Bei dem Wort „erfüllt“ musste ich mit einem Mal an die volle Seinskugel des Parmenides und auch an den konzentrierten Gesichtsausdruck jedes der beiden Kinder denken, die über die schwarze Röhre balanciert waren.
„Wodurch“, fragte ich, „entsteht überhaupt die innere Leere eines ‚Fass-Menschen‘? „Durch faustische Vermessenheit etwa“, bemerkte die Freundin lakonisch. Von Vermessenheit, erwiderte ich, könne jedoch zumindest bei den beruflichen Wünschen der beiden Hauptdarsteller des Musikfilms keine Rede sein. „Schließlich haben sie sie“, betonte ich, „erfolgreich verwirklichen können.“ Nach einer kurzen Gesprächspause sagte die Freundin mit Nachdruck: „Ich halte es für nicht ausgeschlossen, dass der berufliche Erfolg der beiden am Ende bloß ein Ersatz für etwas ist, was sie zwar hatten tun wollen, aber nicht erreichen konnten.“
Wie sie darauf komme, fragte ich verwundert. „Was z.B.“, berichtete sie, „die Hauptdarstellerin betrifft, so habe ich in der Filmbesprechung gelesen, dass sie sich einmal an einem Theaterstück versucht hat. Wie“, fuhr die Freundin fort, „wenn sie nur deshalb eine erfolgreiche Schauspielerin geworden ist, weil sie sich immer wieder bemüht hat, die durch ihr geringes schriftstellerisches Talent in ihr entstandene Lücke durch ihre schauspielerischen Aktivitäten auszufüllen?“ Dann allerdings“, sagte ich, „wäre ihr Erfolg für sie kein runder.“
Bei einem zufälligen Blick auf die Regaluhr in meiner Bücherwand stellte ich fest, dass es schon spät geworden war. Bald darauf beendete ich mein Telefonat mit der Freundin, nicht ohne ihr vorher noch herzlich für das Gespräch mit ihr gedankt zu haben.
Als ich mich aus meinem Sessel erhob, um meinen Telefonhörer auf die Ladestation zu legen, erblickte ich durch mein großes Zimmerfenster den Mond über dem Dach des gegenüberliegenden Hauses. Er stand dort groß und hell am inzwischen dunkler gewordenen Himmel. Da, plötzlich, dachte ich: „Schon Parmenides wusste: der Mond ist ein Bote der Sonne.“
Aufstiege
Günther Anders
„Auch er
Unter den Gefesselten, die sich in Platos Höhle aufhielten, war auch ein Knabe gewesen, der, als er sich vom Schatten einer Maus gebissen wähnte, in Panik seine Kette zerriss, die Stufen hinaufstürmte, und, oben zusammenbrechend, zum ersten Male die wirkliche Sonne über sich erblickte. Sehr ehrenhaft mag dieser Weg zur Wahrheit zwar nicht gewesen sein, aber was zählt, ist allein, ob einer ankommt oder nicht. Und angekommen ist auch er.“
An der Höhlenwand erschien wie schon so oft der Schatten einer schlanken, hochgewachsenen Frau. Bei ihrem Anblick hatte ein junger Gefangener plötzlich das Gefühl, als sähe er sie zum ersten Mal. Er spürte, sein Herz schlug jetzt schneller.
Als die Frau nach einiger Zeit erneut auftauchte, beugte der junge Gefangene unwillkürlich seinen Oberkörper nach vorn. Hierbei schnitten die Fesseln an seinem Hals schmerzhaft in die Haut. Mit jedem Mal, mit dem er sie wieder vor sich sah, wurde sein Verlangen nach der Frau größer. Schließlich war es so stark, dass er die Arme sehnsuchtsvoll nach ihr ausstreckte und darauf mit einem heftigen Ruck seine Fesseln sprengte.
Der junge Gefangene lief rasch zur Höhlenwand, berührte seine geliebte Schattenfrau und - schrak zurück. Jäh hatte er erkannt: sie war so kalt und hart wie der felsige Boden, worauf er gerade stand.
Da er vor Scham nicht in ihn versinken konnte, flüchtete er in einen dunklen Winkel der Höhle. Dort stieß er auf ihren Aufgang und rannte ihn hoch.
Oben erblickte er erstmals die Sonne.
Ein junger Gefangener hatte sich gründlich auf seine erstmalige Teilnahme an einem der Wettbewerbe vorbereitet, die regelmäßig in der Höhle stattfanden. Hierbei ging es immer darum, herauszufinden, wer ein Schattenbild „am schärfsten“ sehen und überdies „am besten“ vorhersagen konnte, welche anderen „nun erscheinen“ würden. Zu seiner freudigen Überraschung ging der junge Gefangene als Sieger aus dem Wettbewerb hervor.
Nachdem er auch die nächsten beiden Wettbewerbe gewonnen hatte, erklärte einer seiner Mitgefangenen verärgert: „Du magst zwar sehr intelligent sein, dafür aber hast du keine Seele.“ „Ich habe eine Seele wie jeder andere hier auch!“, protestierte der junge Gefangene lautstark. „Nein!“, beharrte der andere. „Eine Intelligenzbestie kann keine Seele haben.“ Richtig!“, riefen plötzlich viele.
In jähem Zorn darüber bäumte sich der junge Gefangene so heftig auf, dass hierdurch seine Fesseln zerrissen. Sogleich lief er in einen Teil der Höhle, der am weitesten von seinen Mitgefangenen entfernt lag. Als er dann zufällig den nahegelegenen Aufgang entdeckte, war er froh, sich noch weiter von den anderen entfernen zu können.
Oben direkt vor dem Höhlenausgang wusste er sich vor Staunen kaum zu fassen: Erstmals sah er die Sonne.
Als ein großer Schatten plötzlich zu lallen begann, brachen die Gespräche der Gefangenen abrupt ab. Noch nie hatten sie einen Schatten so undeutlich sprechen hören. „Er hat eine Sprachstörung, die sich vermutlich schnell wieder verlieren wird“, sagte einer der älteren „Machthabenden“ in die eingetretene Stille hinein. Erleichtert nahmen danach alle wieder ihre Gespräche auf.
Nur ein junger Gefangener unter ihnen blieb auch weiterhin stumm. Das ungewohnte Verhalten des Schattens hatte ihn zu sehr verunsichert, als dass ihn die Äußerung des „Machthabenden“ hätte beruhigen können. „Wie kann er nur vermuten“, sagte sich der Gefangene, „dass die Sprachstörung bald aufhöre, wo er doch noch nicht einmal den Grund für sie anzugeben vermag?“
Als kurze Zeit später der Schatten mit einem Mal zu singen begann, endeten die Gespräche der Gefangenen wieder schlagartig. „Das Singen“, beruhigte der „Machthabende“ erneut die Gefangenen, „“könnte ein Zeichen dafür sein, dass der Schatten seine Störung schon fast überwunden hat.“
Während sich die anderen wieder wie vorher unterhielten, ärgerte sich der junge Gefangene abermals über den „Machthabenden“. „Erst“, dachte er, „die Wendung ‚vermutlich schnell‘, jetzt die Worte ‚könnte sein’. Warum nur sagt er nicht, dass hier auch das Gegenteil oder sogar etwas ganz anderes der Fall sein könnte?“
Dem jungen Gefangenen wurde bewusst, dass er dem „Machthabenden“ und den anderen in der Höhle nicht mehr trauen konnte. „Nur weg von hier!“, schoss es ihm mit einem Mal durch den Kopf. Gleich darauf sprang er mit einem so heftigen Ruck hoch, dass hierbei seine Fesseln gesprengt wurden.
Schleunig lief er davon. Es dauerte nicht lange, bis er sich im Aufgang der Höhle wiederfand und auch hier weiterrannte.
Endlich oben angekommen, erblickte er erstmals die Sonne. Sie brach gerade durch die Wolken.
Eines Tages drang nach langer Zeit wieder einmal Wasser in die Höhle ein. „Keine Sorge!“, sagte der eine oder andere ältere Gefangene zu denen, die bisher noch keinen Wassereinbruch erlebt hatten. „Euer seltsames Gefühl in den Füßen wird bald schon verwinden.“ „Woher rührt dieses Gefühl?“, fragte einer der jüngeren Gefangenen. „Wir wissen es nicht“, bekam er zur Antwort.
Der Jüngere wollte sich damit nicht zufriedengeben. Als er vor Neugier begann, sich nach vorne zu beugen, schnitten seine Halsfesseln schmerzhaft ein. Wieder gerade sitzend, dachte er: „Bestimmt hat die Angst vor größeren Schmerzen die anderen davon abgehalten, ihrer Neugier weiter nachzugeben.“ Fest entschlossen, seiner Wissbegier zuliebe noch schlimmere Schmerzen in Kauf zu nehmen, vermochte er durch eine heftige Bewegung seines Oberkörpers die Halsfesseln zu zerreißen.
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