Als dann das Neonlicht ausgereizt war und ein dezenteres Licht in einem kristallenen Kandelaber erschien, trat auch der Direktor wieder aus dem Dunkel des Raums hervor und verkündete, dass das nun erst der Anfang der Geschichte war. „Der Anfang der Geschichte, welcher Geschichte denn?“, fragten die Gäste der OIL-Gruppe und ihre Gesichter drückten auch dementsprechend Besorgnis aus.
Ulla Sommer, die ansonsten ein sehr gutes Gedächtnis besaß, konnte sich überhaupt nicht vorstellen, dass sie mit diesen Leuten irgendetwas gemein hatte, schon gar nicht in einen Mordfall wollte sie mit diesen Leuten verwickelt sein. Also Demenz hatte sie keine, und auch selbst in ihrer Familie war niemals bei ihren engsten Verwandten eine Demenz festgestellt worden. Insofern wunderte sie sich nur, dass die Gäste diesen Mordfall, der niemals aufgeklärt wurde, einfach so ohne Regung hinnahmen.
Plötzlich ertönte jedoch die Stimme von Claudine Meister, die wieder in ihrem schwäbischen Dialekt in die Runde fragte, was denn für ein Tag heute sei.
„Was will sie denn den heutigen Tag wissen?“, flüsterte sie zu Rehlein.
Dieser bemerkte nur, dass heute Freitag, der 23. August war und schließlich auch auf der Einladung, Freitag, der 23. August, als Eröffnungstag für diese Erinnerungsreise angegeben war.
„Hier können Sie nachsehen!“, und dabei holte er einen kleinen Handtaschenkalender hervor. Doch keiner wollte nachsehen oder es überprüfen, denn es war ja bekannt, dass dieses Hotel von Freitag, 23. August für einige Tage für die Gäste gebucht war. Nur Claudine Meister zuckte bei diesem Datum merklich zusammen. Ulla Sommer wusste gleich, dass sich diese Meister an Freitag, den 23. August erinnern konnte.
„Jetzt erinnere ich mich, ich habe nämlich ein supergutes Gedächtnis!“, sprudelte Claudine Meister hervor. Doch dann verstummte sie wieder und alle, die sie umringten, hingen an ihren Lippen und fragten nach, was sie mit diesem 23. August in Erinnerung bringen würde.
Aber es kam kein Wort mehr von ihren Lippen, die sie fest zusammenpresste. Da hätte nicht mal ein Streichholz dazwischen gepasst. Ulla Sommer sah, wie sich alle anblickten und in ihren Erinnerungen kramten. Keiner sprach aber ein Wort und ließ die anderen an seinen Erinnerungen teilhaben. Sie blickten nur zu Boden, als schämten sie sich, wenn sie an diesen 23. August dachten.
Annette Fischer und Josef Haas blickten sich auch nur kurz an, als wollten sie was sagen. Renate und Arnim Hermann zogen sich beide in eine dunkle Ecke zurück. Sie wollten ihren Gästen ihre Erinnerung nicht mitteilen. Karl Feistel blickte nur zu Claudine Meister, die triumphierend die Anwesenden musterte. In ihren Augen erkannte Ulla Sommer wieder ein hämisches Grinsen. Sie blickte sie ziemlich forsch an, denn es war ihr sofort klar geworden, dass diese Claudine Meister mehr wusste als sie alle zusammen. Doch dann hielt diese Meister nur ihren Blick gesenkt, als hätte sie ein schlechtes Gewissen.
„Sie weiß es, sie kennt den Mordfall!“, sagte Ulla Sommer leise zu Peter Bloch, der sich ihr wieder genähert hatte. Norbert Neurer hatte sich auch Albert Rehlein und Peter Bloch angeschlossen. Axel Lehmann und Ansgar Hoch wechselten ebenfalls kurze Blicke miteinander. Sonja Netter wandte sich dann an Claudine Meister, als wollte sie etwas sagen. Aber beide wechselten keine Worte miteinander. Ulla Sommer registrierte alles. Sie allein war es, die sich nicht erinnern konnte, an welchen Mordfall dieser amerikanische Millionär anknüpfte. Sie hatte doch ein ganz passables und sehr gutes Gedächtnis. Doch sie schüttelte sich richtig, als sie daran dachte, dass sie mit diesen Leuten irgendetwas Schreckliches verband. Nur was, war hier die Frage, wie sie krampfhaft überlegte.
Der Hoteldirektor schloss dann sehr nachdenklich wieder die Tür der Bibliothek auf und alle waren wie erlöst, denn so eingeschlossen in diesem Raum mit dieser blechernen Stimme des Millionärs und den schweren Erinnerungen an einen Mordfall hatte die OIL-Gruppe sehr verunsichert.
Nun ging es in den Grand Salon. Dort sollte das Menü serviert werden, hörte sie den Direktor sagen. Eigentlich war ihr nicht mehr nach Essen zumute, aber man konnte ja mal sehen, was der Koch alles an Genüssen zaubern würde.
„Kommen Sie mit mir in den Speisesaal! Unser Küchenchef hat extra für Sie ein exzellentes Menü zusammengestellt, das soll sie nun ein bisschen belohnen für die schreckliche Nachricht, die Sie gerade vernommen haben. Es geht um einen Mordfall.“ Dabei betonte er diesen Mordfall mit einem eigentümlichen Unterton.
„Vergessen Sie nun den Mord, morgen erfahren Sie mehr vom Gastgeber!“, sprach der Direktor und verschwand kurz hinter einem Vorhang, der ein wahres Meisterwerk der Handwerkskunst darstellte. Denn der Brokatstoff war mit vielen Affenbildern und Schlangen kreiert worden. Dieses Motiv erinnerte ein bisschen an den Jugendstil, Anfang des 20. Jahrhunderts, aber auch daran, dass die Reisefreudigkeit in den Ländern damals groß war und besonders die Kolonien mit all ihren wilden Tieren sehr begehrenswert waren.
Vanessa und Vincent, die Servicekraft und der Page, verschwanden ebenfalls hinter diesem schwarzgrünen Vorhang, auf dem auch giftige Schlangen abgebildet waren. Die Augen der Kobras blitzten in einer grellgrünen Farbe, die zum dunklen, samtgrünen Vorhang einen künstlerischen Kontrast bildeten. Ihre Augen richteten sie auf ihre nächsten Opfer und ihre Zungen waren feuerrotspeiend. Ulla Sommer warf nur einen kurzen Blick auf diesen angsteinflößenden, aber doch auch aparten Vorhang. Sie fühlte, dass dieser schlangenspeiende Vorhang direkt in die Hölle führte.
Wo bin ich nur gelandet?, dachte sie und musste auch ein bisschen an ihren Mann denken, der zuhause saß und nichts von einem Mordfall wusste und von dieser geheimnisvollen Atmosphäre in diesem merkwürdigen, alten Hotel, das sie an eine mörderische Schlangengrube erinnerte.
„Sehen Sie eigentlich noch andere Gäste hier oder sind wir die einzigen?“, wandte sie sich wieder den drei Herren zu, die ihr in den Grand Salon gefolgt waren.
An ihrem Tisch angekommen, sah sie, dass sowohl Albert Rehlein, Norbert Neurer und Peter Bloch sowie Renate und Arnim Hermann, Axel Lehmann und Ansgar Hoch an ihrem Tisch Platz fanden.
Den weiteren großen runden Tisch belegten Annette Fischer und Josef Haas, Claudine Meister und Karl Feistel sowie Sonja Netter, Dominik John, Andreas Lichte sowie Klara Breuer.
Zunächst wurde die Suppe serviert. Es war eine badische Schneckensuppe, die früher auf jeder Speisekarte eines guten Hotels stand. Dazu wurde ein Weißer Burgunder aus dem Kaiserstuhl gereicht. Der etwas lieblich anmutende Weiße Burgunder, gereift in dieser sonnigen Landschaft, passte hervorragend zur sahnig-herben, mit Kräutern gewürzten Schneckensuppe.
Das Hauptgericht bestand aus einem schwäbischen Rostbraten mit selbstgemachten Spätzle und Bubenspitzle und dazu gab es ein sehr reichhaltiges Salatbuffet, an dem sich die Gäste selbst bedienen konnten. Zum Hauptgericht konnten die Gäste zwischen einem Spätburgunder Rotwein und einem Grauen Burgunder auswählen.
Vanessa und Vincent bedienten die Gäste hervorragend. Und so langsam war auch bei Ulla Sommer dieser schwarz-grüne Vorhang, der nach Nirgendwo oder in die Hölle führte und bei ihr Ängste hervorgerufen hatte, vergessen und sie widmete sich ihrem Essen.
Zum Nachtisch gab es Vanilleeis und heiße Himbeeren, auch so ein Klassiker aus den Achtziger und Neunziger Jahren.
Ulla Sommer fing eine lebhafte Unterhaltung mit den Gästen an ihrem Tisch an, an der sich Renate und Arnim Hermann aber nicht beteiligten. Immer wieder schaute Arnim Hermann zu Ulla Sommer herüber, doch sie erwiderte seinen Blick nicht, denn dieser Arnim mit seinen krausen Haaren erinnerte sie an jemanden, an den sie sich aber nicht erinnern wollte.
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