»Sie haben mich ganz richtig verstanden, Inspector. Genau das ist mein Wunsch.«
»Gut«, nickte Primes. »Ich werde sehen, was ich tun kann.«
»Dann werden Sie doch sicher eine Liste aller Angestellten meines Vaters benötigen, mit allen Informationen, die über sie bekannt sind, nehme ich an?«, warf Celeste an den Inspector gewandt ein.
»Ja«, antwortete er und an ihren Vater gerichtet fragte er: »Ist das möglich?«
»Sie erhalten diese Liste gleich morgen früh.«
Primes nickte zufrieden und strich sich einmal durch das Gesicht.
»Außerdem müsste ich wissen, wo deren Zimmer liegen.«
»Einen entsprechenden Plan werde ich beilegen«, sicherte seine Lordschaft zu.
»Gut. Dann empfehle ich, dass wir uns jetzt alle zu Bett begeben. Die Schatulle lassen wir dort stehen, wo sie sich befindet.« Er sah Celestes Vater eindringlich an. »Da Sie davon ausgehen, dass einer Ihrer Bediensten den Diebstahl begangen hat, möchte ich Sie bitten, keinerlei Nervosität zu zeigen. Lassen Sie sich nichts anmerken. Benehmen Sie sich wie immer, so, als hätten Sie den Verlust noch gar nicht bemerkt.«
Sir Andrew nickte.
»Machten Sie Ihrer Frau gegenüber irgendeine Andeutung, woraus sie schließen konnte, dass Sie ihr zu Weihnachten ein Collier oder anderen Schmuck schenken wollten?«
»Mit keinem Wort.«
Primes warf Celeste einen Blick zu, der besagte: Mehr kann ich augenblicklich nicht tun, worauf sie mit einem verständnisvollen, leicht angedeuteten Nicken reagierte.
»Also gut«, schloss er daher. »Dann wäre soweit erst einmal alles besprochen.«
Kapitel 3
Celeste und Primes hatten sich vom Hausherrn verabschiedet, der seiner Tochter befahl, dem Inspector den Weg zu dessen Zimmer zu weisen. Obwohl Primes über einen guten Orientierungssinn verfügte, der ihm schon aus so manch schwieriger Lage geholfen hatte, war er froh, Celeste an seiner Seite zu haben. Sie hatte sich eine der kleinen Öllampen genommen, mit der sie die langen Gänge einigermaßen ausleuchteten konnte. Besorgniserregend empfand er allerdings das Schweigen, das sie, während des ganzen Weges durch die endlosen Flure, nicht einmal brach.
Endlich erreichten sie sein Zimmer und Primes bat sie einen Moment herein, um die Begebenheit zu besprechen.
Er schenkte sich in einen Whisky ein und sagte: »Das ist schon eine recht merkwürdige Sache.«
Celeste nickte.
»Ich sehe das etwas differenzierter als mein Vater. Das Collier kann durchaus von jemandem gestohlen worden sein, der nicht zu den Bediensteten gehört«, erklärte sie ihm. »Von den Fenstern aus, ist der ganze Raum zu übersehen. Der Dieb kann ebensogut draußen gestanden haben, und sah, wie mein Vater das Collier aus der Schatulle nahm oder es gerade hineinlegte. Als sich niemand im Zimmer befand, verschaffte er sich Zugang und griff es sich, wenngleich die fehlenden Einbruchspuren nicht dazu passen.«
»Da kann ich nicht widersprechen«, pflichtete ihr Primes bei. Er sah den müden Ausdruck in ihrem Gesicht: »Sie sollten zu Bett gehen, Celly. Ich werde mich ebenfalls hinlegen.«
»Die freien Tage fangen nicht gerade gut an«, meinte sie noch, als sie schon im Türrahmen stand und erschöpft lächelte.
»Stimmt. Doch es muss ja nicht so bleiben.«
»Ich wünsche Ihnen eine Gute Nacht, Primes.«
»Ich Ihnen auch, Celly«, sagte er, als sie bereits die Tür ins Schloss zog und sich auf den Weg zu ihrem Zimmer machte, das auf der anderen Seite des Ganges lag.
Primes gähnte, öffnete die verglasten schmalen Türen, die auf einen kleinen Balkon führten, trat hinaus und sah hinüber zum Meer.
»Merkwürdig«, murmelte er leise vor sich hin. »Das Verhalten seiner Lordschaft gefällt mir ganz und gar nicht ... diese Unruhe ... das viele trinken. Die Art, wie er mit Celly umgeht.«
Er fragte sich, ob der Mann krank war oder ihn etwas belastete, was er ihnen nicht ausgesprochen hatte?
Plötzlich, er wollte sich gerade eine Zigarette seiner geliebten ›Three Kings‹ anzünden, wurde er auf ein leises Geräusch aufmerksam. Die Nacht war hell, und er bemerkte eine Gestalt im Park, die sich langsam näherte. Ab und zu blieb sie hinter einem der vereinzelten Bäume stehen und beobachtete, wie es schien, das Herrenhaus.
Primes verharrte reglos. Er stand neben einem breiten, hohen Blumenständer aus Marmor, sodass er von unten nicht bemerkt werden konnte.
War es ein Mann oder eine Frau? Es war für ihn schwer festzustellen, da die Gestalt einen dunklen Mantel oder Umhang trug.
Die große Standuhr im Salon schlug elf mal. Ihr Klang wurde bis zu ihm in sein Zimmer getragen, wo sie aber nur noch gedämpft vernehmbar war.
Ein leichter Wind war aufgekommen und rauschte durch das alte und kahle Geäst hoher Bäume. Die Brandung der irischen See, war lediglich schwach zu vernehmen. Die dunkel gekleidete Gestalt befand sich bereits an der Mauer und schlich weiter. Gleich darauf bog sie um die Ecke.
Wer ist das nur? , fragte sich Primes. Ist das möglicherweise ein Komplize oder eine Komplizin des Täters ?
Er entschloss sich auf der Stelle, in den Park zu gehen und sich die Person einmal aus der Nähe anzuschauen.
Eilig griff er nach seinen Mantel, verließ das Zimmer, betrat den Gang und huschte leise zur Treppe, die er geräuschlos hinuntereilte. Eine Minute später erreichte er die Halle.
Plötzlich hörte er ein Klirren und eine Tür knarrte.
Primes blieb stehen und lauschte.
Es war wieder still ...
... nicht das geringste Geräusch war zu vernehmen, als unerwartet etwas aus einer Nische auf ihn zusprang.
Er hörte ein Fauchen und schließlich ein Trippeln von Pfoten, die sich entfernten.
Eine Katze , schoss es ihm durch den Kopf und er lachte lautlos.
Zurück blieb ein Geruch nach Mottenkugeln und Kampfer.
Ohne sich weiter aufzuhalten, öffnete er die breite, schwere Haustür, deren Schlüssel steckte. Er schlüpfte hinaus, und zog sorgfältig die Tür hinter sich zu.
Da die Eingangstür von innen verschlossen gewesen war, konnte niemand von draußen in die Halle gelangt sein. Also ging er noch einmal hinein, holte den Schlüssel und schloss sorgfältig hinter sich ab, bevor er sich an der Hauswand entlang bis zur nächsten Ecke pirschte.
Von hier aus hatte er einen ausgezeichneten Blick über den Park.
Niemand war zu sehen.
Primes schlich weiter an der Mauer entlang, blieb immer wieder stehen und lauschte angestrengt in die Dunkelheit.
Nichts außer dem Nachtwind und dem Rauschen des Meeres war zu vernehmen.
Die Fenster des Erdgeschosses lagen gesichert hinter schmiedeeisernen Gittern, und soweit er sehen konnte, waren sie allesamt verschlossen.
Jetzt ging er auf exakt dem Weg, den die Gestalt im dunklen Mantel genommen hatte. Es schneite. Dennoch waren die frischen Fußstapfen noch gut zu erkennen. Er kam zu einem großen Tor, vom dem er wusste, dass dahinter mehrere Kutschen des Lords, in einem extra dafür gebauten Unterstand, ihren Platz hatten. Es war der Ort, an der die Bediensteten am späten Nachmittag den Landauer eingestellt hatten, mit dem Celeste und er angereist waren.
Das Tor war verschlossen, wie er schnell feststellte, als er versuchte es zu öffnen.
Eine kleine Tür rechts davon führte zum Herrenhaus. Auch diese Pforte war verschlossen. Er folgte weiter den Fußstapfen, die ab hier kaum noch erkennbar waren. Ein Vordach hielt den Schnee ab, sodass sich die Spur zunehmend verlor.
Langsam ging Primes weiter und gelangte auf eine Terrasse, welche an die französischen Türen der Bibliothek angrenzte, durch die man ebenfalls ins Anwesen gelangen konnte. Die Räumlichkeiten hinter den hohen Fenstern lagen im Dunkeln, da sich alle bereits zur Ruhe begeben hatten. Mit Ausnahme von ihm und dem ungebetenen Besucher.
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