»Entschuldige, aber ich muss jetzt eine rauchen«, sagte er an seine Tochter gewandt. »Der Schreck ist mir wirklich in die Knochen gefahren. Möchten Sie auch einen Whisky, Inspector?«
»Sehr gern«, erwidere Primes.
Der Lord ging zu einem Schrank, öffnete die Tür, und schenkte zwei Gläser aus der Hausbar ein. Dann reichte er eines Primes, setzte sein eigenes an und leerte es in einem Zug. Er hatte es bis zum Rand gefüllt, und Primes war einigermaßen erstaunt, dass Celestes Vater eine solche Portion trinken konnte, ohne mit der Wimper zu zucken und ohne ins Husten zu kommen, denn der starke, lang gereifte schottische Whisky brannte in der Kehle.
Er hatte Sir Andrew erst kurz vor dem Abendessen kennengelernt, doch schon während des Dinners war ihm aufgefallen, dass der Mann eine beträchtliche Menge Wein und Champagner zu sich genommen hatte – seine Verwunderung darüber aus Gründen der Ettikette aber für sich behalten.
»Ich verstehe es einfach nicht«, stöhnte er. Seine Stimme war plötzlich so heiser, als habe er Kreide in der Kehle.
Da wollte ich mich hier ein wenig erholen , dachte Primes, aber kaum tauchen wir hier auf, geschieht etwas Unangenehmes und verlangt unsere Aufmerksamkeit .
Selbstverständlich würde er Celestes Vater beistehen, wenn er ihn um Hilfe bat, schon allein um seiner Tochter willen.
»Wären Sie so freundlich mir den Platz zu zeigen, wo Sie den Schmuck zuletzt gesehen haben, Mylord?«
»Ja ... das wird wohl das Beste sein, Inspector«, stöhnte Sir Andrew.
»Wusste jemand, wo Sie das Collier aufbewahrten, Vater?, erkundigte sich Celeste.
Ihr Vater nahm noch einen Drink. Auch jetzt schenkte er das Glas randvoll. In einem solchen Männerdrink konnten einige Goldfische schwimmen, ging es Primes durch den Kopf.
»Eben nicht, Celeste!«, erwiderte er, mittlerweile schon viel undeutlicher und eine Spur aggressiver. »Niemand wusste davon. Ich wollte keine Seele auf eine solch kostbare Investition aufmerksam machen, um keinerlei Begehrlichkeiten zu wecken.«
Celeste und Primes mussten feststellen, dass seine Lordschaft nicht mehr ganz fest auf den Beinen stand und leicht schwankte.
Adieu, wohlverdienter Schlaf , dachte sie wehmütig.
Ihr Gefühl trog sie nicht.
Primes‘ Müdigkeit war plötzlich wie weggeblasen. Sein detektivischer Jagdinstinkt war erwacht, und der Fall begann ihn zu interessieren.
»Ist es möglich, dass Sie sich geirrt haben?«, fragte er vorsichtig.
»Was erlauben Sie sich!«, empörte sich Lord Montgomery.
»Das war doch nur eine Frage, Vater«, beschwichtigte Celeste ihn. »Sie könnten sich doch geirrt haben, nicht ...«
Sie brach ab, als sie seinen eisigen Blick sah.
Primes war die Reizbarkeit des Schlossherrn schon mehrmals am Abend aufgefallen.
»Ich mich irren? Eher stürzt die ganze Welt mit lautem Krawall zusammen«, rief Sir Andrew entrüstet.
»Nun, jeder Mensch kann sich irren, keiner ist unfehlbar«, entgegnete Celeste und Unmut blitzte in ihren Augen auf.
»Hör mit dem Unsinn auf. Die Kassette, in dem das Collier lag, ist da, aber das Etui mit ihm ist einfach weg. Wie naiv du doch bist. Von meiner Tochter hätte ich wirklich mehr erwartet.« Er stieß ein kurzes Lachen aus, in dem Wut, Verachtung und Resignation lag. Es war ein unangenehmes Lachen, das auf große Nervosität schließen ließ.
Auf Celeste wirkte es so kalt, als habe ihr jemand Eiswasser über den Rücken geschüttet.
»Dann zeigen Sie uns doch bitte, wo die Kassette liegt und erzählen Sie, wann und wo Sie das Collier zum letzten Mal in Händen hatten«, schlug sie in jetzt deutlich abgekühlten Ton vor.
»Als ob ich mich vor dir rechtfertigen müsste!«, brauste ihr Vater auf.
»Tun Sie uns den Gefallen, Sir«, mischte sich Primes ein. »Je mehr Informationen wir haben, um so leichter wird es für uns, der Sache auf den Grund zu gehen.«
»Ja, das wird wohl am besten sein.«
Lord Andrew Montgomery wollte sich in Bewegung setzen, griff stattdessen jedoch erneut zur Flasche und wieder plätscherte etwas von der hochprozentige bernsteinfarbene Flüssigkeit in das Glas und anschließend die Kehle hinunter in seinen Magen.
Primes schüttelte innerlich den Kopf und wunderte sich immer mehr über sein Verhalten. Auch Celeste schien sich nicht ganz wohl in ihrer Haut zu fühlen, zumindest entnahm er das einem flüchtigen Blick, den sie ihm zugeworfen hatte. Die Tatsache, dass sie immer schweigsamer wurde, gab ihm zu denken, denn er kannte sie als eine Person, die nicht schnell um Worte verlegen war.
Wie er, vermutete sie wohl ebenso, dass ihr Vater das Collier schlicht übersehen hatte, weil er bereits in einem Zustand war, in dem man häufig Gegenstände nicht mehr sah, die man eigentlich sehen sollte oder etwas bemerkte, das tatsächlich nicht vorhanden war oder sich nicht entsinnen konnte, wo man sie abgelegt hatte. Allerdings hüteten sie sich beide, auch nur andeutungsweise etwas in dieser Art zu erwähnen, denn sie wollten die offensichtlich schon überreizten Nerven des älteren Herrn nicht zum Reißen bringen oder gar einen Anfall von Jähzorn auslösen.
»Also bitte, gehen wir«, forderte Lord Montgomery die beiden auf.
Celeste und Primes folgten ihm ...
Kapitel 2
Das Schloss besaß eine große Zahl von Räumen, Gängen, große und kleine Hallen und Rondelle, war verwinkelt gebaut und stand bereits seit der Tudorzeit. Celestes Ur- und Großvater hatten das Anwesen stetig durch Anbauten vergrößert; selbst ihr Vater hatte das Seinige beigetragen. Den größten Teil hatte, nach Celestes Erzählungen, jedoch ihr Urgroßvater Reginald gebaut. Jedenfalls war die Anlage durch die vielen baulichen Veränderungen immer größer und zunehmend unüberschaubarer geworden. Sich hier zurechtzufinden, war beinahe ein Kunststück. Celeste hatte die vielen versteckten Winkel als Kind oft dafür genutzt, den Strafpredigten ihres Vaters zu entkommen, von denen es reichlich gab. So kannte sie dieses Gemäuer wie Primes seine Westentasche.
Nach einer gefühlten Ewigkeit und einer Wanderung durch endlose Flure, gelangten sie in den Westflügel des Gebäudes und in das Zimmer, in dem das Collier in der Kassette, bis zum mutmaßlichen Diebstahl, befunden hatte.
Der Raum war so groß, dass drei Sechsspänner samt Landauer bequem darin Platz gefunden hätten. Celestes Vater liebte große Räume, auch wenn diese schlecht zu beheizen waren. Er hatte ihr einmal erzählt, dass er sich in kleinen Räumen unwohl fühlte, obwohl er sonst ein durchaus unerschrockener Mann war, der sich im zweiten Opium-Krieg gegen das Kaiserreich China zwischen 1856 und 1860 einen Namen als Kommandant einer Gurkha-Einheit gemacht, und unter Führung des Generals James Hope Grant an den Schlachten um Pei Tang, Dagu und Peking teilgenommen hatte. Später war er dafür von Queen Victoria mit dem ›Victoria Cross‹ ausgezeichnet worden. Celeste war mit den Kriegserzählungen ihres Vaters aufgewachsen, die sie auswendig Wort für Wort nacherzählen konnte, so oft hatte sie diese bereits gehört. Sir Andrew wurde zudem nicht müde, sich bei jeder sich bietenden Gelegenheit damit zu brüsten.
»Weiß Ihre Gattin von dem Verlust?«, erkundigte sich Primes, kaum, dass sich die Tür hinter ihnen geschlossen hatte.
Lord Montgomery fuhr herum und sah ihn strafend an.
»Sie sind wohl von allen Geistern verlassen, Inspector!«, fauchte er.
Primes wurde ärgerlich, ließ sich aber nichts anmerken. Mit den Zähnen knirschte er dennoch.
»Wenn er sich mit der Sache befassen soll, wie Sie es wünschen, möchte ich Sie bitten, seine Fragen zu beantworten, ohne gleich wütend zu werden, Vater«, mischte sich Celeste leise, doch mit einer gewissen Schärfe, ein.
Sir Andrew wippte leicht zuckend mit dem Kopf. Ein Zeichen seiner inneren Anspannung.
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