch die Sachen so laufen.“
„Alles in Ordnung. Gibt’s sonst noch was?“
„Nein“, schüttelte ich den Kopf mit großen Augen, und meinem Mund enthetzte: „Also, dann mach’s gut. Und schöne Feiertage.“
„Tschüs.“
Sie legte auf. Ich atmete aus.
War ich noch bei Sinnen? Ich schämte mich, überprüfte mein Hosentürchen – zu! – und eilte hinaus aus diesem Ort – nur weg, nur weg! – meinem Wagen entgegen, stieg ein und fuhr schleunig weiter.
Hinter Nizza wurde ich müde. Ich suchte eine Autobahnraststätte zum Schlafen. Der Schnee war verschwunden. Die Sonne schien.
Zwei Stunden später wachte ich auf. Ich streckte mich, stieg aus, und schlenderte in die Raststätte, die aussah wie ein Westernhaus am falschen Platz.
Ich hatte mich an einen Fenstertisch gehockt und trank Café au Lait. Matt schaute ich nach draußen. Der Rastplatz war nicht hübsch, doch das Ambiente von Farbe und Licht her mediterran, was mir gefiel. Plötzlich bekam ich Lust auf eine Gitanes. Ich stand auf, mir ein Päckchen zu kaufen. Gitanes rauchen mochte ich. Das erinnerte mich an meine Studienzeit, während der ich mich zum Segeln oft in dieser Gegend aufgehalten hatte. Ich bestellte mir noch einen Café au Lait und ein Croissant.
Nach meinem Frühstück fühlte ich mich bei Kräften und rauchte meine erste Gitanes seit langer Zeit. Ich genoss sie. Sie hatte einen rauen, metallischen Geschmack. Mir fiel ein, dass ich früher gerne Gitanes zu einem Pastis geraucht hatte. Für mich passten diese Dinge geschmacklich ideal zusammen. Besonders gerne hatte ich meine Gitanes–Pastis–Zeremonie zelebriert, wenn ich mit meinen Freunden Paul und Gabriel über die nächste Segelroute palavert hatte. Oder wir nach einem Sturm in einer Hafenkneipe gesessen hatten und froh gewesen waren, dass mal wieder nichts schiefgegangen war. In diesen Konstellationen hatte ich die mir liebsten Gefühle. – Meine Gitanes war aufgeraucht. Ich empfand Unruhe, musste weiter.
Erst ging es Richtung Nîmes. Die Fahrt gefiel mir, ich genoss die mediterrane Landschaft, die selbst im Winter Wärme ausstrahlte. Auf der Höhe von Aix–en–Provence erinnerte ich mich an Grau–du–Roi, eine nahe Hafenstadt, in der ich im Februar 1983 mein erstes Segelboot kennengelernt hatte:
Damals war ich mit meinem Onkel Richard unterwegs gewesen. Er hatte sich eine neue Segelyacht gekauft, die er mit mir von La Grande Motte nach Cap d’Agde hatte überführen wollen. Zu Beginn unserer Reise hatten wir in Grau–du–Roi vorbeigeschaut, wo er ein anderes Boot liegen gehabt hatte. Er hatte es abstoßen wollen, weil es seiner Frau zu eng gewesen sei.
Auf Anhieb war ich von dem Boot begeistert gewesen. Es war ein zweiunddreißig Fuß Langkieler gewesen, Holz, Baujahr 1962, elegant geschnitten. Richard hatte mir erzählt, er wolle es für achtzehntausend verkaufen. Scherzhaft hatte er angefügt, es mir gern für zehntausend abzutreten. Ich hatte spontan gelacht. Richard auch.
Wieder zuhause, hatte ich meiner damaligen Freundin Hexi von der Begebenheit berichtet. Sie hatte die Brauen gehoben und gefragt:
„Und?“
„Wie ‚und‘?“, hatte ich erstaunt gemeint.
„Na, hast du nicht zugegriffen? Das ist doch ein guter Preis!“
Ich war überrascht gewesen. Daran hatte ich nicht gedacht gehabt! Und ich hatte geantwortet:
„Klar, das ist ein guter Preis. Aber so viel hab ich nicht. Und die Unterhaltung des Bootes wäre teuer. Zu dumm, würde mir gefallen. Wäre keine schlechte Idee. Im Grunde eine tolle Sache!“
Nach dieser Unterhaltung hatte ich angefangen, mir diese „Sache“ genauer zu überlegen, und noch vor dem nächsten Hahnenschrei waren mir die Schuppen von den Augen gefallen: Zöge ich die Sache als Eignergemeinschaft durch, würde ich mir sowohl den Kauf als auch den Unterhalt des Bootes leisten können! Mein Entschluss war gefasst.
Sofort nach dem Frühstück hatte ich meinen Onkel besucht, ihn zu fragen, ob er zu seinem Angebot stehe. Er hatte abgewehrt, sich gewunden wie ein gestrandeter Aal, gesagt, zehntausend seien viel zu wenig für das Boot. Doch ich hatte ihn beim Wort genommen, hinter den Kiemen gepackt, sozusagen, und ihn mit mahnend wedelndem Zeigefinger daran erinnert, dass zehntausend innerhalb der Familie lediglich ein fairer Preis seien. Abgesehen davon stehe man besser zu seinen Zusagen.
„Okay“, hatte er, seinen Hals frei windend, nachgegeben, „Wenn du mir die Zehntausend in einer Woche auf den Tisch legst, gehört der Kahn dir.“
Ich hatte eingeschlagen und wie ein Derwisch zu rotieren begonnen. Und in Wochenfrist hatte ich eine Eignergemeinschaft aus vier Freunden und das Geld zusammenbekommen. Und in den folgenden Jahren waren wir in den Semesterferien mit dem Schiff unterwegs gewesen. Wir hatten damals das gesamte Mittelmeer durchkreuzt. Eine richtig tolle Zeit hatten wir gehabt!
Vermutlich aus der Nostalgie heraus, die die Erinnerung an jene unbeschwerten Tage in mir bewirkt hatte, entschied ich mich, noch einmal in Grau–du–Roi vorbeizuschauen. Ich änderte meinen Kurs.
Grau–du–Roi erkannte ich kaum wieder, aber den Hafen fand ich. Dort wollte ich in einer Bar endlich einen Pastis zu einer „Gitanes“ trinken. Da ich nicht sofort einen Parkplatz fand, stellte ich den Wagen ein wenig abseits neben einer Werft ab.
Für einen alten Segler wie mich ist es natürlich unmöglich, an einer Werft vorbei zu gehen, ohne einen Blick auf die Schiffe zu werfen, die da herumstanden. Dieser grundlegenden Regel, ach, diesem Axiomfolgend, schlenderte ich über die Werft, inspizierte hier den Bug eines Schiffes, da ein Ruder, und an einem anderen Boot den Kiel, der offenbar auf ein Riff aufgelaufen war. ( Konnte man aber noch mal flicken. )
Ich kam an einer erlesenen, fünfzig Fuß Segelyacht vorbei, an deren Rumpf ein alter Mann werkelte. Fasziniert blieb ich stehen und schaute dem Mann zu. Er nahm keine Notiz von mir. Ich näherte mich dem Bug, ließ das Ganze auf mich wirken:
Schon klasse! Diese Linienführung war schlicht vollendet: Die in majestätischer Rundung ausladenden Seiten. (Ich reckte meinen Hals.) Das kräftige, doch nicht zu aufdringliche Hinterteil. Schnuckelig! (Ich bückte mich.) Der tief gezogene, elegant geschnittene Rumpf. Satt! (Und streckte mich wieder.) Und dieser kühn den Wogen entgegenragende Bug! (Ich stemmte die Hände in die Hüften, schnaufte.) Na ja, momentan ragte er eher der Leiter entgegen, die an ihm lehnte. Aber auf See musste er die Wellen, durch die er sich seinen Weg bahnte, gnadenlos zerschneiden!
Ich geriet ins Zweifeln, rieb mir das Kinn und dachte:
Wäre das nichts, wenn dieser Bug sich meinen Weg durch die Wellen bahnte, zu einem Leben, das sich weniger ermüdend, weniger auszehrend gestalten würde als das mir bald bevorstehende Theater? War doch klar, wie dieses aussehen würde: Madame hatte mich nonchalant abserviert, ich Idiot hatte noch nicht mal was davon gemerkt, und die Reste des Menüs würde sie sich in ein bedarfs– und häppchenweise zu genießendes Doggybag schnüren beziehungsweise schnüren lassen. So viel war von den jüngeren Ereignissen her klar: Eiskalt filetiert hatte sie mich! Und ich reise ihr hinterher und winsele nach einem letzten Versuch. Der Familie zuliebe! Schwachkopf! Diese Blöße hättest du dir ersparen können!
Warum also legte ich mir nicht dieses Bötchen zu und ließe diesen Mist einfach hinter mir? Aber nein. Damit ließe ich auch alles mir am Herzen liegende zurück. Die Kinder – und meinen Beruf, den ich gerade so noch mal hatte retten können. Im letzten Moment! Nein, ich musste mich ihr stellen, dieser Gülle. Außerdem hatte ich eine Verantwortung, der ich nachzukommen gedachte! Also würde ich mich jetzt wieder in diese blöde Kiste hocken – ich hätte mir doch den „Alfa“ mieten sollen (hatte ich mich doch vor keinem notorischen Spartierchen mehr zu rechtfertigen!) –, noch ein bisschen Urlaub in der Gegend machen, und danach wieder zu Mama fahren, die sich bestimmt freuen würde, mich noch ein paar Tage vor meinem Rückflug „genießen“ zu dürfen.
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