Leise zog sie die Tür der Suite ins Schloss, denn es lag eine unheimliche Stille über diesem Hotel, die ihr eine gewisse Angst einjagte. Auch diese gruseligen Bilder, die im Flur vor ihrer Suite hingen, waren ihr suspekt. Wie kann man auch solche Bilder mit Schafsköpfen oder Wildsauen aufhängen, dachte sie. An den Köpfen lief noch das Blut herunter. Und obwohl es nur rote Farbe war, die der Künstler hier angelegt hatte, spürte sie direkt auch die Angst in den Blicken der fotografierten Tiere. Irgendwie kam es ihr vor, als ob sich das Hotel in einem dunkeln, mysteriösen Wald befand. Von welchem Prinzen könnte es wachgeküsst werden, überlegte sie. Allerdings wenn sie so die Männer dieser OIL-Gruppe ansah, käme da keiner für sie als Prinz in Betracht.
„Und wer könnte die wachgeküsste Prinzessin sein?“, grübelte sie, schüttelte aber gleich wieder diese Gedanken ab, die sie nur in ihrem Denken hemmten. Auf der einen Seite war das behäbige, große Schweizer Hotel mit nur sehr wenigen Gästen. Auf der anderen Seite war eine gewisse Oberflächlichkeit bei den Gästen zu entdecken. Auch dieser Luigi an der Rezeption und dieser komische Hoteldirektor waren ihr nicht geheuer. Alles war sehr geheimnisvoll und diese merkwürdige Erinnerungsreise entwickelte sich bei ihr zu einem Schreckgespenst, das sie nicht so einfach abschütteln könnte. Sie spürte, wie ihre Angst ihren Rücken hoch kroch, zumal sich auch noch zu den fragwürdigen Gästen ein mysteriöser Millionär gesellte, der sie womöglich mit seinen Franken kaufen wollte.
Unten angekommen, blickte sie wieder in die gleichen Gesichter wie am Nachmittag und dies ließ ihren Magen rebellieren. Auf ihr Bauchgefühl konnte sie sich immer verlassen. Aber nun war sie einmal hier und musste sich diesen Leuten anpassen, ob sie wollte oder nicht. Sie sah nicht nur freudig erregte Gesichter, sondern auch festlich gekleidete Personen. Man könnte fast meinen, dass es sich bei dieser OIL-Gruppe um eine angesehene, illustre Gesellschaft handelte, die sich ein paar Tage in Graubünden eingefunden hatte und ihren Spaß haben wollte.
Die nette Servicekraft vom Nachmittag hatte sich ebenfalls abendlich gekleidet und eine kecke Haube saß auf ihrem kurzen Haar. Auch sie trug nun ein Namensschild, auf dem Vanessa stand. Als der freundliche Page vom Nachmittag mit einem silbernen Tablett nun zur Tür hereinkam, bemerkte Ulla Sommer, dass auch er nun ein Namensschild trug und auf diesem Vincent vermerkt war. „Also haben wir es mit Vanessa und Vincent zu tun!“, murmelte sie leise vor sich hin. Es war ihr unangenehm, dass sie immer wieder in ihre Selbstgespräche verfiel. Aber es war ja niemand da mit dem sie sich unterhalten konnte. Vanessa und Vincent verteilten nun gefüllte Sektgläser sowie kleine Häppchen, die an spanische Tapas erinnerten. Ulla Sommer nahm nur ein Häppchen und ein Glas perlenden Sekt in ihre Hand und spazierte mit leichten Schritten an den Gästen vorbei.
Pünktlich auf die Minute, trat wieder Monsieur Philippe Laurent, der Hoteldirektor, in Erscheinung.
„Ich werde Sie nun mit Ihrem Sponsor, dem amerikanischen Millionär, bekanntmachen“, hörte sie plötzlich den Hoteldirektor sagen.
„Ist der womöglich hier?“, blickte sie fragend in die Runde.
Doch keiner äußerte sich. Alle sahen nur den Hoteldirektor an oder blickten herausfordernd um sich und manche senkten auch ihre Blicke. Weshalb hier alle so still und geheimnisvoll reagierten, warf bei ihr viele Fragen auf, dazu waren ihr auch noch die Gäste ein Rätsel.
„Hier ist er nicht, nein, er wird zu Ihnen per Videobotschaft sprechen. Kommen Sie bitte mit mir in die Bibliothek! Hier erfahren Sie mehr!“ Die Stimme dieses Hoteldirektors kannte sie nun schon in allen Facetten und doch hörte sie ein Geheimnis heraus.
Wie im Gänsemarsch marschierten die Gäste hintereinander in die Bibliothek, in einen dunkelgetäfelten Saal, wo nur wenig Licht herrschte. Es lag etwas Romantisches aber auch Bizarres in diesem dunklen Raum. Ulla Sommer dachte sofort auch an ein englisches Spukschloss. „Gleich kündigt sich noch ein Geist an“, frotzelte sie. Die anderen Gäste hatten sie jedoch nicht gehört, was ihr auch recht war. Sie wollte nicht als meckernder und aufrührerischer Gast gelten.
„Sicherlich ist das Hotel Anfang bis Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut worden, als die Engländer mit ihren Reisen die Schweiz eroberten und es fortan zu ihrem Lieblingsland gehörte“, murmelte Albert Rehlein kurz zu ihr hinüber.
Sie blickte ihn mit ihren grünen Augen schräg von der Seite her an. Dass dieser Rehlein auch England im Blick hatte, fand sie schon einmal angenehm. So weit voneinander lagen also ihre Geschmäcker gar nicht, überlegte sie. Ihr war dieser Albert Rehlein schon gleich aufgefallen mit seiner großen Gestalt. Er will so vornehm scheinen, dachte sie noch. Aber es wollte ihr partout nicht einfallen, wo sie diesen Mann schon einmal gesehen haben könnte.
Dann schloss der Hoteldirektor den Raum ab. Das fand sie nun richtig gespenstisch und rückte etwas näher an diesen Rehlein heran.
Vielleicht brauche ich doch männlichen Schutz?, dachte sie, denn in dieser dunklen Halle mit den maskenhaften, kolonialen Figuren an den Wänden, die afrikanische Geisterbeschwörer oder Stammesfürsten darstellten, entstand für sie eine schaurige Atmosphäre. Doch da ging bereits das Licht an und es erschien eine Gestalt auf dem Bildschirm. Weder Haare noch Gesicht waren zu erkennen. Der Mann hatte einen Hut auf dem Kopf, der tief in sein Gesicht hineinragte. Dann ertönte eine blecherne Stimme, sodass sie zunächst zusammenzuckte, aber dann auch richtig aufpassen musste, dass sie auch jedes Wort verstand.
Sie flüsterte nur noch kurz zu Rehlein, dass sie ein bisschen Angst habe.
„Das brauchen Sie doch nicht zu haben, ich bin ja hier und beschütze Sie“, meinte dieser sehr fürsorglich zu ihr. Toll!, dachte sie nur.
„Aber in Ihre Arme werfe ich mich nicht, das wäre ja noch schöner!“, entgegnete sie kurz und lachte dabei ihr warmes Lachen, das bisher immer alle ihre Freunde und Freundinnen begeisterte.
Dann ertönte eine blecherne Stimme, die allen einen „Guten Abend“ wünschte, was mit Applaus quittiert wurde.
„Ich habe Sie hierher eingeladen, weil sie alle zusammen vor vielen Jahren in einen Mordfall verwickelt waren. Doch leider konnte man den Täter nicht dingfest machen.“
Es herrschte eine beängstigende Stille, man hätte fast eine Nadel auf den Fußboden fallen hören, so lautlos war es im Raum. Nicht mal den Atem des Nachbarn spürte Ulla Sommer. Niemand flüsterte, niemand blickte hoch, alle hielten ihre Köpfe gesenkt. Sie ebenfalls. Von Applaus keine Spur mehr. Ihre Gedanken kreisten um diesen Mordfall, aber es fiel ihr beim besten Willen nicht ein, wo und wann und mit wem von dieser Gruppe, sie in einen Mordfall verwickelt gewesen sein könnte.
„Nichts also mit Produkttesten, das war auch wieder so eine Irreführung!“, geiferte sie drauflos. Es war ihr gerade zum Stänkern zumute. Doch niemand schaute zu ihr hin. Auch nicht der Hoteldirektor, der sich immer noch im Raum befand.
Dann wurde es wieder heller im Saal. Das gedämmte Licht zuckte ein bisschen, bis es hell und immer heller wurde, dass man den Nachbarn auch wieder erkennen konnte. Aber die Tür blieb immer noch verschlossen. Ulla Sommer war ja keine ängstliche Person. Aber auch sie zuckte wieder zusammen, als plötzlich das grelle Neonlicht, wie ein Spotlight, auf sie und die Gäste gerichtet wurde. Dieses Neonlicht passte überhaupt nicht in diesen altertümlichen Raum. Aber seine Strahlen fielen auf die Gäste, bis es erlosch, sich wieder aufbäumte, um zum zweiten Mal in voller Lichtstärke, dann endgültig sein Ende zu besiegeln. Diese Szene hätte sich in einem mordbrünstigen Theaterstück wiederfinden können, dachte Ulla Sommer, die dieses ganze Theater den Gästen wie auch diesem altertümlichen Saal und der Eröffnung des Abends gegenüber nicht passend fand.
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