„Hippies kennen keine Sorgen.“
Julia nimmt die Brille ab und putzt die Gläser mit dem Schal. „Selbstgestrickt, von einer Freundin.“
„Der zerkratzt das gute Glas tut der, ja weißt du denn gar nichts.“ Corinna hat schlechte Laune.
„Früher, da hat eine Frau gestrickt, weil die Familie etwas zum Anziehen brauchte.“
„Ja“, sagt Corinna, „früher, und jetzt?“
„Jetzt strickt man Geschenke.“
„Dann strick sie dir doch, deine Freunde, oder verschwinde nach früher.“ Corinna geht in die Küche. Julia folgt ihr. Sie legt den Schal zusammen. „Was zählt, sind Gefühle.“
„Gefühle täuschen. Und dann haben sie dich am Wickel.“
„Was ist mit deinem Zeigefinger?“
„Ein Bluterguss, und jetzt?“
„Bluterguss.“ Julias Blick sucht den der Freundin. „Manchmal sind wir wie die Kinder, und wenn wir alles kaputtgeschlagen haben, dann stehen wir vor dem Scherbenhaufen und müssen uns wie Erwachsene benehmen.“ Sie versucht ein Lächeln. „Man muss aufeinander zugehen, wenn man sich näherkommen will.“ Corinna nimmt einen Kerzenständer und macht sich daran, das Wachs aus dem Boden zu puhlen. „Es ist für mein Studium. Drei Männer für mein Studium. Und der Bluterguss kommt von der Fahrradbremse.“
„Fahrradbremse.“ Julia deutet auf den Tisch. „Da haben wir Canasta gespielt.“
„Ich bin eine schlechte Verliererin.“
Julia steht auf und schenkt sich ein Glas Wasser ein. Sie sieht das leere Weinglas. „Du trinkst allein.“
„Konrad leistet mir Gesellschaft.“
„Du hast heute Morgen nicht einmal gewusst, wo Konrad ist.“ Julia trinkt das Glas leer und stellt es mit einer heftigen Bewegung auf den Tisch. „Und mit dieser Puhlerei ruinierst du dir die Fingernägel. Also?“
„Matrosen, und mit einem bin ich gestern mit, also was?“ Corinna greift sich die Handtasche und läuft aus der Wohnung. Julia hat Mühe, aufzuschließen. „Matrosen? Jessas! Drei Matrosen?“ Corinna bleibt stehen. Julia läuft auf, verliert den Schal, lacht, legt Corinna eine Hand auf die Schulter. „Ich habe ihn selber gestrickt.“
„Was?!“
„Den Schal, ich habe ihn selber gestrickt. Für mich.“
Corinna schüttelt die Hand ab. „Du hältst Abstand, und im Restaurant, da kennen wir uns nicht.“ Sie geht weiter. Julia folgt ihr. Am Kanal kommt der Schnee. Die Flocken schmelzen auf dem Boden, der nicht kalt genug ist, um die Eiskristalle zu halten. Aber in der Luft, da sind sie schön anzusehen. Corinna zieht den Mantel enger an den Körper und hält sich unter den Bäumen. Sie hat keine Augen für Dinge, die schön anzusehen sind. Sie biegt in die Manteuffelstraße ein. Der Schneefall wird stärker. Sie stellt sich unter und überlegt, wie sie es anstellen soll. Ein Lastwagen mit Schrott auf der Ladefläche macht mächtig Lärm. Das Kopfsteinpflaster ist feucht und glänzt im Lichtkegel, den die Scheinwerfer vor sich herschieben. Hinter dem Lastwagen hängt ein PKW und setzt zum Überholen an.
Offensiv, entscheidet sie, du gehst die Sache offensiv an, denn wenn du es nicht tust, wirst du in die Ecke gedrängt, und da fliegt dir dann alles um die Ohren. Der PKW überholt. Sie wechselt die Straßenseite. Ein Hund schnappt nach den Schneeflocken. Das Mädchen, das den Hund an der Leine führt, macht es ihm nach. Neben dem Mädchen läuft die Freundin und macht ein Video. Corinna stößt die Tür zum Radieschen auf und geht auf die Bar zu, an der Schleyer mit zwei Männern steht. Sie erkennt die beiden genauso wenig, wie sie Sailor oder Schleyer erkannt hat, aber die Clowns in den Männern, die sind nicht zu übersehen, und wenn die beiden mit dreizehn ähnlich komisch ausgesehen haben, dann muss es für sie ein Leichtes gewesen sein, die Marktbesucher abzulenken. Der eine hat einen ausladenden, kahlgeschorenen Kopf, der auf einem mageren, hochgeschossenen Körper sitzt, selbst der Hals ist mager, mit einem vorspringendem Adamsapfel, aber am Kopf, da ist alles sehr fleischig geraten, die Nase, die Lippen, die Backen, die Augäpfel quellen hervor, ja auch die Ohren sind fleischig, am rechten baumelt ein Anker. Der andere Mann ist zwei Handbreit kleiner und das Gegenstück. Sein Körper ist massig, der Hals der eines Stieres, er grenzt sich durch ein spitzes Kinn vom Schädel ab, der Schädel ist in die Länge gezogen, die Augen liegen tief in den Höhlen, auch die Nase setzt tief im Schädel an, teilt den Schädel und die Welt in zwei Hälften, die Haut ist faltig, die pechschwarzen Haare hängen in fettigen Strähnen über den Augenhöhlen. Alle drei Männer tragen Kleidung, die die Oberarme bedeckt, der Dicke einen Pullunder mit Karomustern über dem langärmligen Hemd.
„Das ist sie also“, sagt der Lange mit dem Anker im Ohr.
„Nass geworden?“, fragt Schleyer.
„Ich die obere Hälfte“, sagt der Dicke.
„Die Frau ist tabu“, sagt Schleyer, und zu Corinna: „Fronten müssen geklärt werden, dass man weiß, wo man steht.“
„Wer-Fickt-Wen-Fronten?“, hakt Corinna nach.
„Nicht zu viel versprochen, Matrose Schleyer.“ Der Dicke wirft den Kopf nach links, um die Haare aus dem Gesicht zu kriegen. Seine Atmung ist hektisch. „Frohe Weihnachten, Dame.“
„Schneit es?“, fragt Schleyer, „es ist für heute Abend Schnee angesagt.“
Corinna schüttelt die Feuchtigkeit von ihrem Mantel. „Was versprochen?“ Aus den Augenwinkeln heraus sieht sie, dass Julia die Bar betritt. „Was versprochen, Schleyer?“
„Thomas Fronzek“, ignoriert Schleyer die Frage und deutet auf den mit dem Anker im Ohr. „Und das ist Detlef Albers.“ Sein Finger schwenkt zu dem Dicken rüber.
„Da ist noch eine“, sagt Fronzek.
„Hammer“, grölt Albers, „echt.“
„Wo ist Sailor?“, wendet sich Schleyer an Corinna.
„Ja wo ist er denn hin?“, sagt Corinna, „ja und wenn er noch kommt?“
„Kommt“, grölt Albers, „hat was am Haken.“
Fronzeks Blick deutet Richtung Julia, die sich an das andere Ende der Bar gesetzt hat. „Was treibt Damen wie euch in so ein Lokal?“
„Der empirische Teil meiner Seminararbeit“, sagt Corinna, „Thema Männerfreundschaften. Also: Was hat Schleyer wem versprochen?“ Die Drei Männer sehen sich an. „Männerfreundschaften“, grölt Albers im Stakkato, „tun Frau vertragen.“
„Immer die Ruhe, Dicker.“ Fronzeks Blick wechselt zu Corinna. „Ein Studium?“
„Das Verhalten von Zielgruppen erforschen, und wenn man das kennt, dann kann man das nutzen.“
„Kaufverhalten“, vermutet Schleyer, „im Internet.“
„Oder in der Kriminologie“, sagt Fronzek, „zum Erstellen von Profilen.“ Er starrt die Frau an. Corinna starrt zurück. Sie verflucht die Mutter, die die Tochter an die Uni schickt, damit die Sache hieb- und stichfest ist und ihr keiner etwas anhaben kann, die Mutter, die das Versteckspiel mit den Patronen erfindet, damit man dem Gegner den Schritt voraus ist , die Mutter, deren Welt aus Feinden und Bedrohung besteht, und dann kommt lange nichts, und dann die Gewichte und Seilspringen und Misstrauen, überall das Misstrauen, und jetzt steht sie hier, vor ihr die Bedrohung, und die Frau Mama ist weit weg von der Bedrohung. Sie verflucht sich selber, die auf die Mutter gehört hat. Sie sagt: „Auch da, Matrose Fronzek, auch in der Kriminologie, aber da braucht es schon Männer mit Eigenschaften, Matrose Fronzek, weil ein Mann ohne Eigenschaften, da kannst du lange nach einem Profil suchen. Besitzen Sie Eigenschaften, Matrose Fronzek?“
„Mann ohne Eigenschaften“, kommt es von Albers, „Musil, Scheißbuch, Bloody Mary.“ Er winkt dem Kellner. „Dame wie gestern, will heißen: same same.“
„Das Meer macht uns zu Männer“, sagt Fronzek, „zu harten Männer. Da hat man ein Profil fürs Leben.“
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