1 ...8 9 10 12 13 14 ...23 Es verging eine gefühlte Ewigkeit unter atemberaubender Anspannung. Schon konnte er Stimmengemurmel vernehmen. Dann huschte ein schwacher Lichtstrahl durch den Hauptgang, um sogleich wieder zu verlöschen.
Sprungbereit kauerte Jack in seiner Nische. Starker Schweißgeruch wehte ihm als Vorhut entgegen, und als unmittelbar hinter der Nische einer von zwei Männern zu sprechen begann, zuckte Jack unwillkürlich zusammen.
»Du gehst vor und siehst nach, ob dieser verdammte › Kafir ‹ dort liegt. Ich bleibe hier und decke dich!«
»›Hasanana‹ 21, Halim!«
Schemenhaft sichtbar huschte einer der beiden Männer an Jacks Nische vorbei. Der Zweite, den der andere mit Halim angesprochen hatte, tauchte aus dem Gang auf und zwängte sich in die Nische hinein. Vorsichtig kam er auf Jack zu, der sich in den hintersten Winkel der Nische zurückzog und den Atem anhielt.
Noch ehe Jacks geöffnete Fäuste Halim greifen konnten, zuckte der wie unter einem Peitschenhieb zusammen und schnellte mit einem gewaltigen Satz in den Hauptgang zurück.
Dieser verzweifelte Sprung rettete ihn vor Jacks Fäusten. Mit einem schrillen Schreckensschrei, warnte er seinen Kumpan.
Mit einem Griff hatte Jack den Kolben seines Webley-Revolvers in der Hand. Ein Feuerstrahl zuckte ihm entgegen. Haarscharf zischte das Geschoss an seiner rechten Schläfe vorbei und klatschte gegen die Nischenwand.
Jack visierte Halims Mündungsfeuer an und schoss um den Bruchteil einer Sekunde später. Ein gellender Schrei zeigte ihm, dass er getroffen hatte. Er warf sich nach vorn. Jetzt galt es den Gegner endgültig außer Gefecht zu setzen.
In dem Augenblick, als Jack den Gang erreichte, prallte der von der Falle zurücklaufende Mann mit voller Wucht auf ihn und riss ihn dabei im Fallen mit sich zu Boden.
»Huna, Halim! Huna! Hierher! Ich habe ihn!«, schrie der Bursche, als sich seine Pranken um Jacks Hals legten.
Mit einem harten Ruck warf sich Jack herum. Seine mit dem Revolver bewaffnete Faust fuhr seinem Gegner krachend in die Rippen. Die um seinen Hals verkrampften Finger lösten sich, und ein zweiter Schlag ließ den Kerl jäh ins Land der Träume hinübergleiten.
Gerade noch rechtzeitig warf sich Jack vor dem auf ihn anrennenden Schatten zur Seite. Halim sauste wie ein Blitz an ihm vorbei und stürzte über seinen Kumpan. Mit einem Griff hatte Jack die Laterne in der Hand. Das Licht zeigte das wutverzerrte Gesicht des sich hastig wieder aufrappelnden Gegners. In der unverletzten Linken des Mannes blitze ein Krummdolch.
Mit einer schnellen Bewegung hob Jack den Webley-Revolver. Abermals peitschte eine Kugel aus einer der sechs Kammern und riss dem Angreifer den Dolch aus der Hand. Unmittelbar darauf warf sich Jack nach vorn. Er packte den Gegner und riss ihn zu Boden.
Eine Faust landete krachend auf Jacks Kopf, und ein zweiter Schlag riss ihm den Revolver aus der Hand. Halims Kopf zuckte empor und traf schmerzhaft Jacks Kinnspitze.
Ein Sternschnuppenschwarm platzte vor seinen Augen auseinander. Mit Händen und Füßen verzweifelnd um sich schlagend, versuchte der verwundete Gegner, sich aus der Umklammerung zu lösen. Doch Jack ließ nicht locker. Gleich den Backen eines Schraubstockes schlossen sich seine Arme um die Brust des Arabers und pressten sie unerbittlich zusammen. Pfeifend stieß Halim den Atem aus.
Plötzlich hatte eine irrsinnige Wut von Jack Besitz ergriffen und ließ ihn seinen Druck noch verstärken. Die Aktionen seines Gegners wurden schwächer und schwächer. Und auf einmal war dieser Mann nur noch ein um Gnade flehendes Bündel.
Blitzschnell löste sich Jack von dem Burschen. Beide Fäuste gleichzeitig emporschnellend, traf er Halims Kinn und warf dessen Kopf mit einem fürchterlichen Ruck in den Nacken.
Danach musste Jack alle Willenskraft aufbringen, um wieder auf die Beine zu kommen. Nur mit letzter Anstrengung bezwang er den in sich aufschießenden Wunsch, einfach an Ort und Stelle liegen zu bleiben. Er musste diese beiden Kerle erst vollkommen außer Gefecht setzen, bevor sie noch Verstärkung erhielten. In seinem Schädel erklangen tausend Glocken.
Mit zitternder Hand suchte Jack nach der Petroleumlampe. Als er sie endlich gefunden hatte, riss er ein Streichholz an und hielt die Flamme an den Docht. In ihrem Lichtschein fand er seinen zu Boden gefallenen Revolver. Er ließ die Trommel herausklappen und füllte die leeren Kammern auf. Dann suchte er sich die Kordeln der Kopfbedeckungen seiner Angreifer und fesselte ihnen Hände und Füße, ehe er sie Rücken an Rücken auf den Boden des Ganges positionierte. Mit den weiß-rot-karierten Tüchern knebelte er sie.
Jack warf noch einen letzten Blick auf die zu einem Bündel verschnürten Männer, ehe er entschlossen weiter in die Richtung ging, aus der die beiden gekommen waren.
Er war sich nun ziemlich sicher, dass nicht noch weitere Überraschungen auf ihn warteten. Warum sonst hätten meine Gegner nach der Falle gesehen?
Schritt für Schritt tastete sich Jack weiter durch das unbekannte Labyrinth einer längst versunkenen Zeit, in dem Verbrecher der Gegenwart am Werk waren. Wenn der Professor wirklich hier war, dann würde er ihn auch finden. Und wehe den Burschen, wenn sie ihm auch nur ein Haar gekrümmt hatten.
Er und seine Schwester kannten den Hochschullehrer zwar erst einen Tag, und er konnte für sich nicht sagen, was ihn dazu trieb ihm beizustehen, aber wusste, dass er es tun musste.
Hier wartete ein Abenteuer auf seine Schwester und ihn. Doch daneben wartete auch etwas anderes …
… der Tod?!
Sie waren beide Optimisten, weil es das Vorrecht der Jugend ist, Optimismus zu haben und an die eigene Kraft, das eigene Können und ihren guten Stern zu glauben.
Noch war Jack keine zweihundert Yards weit gekommen, als der Gang im rechten Winkel nach rechts abbog. Bevor er die Biegung nahm, horchte er einige Minuten lang in die Finsternis hinein. Nichts war zu hören.
Oder etwa doch?
War es verhaltenes Atmen?
Plötzlich wusste Jack, dass es das Atmen eines Menschen war. Eines Menschen, der keine zwei Yards von ihm entfernt hinter einer Ecke lauerte.
In einer Art Panik, die augenblicklich sein Herz zusammenkrampfen ließ, wollte er zurücklaufen. Nur heraus aus diesem Verließ der Vorzeit, heraus aus der tödlichen Bedrohung und hinaus aus dem Labyrinth der Angst.
Doch sein eiserner Wille, die Furcht zu überwinden, ließ ihn bleiben. Etwas, was er immer wieder in Stunden höchster Gefahr spürte, brachte ihn dazu auch hier alle kreatürliche Furcht zu überwinden.
Lautlos sank er in den Vierfüßlerstand auf den Boden. Mit dem Webley-Revolver in der Rechten, näherte sich sein Kopf Inch um Inch der unteren Felskante. Ein leichter Luftzug traf sein Gesicht, als er den Felsen umrundet hatte. Keine drei Schritte vor sich erkannte er die Beine eines Mannes.
Für den Bruchteil einer Sekunde war Jack unschlüssig. Er konnte diesen Gegner mit zwei gezielten Schüssen von den Beinen reißen. Doch die Schüsse würden weit genug zu hören sein, so dass die übrigen Verbrecher genau wussten, wo er sich befand.
Sein Gegenüber enthob ihn dieser Überlegung. Denn im gleichen Augenblick bewegten sich die Füße vorsichtig auf ihn zu. Fast unmittelbar vor Jack blieben sie wieder stehen. Er sah europäisches Schuhwerk.
Den Revolver fallen lassend, griff Jack blitzschnell mit beiden Händen zu, warf sich mit einem gewaltigen Ruck zurück und riss den Mann von den Beinen. Dumpf schlug dessen Hinterkopf auf dem Boden des Ganges auf. Im selben Moment war Jack bereits über ihm. Seine Rechte traf mit voller Wucht das Kinn des Gegners.
Auch diesen Mann fesselte er auf die gleiche Weise wie zuvor die beiden anderen. Sein Aufprall würde nicht weit zu hören gewesen sein. Insgeheim ging Jack davon aus, dass nicht noch mehr Wächter aufgestellt worden waren. Schließlich war es unwahrscheinlich, dass es überhaupt jemanden gelingen konnte, die Fallen und Posten zu überwinden.
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