„Ja, es stimmt, die kurzen Texte fielen mir auf. Auf jeder der insgesamt acht Postkarten stand jeweils nur ein einziger Satz, der für mich keinen Sinn ergab.“
„Wie soll ich das verstehen?“
„Zwei Sätze konnte ich mir merken, die anderen bekomme ich nicht mehr zusammen.“ Siggi sah sich um, so langsam wurde ihm die Situation unangenehm.
„Jetzt lass dir doch nicht jedes Wort aus der Nase ziehen! Wie lauten die Sätze?“
„Postgeheimnis!“, sagte Siggi und wollte nur noch weg.
„Wenn die Leute nicht wollen, dass man ihre Nachrichten liest, sollen sie keine Postkarten schreiben“, lachte Jäger, der fürchtete, dass Siggi gleich verschwand, noch bevor er seine Informationen hatte.
„Stimmt auch wieder“, gab Siggi zu, der sich genau dasselbe dachte.
„Und? Raus mit der Sprache! Wie lauten die beiden Sätze? Vielleicht können wir der armen Frau Leipert irgendwie helfen.“
„Wir beide? Das glaubst du doch selbst nicht!“
„Könnte doch sein, oder nicht? Ich möchte es jedenfalls versuchen.“
Siggi wurde weich. Carina Leipert selbst und die ominösen Postkarten ließen ihn schon lange nicht mehr zur Ruhe kommen. Bis jetzt hatte er sich niemandem anvertraut. Hatte er in dem alten Benno Jäger einen Verbündeten gefunden?
„Also gut, aber kein Wort zu niemandem, verstanden? Wenn das rauskommt, bin ich meinen Job endgültig los!“
„Selbstverständlich halte ich den Mund, was hältst du denn von mir?“
Verschwörerisch sah sich Siggi um.
„WIR ALLE RENNEN TROTZ EIS NORDWÄRTS. Gruß Niclas.“
Jäger sah Siggi mit großen Augen an.
„Willst du mich verarschen?“
„Keineswegs. Das ist genau der Satz, der auf einer der Postkarten stand. Ich habe den Sinn auch nicht verstanden, aber die Nachricht muss für Frau Leipert sehr wichtig gewesen sein. Als sie ihn las, hat sie genickt.“
Benno Jäger sah Siggi skeptisch an, denn er fühlte sich immer noch veräppelt.
„Du sprachst von einem weiteren Satz. Wie lautet der?“
„Mach dich auf etwas gefasst, denn der hört sich auch nicht besser an: AFFEN LIEBEN LECKERES ESSEN SEHR, OHNE KARTOFFELN. Gruß Niclas.“
„Was?“
„Genau das stand auf der Karte.“
„Siggi, ich warne dich! Mach dich nicht über mich lustig.“
„Das würde ich nie tun. Ich verstehe diese Nachrichten ja auch nicht. Du etwa?“
„Wie sollte ich?“ Benno Jäger holte einen Zettel und einen Stift aus der Innentasche seines alten Jacketts hervor. „WIR ALLE RENNEN TROTZ EIS NORDWÄRTS. Gruß Niclas“, murmelte er und sah Siggi an, der daraufhin nickte. „AFFEN LIEBEN LECKERES ESSEN SEHR, OHNE KARTOFFELN. Gruß Niclas.“ Auch jetzt nickte Siggi.
„Ist dir noch etwas aufgefallen?“
„Die Sätze waren in Großbuchstaben geschrieben, der Gruß ganz normal. Das ist nicht üblich, deshalb fiel mir das auf.“
„Was ist mit den Motiven der Postkarten?“
„Darauf waren Schiffe abgebildet, Segelschiffe. Abgestempelt wurden sie in Hamburg.“
„Wer wohl dieser Niclas ist?“
„Das habe ich mich auch oft gefragt, habe aber keine Antwort darauf.“
Benno Jäger sah sich die beiden Sätze auf dem Zettel wieder und wieder an.
„Das ist doch nicht normal! Was soll das?“
„Das ist für mich ein Rätsel. Ich würde Frau Leipert gerne darauf ansprechen, aber sie möchte nicht mit mir sprechen.“
„Wir sollten zur Polizei gehen“, sagte Jäger, der spürte, dass hier etwas oberfaul war.
„Womit? Mit zwei Sätzen aus meinem Gedächtnis und einer vagen Vermutung zweier Männer? Die Polizisten lachen uns doch aus.“
„Ja, da magst du recht haben. Trotzdem sollten wir etwas unternehmen.“
Siggi sah auf die Uhr. Das hier dauerte schon viel zu lange, er musste weiterarbeiten.
Jäger verstand.
„Wir machen uns beide Gedanken darüber und treffen uns morgen wieder hier. Vielleicht hat einer von uns eine zündende Idee.“ Benno Jäger ging Richtung Innenstadt zum Altstadtcafé, wo er täglich seinen Kaffee trank und sich mit den netten Damen unterhielt. Manchmal hatte er Glück und es gab eine Veranstaltung, an der er teilnehmen konnte. Ob das heute auch so war?
Auf dem Weg ins Altstadtcafé gingen Jäger die Sätze nicht mehr aus dem Kopf. Was sollte der Mist? Dass da etwas nicht stimmte, stand für ihn außer Frage. Aber was? Er nahm sich vor, am Ball zu bleiben.
Im Altstadtcafé Stade
in der Hökerstraße…
Benno Jäger setzte sich an seinen Stammplatz, den ihm die freundliche Natascha immer frei hielt.
Am Nebentisch saß Hauptkommissar Leo Schwartz aus dem bayerischen Mühldorf am Inn zusammen mit seiner besten Freundin Christine Künstle. Die beiden unterhielten sich angeregt, es hörte sich sogar teilweise nach Streit an.
„Der Termin beim Notar ist erst morgen, meine Liebe. Kannst du mir erklären, warum wir bereits heute angereist sind?“
„Weil ich sichergehen wollte, dass uns diese dämliche Pandemie keinen Strich durch die Rechnung macht. Was hast du dagegen, ein, zwei freie Tage mit mir zu verbringen?“
„Dagegen habe ich nichts. Allerdings hätte ich es fair gefunden, mich einzuweihen, schließlich geht es um meine Urlaubstage, über die ich gerne selbst verfüge. Du hast nicht das Recht, über meinen Kopf zu bestimmen, das finde ich echt Scheiße! Anstatt hier sinnlos herumzusitzen, könnte ich in dem neuen Fall ermitteln, den jetzt die Kollegen allein bewältigen müssen.“ Dass sich dieser Fall als Selbstmord entpuppt hatte, behielt Leo lieber für sich, denn sonst hätte er kein schlagkräftiges Argument vorzubringen, um seiner ältesten Freundin ein schlechtes Gewissen einzureden. Christine zuckte aber nur mit den Schultern.
„Die Verbrecher kommen auch mal zwei Tage ohne dich aus, so wie die Kollegen auch. Mach einfach mal Pause, das schadet dir nicht. Man kann nicht immer nur Mörder jagen, man muss auch mal ausspannen können.“
Der siebenundfünfzigjährige Leo Schwartz lehnte sich zurück - er war sauer. Vor zwei Tagen hatte ihn Christine gebeten, sie nach Stade zu begleiten. Da er völlig übermüdet war, hatte er einfach zugesagt, ohne zu begreifen, dass Stade in Norddeutschland liegt. Als er seinen Fehler bemerkte, war es zu spät. Christine bestand darauf, dass er sie begleitete, da sie zum einen nicht gerne allein verreiste, und zum anderen nicht wusste, was auf sie zukam. Außerdem stand eine Aussprache mit Leo an, die längst überfällig war.
Christine Künstle bemerkte Leos schlechte Laune, aber die war ihr völlig egal. Die Anreise war perfekt gewesen und jetzt waren sie in Stade. Worüber beschwerte sich Leo? Sie hatte Flugtickets in der Business-Klasse und einen Privattransfer vom Hamburger Flughafen nach Stade springen lassen, außerdem bezahlte sie auch die Übernachtung und die Verpflegung während der zwei Tage Aufenthalt – für einen Schwaben wie Leo einer war doch geradezu perfekt!
Mit einem Lächeln erinnerte sie sich an den Transfer von Hamburg nach Stade mit dem Chauffeurdienst Caddy Mobil Stade, der von Marko Reidenbach betrieben wurde. Mit ihm verstand sie sich blendend. Da Leo bockte und keine Lust auf ein Gespräch hatte, unterhielt sie sich mit dem reizenden Herrn Reidenbach, der ihr alles erklärte, auch wenn sie ihn nicht darum bat. Trotzdem war sie fasziniert von den Ausführungen und hatte jede Menge dazugelernt.
„Du hättest zu Herrn Reidenbach etwas freundlicher sein können“, warf sie Leo vor.
„Zu wem?“
„Zu unserem Fahrer. Er hat sich alle Mühe gegeben, aber du hast nur geschmollt. Ich habe mich echt für dich geschämt. Was soll der Mann von uns denken?“
„Das ist mir doch egal!“ Leo verschränkte die Arme und lehnte sich zurück. Er hatte nicht vor, klein beizugeben.
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