Bereits während ich an der Umsteigestation aus der Straßenbahn ausstieg, fiel mir auf, dass in dem Wartehäuschen eine ältere Frau saß, die mit jemandem über Handy sprach. Um mich noch einmal zu vergewissern, ob ich die richtige Anschlusslinie herausgesucht hatte, ging ich zu dem Fahrplan, der sich im Inneren des Wartehäuschens befand. Die Frau hier war offensichtlich so sehr von ihrem Telefonat in Anspruch genommen, dass sie mich nicht zu bemerken schien. Als ich festgestellt hatte, dass mir bei der Auswahl der Anschlusslinie kein Fehler unterlaufen war, drehte ich mich wieder in Richtung Bahnsteig um, um dort auf meine nächste Bahn zu warten. In dem Augenblick, wo ich aus dem Wartehäuschen heraustrat, hörte ich mit einem Mal, wie es aus der Frau am Ende ihres Telefongesprächs verzweifelt herausbrach: „Es tut mit leid, so furchtbar leid!“
Zur Bahnsteigkante weitergehend, dachte ich einen Moment daran, die Frau auf ihr Telefonat anzusprechen. Rasch entschied ich mich jedoch dagegen, da ich mir sagte, die Frau wolle sicherlich jetzt nicht in ihren Gedanken gestört werden. „Vor allem möchtest du selbst nur deine Ruhe haben!“, hörte ich plötzlich eine Stimme in mir sagen. Zu meiner Überraschung klang sie wie die eines der drei „Sonnenmädchen“. Sofort wandte ich mich um und ging zurück zu der Frau. Inzwischen hielt sie ihren Kopf gesenkt und saß leicht vornübergebeugt auf der Bank. Etwas seitlich und in kurzer Entfernung von ihr blieb ich stehen und sagte: „Entschuldigung, ich habe gerade gehört, dass sie offenbar eine schlechte Nachricht erhalten haben. Kann ich etwas für Sie tun?“ Mit einem Ruck richtete die Frau ihren Oberkörper auf und musterte mich einen Augenblick lang misstrauisch. Dann jedoch nahm ihr faltenreiches Gesicht mit einem Mal einen dankbaren Ausdruck an.
Mit leicht zitternder Stimme erzählte sie mir, sie habe gerade erfahren, dass ihr Schwiegersohn ihre Tochter über einen längeren Zeitraum hinweg hintergangen habe. „Dieser Schuft!“, rief sie mit einem Mal laut und erhob sich dabei so heftig von der Bank, dass ihre dort abgestellte schwarze Handtasche zu Boden fiel. Sowie ich diese aufgehoben und auf der Bank abgestellt hatte, setzte sich die Frau wieder hin. „Verzeihung!“, sagte sie in einem Ton, der mir zeigte, dass sie sich mittlerweile wieder etwas beruhigt hatte.
Nach einer kurzen Pause begann sie erneut zu sprechen: „Warum nur“, sagte sie, „hat er das meiner Tochter angetan? Wie aufopfernd hatte er sich doch einmal um sie nach ihrem schweren Skiunfall gekümmert!“ Ich bewunderte die Frau dafür, dass sie trotz ihrer augenblicklichen Empörung ihren Schwiegersohn nicht auf sein Fehlverhalten reduzierte. „Sie kann“, sagte ich mir, „selbst jetzt noch vernünftig, d.h. gerecht denken.“
„Ich bin überzeugt“, sprach ich zu der Frau, „dass Sie Ihrer Tochter im Moment sicherlich so gut helfen können wie kein anderer.“ Die Frau bedankte sich bei mir für meine Anteilnahme und griff mit ihrer linken Hand nach der Handtasche. Sich von der Bank erhebend, sagte sie freundlich „Auf Wiedersehen!“ und teilte mir darauf mit, dass sich soeben ihre Straßenbahn nähere.
Während die Frau zur Straßenbahn ging, sah ich, dass sie immer noch das Handy mir ihrer rechten Hand fest umklammerte. Kaum hatte sie auf einem Fenstersitz in der Straßenbahn Platz genommen, beugte sie sich leicht nach vorne, machte einige Armbewegungen und hielt dann wieder das Handy an ihr Ohr.
Schon kurze Zeit später kam meine Anschlussbahn. Als ich in sie eingestiegen war, erblickte ich von meinem Platz aus an einer Hausfassade eine Lichtinstallation, deren Form mich an die Deichsel des Großen Wagens erinnerte. Ich stellte mir vor, ich würde Pegasus daran spannen und mich anschließend in dem Wagen auf eine himmlische Fahrt begeben. Wer mich auf dieser Fahrt geleiten würde? „Die „Sonnenmädchen!“, gab ich mir unmittelbar zur Antwort.
Während draußen Menschen, geparkte Autos, Bäume und Häuserfronten an mir vorbeiglitten, fragte ich mich, was das Ziel meiner Himmelsreise sein könnte. „Elea in Unteritalien: der Geburtsort des griechischen Philosophen Parmenides“, hörte ich mich zu meiner Überraschung in mir sagen.
Im Feuilletonteil einer Zeitung hatte ich vor kurzem einen Essay über Pythagoras, den Begründer der Musiktheorie, gelesen. In dem Essay stand, dass nach Pythagoras die ungeraden Zahlen für Bewegung, die geraden für Ruhe stehen. Im Zusammenhang mit der Ruhe hatte der Autor des Textes auf den griechischen Philosophen Parmenides hingewiesen, über den ich mich gleich nach der Lektüre des Essays in einem Lexikon kundig gemacht hatte. Parmenides, so erfuhr ich dort, vergleicht in seiner Philosophie das wahre Sein mit einer vollen und ruhenden Kugel.
Als ich schließlich aus der Straßenbahn ausstieg, fiel mir plötzlich ein, dass jetzt in Unteritalien vielleicht der Großen Wagen am Himmel leuchtet.
Zu Hause angekommen, nahm ich sofort den Telefonhörer von der Ladestation, um von dem vor ihr stehenden Sessel aus die Freundin anzurufen, an die ich auf der Rückfahrt gedacht hatte. Sowie sie sich am Telefon meldete, bemerkte ich, das ihre Stimme noch klarer war als die jedes der drei „Sonnenmädchen“.
Schon kurz nach Beginn unseres Gesprächs teilte ich ihr mit, der im Moment hochgelobte Musikfilm habe mich so sehr enttäuscht, dass ich ihn mir nicht habe bis zum Ende ansehen können.
„Deine Reaktion auf den Film“, erklärte mir die Freundin, „bestärkt mich nur in dem Vorsatz, ihn mir erst gar nicht anzuschauen. Dazu“, hob sie plötzlich die Stimme, „habe ich mich entschlossen, nachdem ich eine Besprechung des Films in einer Zeitung gelesen und vor allem im Fernsehen einen Ausschnitt aus dem Film gesehen hatte.“
„Was“, fragte ich sie, „hat dich daran gestört?“ Ich war neugierig, ob sie in ihrer Antwort auf die vulgäre Geste der Hauptdarstellerin eingehen würde.
„An dem Ausschnitt“, sagte die Freundin wieder mit geringerer Lautstärke, „kann man deutlich erkennen, dass dieser Film ebenso wie viele andere auch einer falschen Unruhe huldigt.“ Überrascht von ihrer Äußerung, fragte ich sie, was sie unter einer „falschen Unruhe“ verstehe. „Ich meine damit“, erklärte sie, „eine Unruhe, die in einem Gegensatz zum Denken steht.“
„Anstatt, wie zu Beginn des Films gezeigt wird, im Stau auf ihren Autos zu tanzen, hätten die Fahrer deiner Meinung nach also besser daran getan, auf ihren Sitzen ihren Gedanken nachzuhängen?“ „Weniger ihnen nachzuhängen, als“, antwortete die Freundin, „über sie auch nachzudenken.“ „Das zu tun“, wandte ich ein, „dürfte jedoch für die meisten morgens auf dem Weg zur Arbeit viel zu anstrengend sein.“ „Auf den Dächern und Kühlerhauben von Autos in halsbrecherischer Weise zu tanzen, halte ich für weitaus anstrengender“, entgegnete die Freundin entschieden.
„Wieso aber“, fragte ich sie, „verzichten die Fahrer dann aufs Nachdenken?“ „Weil sie“, erklärte sie, „wahrscheinlich Angst davor haben, durch das Nachdenken über sich selbst auf ihre innere Leere zur stoßen.“
Für einen Moment presste ich den Telefonhörer etwas fester als vorher gegen mein Ohr. Den Druck darauf anschließend wieder verringernd, fragte ich die Freundin, woran es denn liegen könne, dass sich einer vor seiner inneren Leere fürchtet. „Vermutlich daran“, erklärte sie, „dass es sich hier um eine Leere handelt, die nicht ausgefüllt werden kann. Ein Schriftsteller namens Alberto Savinio“, sprach meine Freundin weiter, „hat Menschen mit einer solchen Leere einmal mit den durchlöcherten Fässern der Danaiden verglichen und sie deshalb als „Fass-Menschen“ bezeichnet.
„Ein ungewöhnlicher Ausdruck“, sagte ich mir und erinnerte mich plötzlich an den „Faust“. „Ist nicht auch Goethes Faust“, fragte ich, „eine Art ‚Fass-Mensch‘?“ „Ja!“, antwortete die Freundin. „Da Faust aber immer wieder über sich und die Welt nachgedacht hat“, setzte sie noch hinzu, „ist er zuletzt immerhin bis zum ‚Vorgefühl‘ des erfüllten Augenblicks gelangt.“
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