„Das kann ich mir gut vorstellen“, erwiderte Brucena, „aber ich finde es irgendwie anmaßend von uns, ein Volk verändern zu wollen, das auf eine wesentlich ältere Kultur zurückblicken kann als wir. Wie kommen wir dazu, ein Urteil darüber zu fällen, ob die Überzeugungen dieser Menschen richtig oder falsch sind?“
Iain Huntley musterte das Mädchen mit Erstaunen. Diese Auffassung hatte mit der üblichen konventionellen Einstellung der jungen Frauen, die Indien bereisten, nichts gemein.
Den meisten lag nur daran, sich zu amüsieren; sie suchten Zerstreuung bei den Veranstaltungen im Government House, bei Teepartys, beim Polo, bei Tanzereien oder beim Klatsch. Und die anderen, denen es nicht um das Vergnügen ging, waren ernsthafte Missionarinnen verschiedener Glaubenszugehörigkeit, davon überzeugt, daß dem Tun der Inder Einhalt geboten werden mußte, wenn nicht allein aus dem Grund, weil es den eigenen Wertvorstellungen nicht entsprach.
Für Iain Huntley gab es nichts Schlimmeres als einen religiös reformerischen Imperialismus gepaart mit hitzigem moralischem Eifer. Die Leute, die diese Richtung vertraten, waren, das hatte er festgestellt, langweilig und begrenzt.
Er sagte sich oft, daß er Aberglauben und Barbarentum der Inder, Witwenverbrennungen und Kindermord der religiösen Bigotterie und dem schmallippigen, engstirnigen Fanatismus der Leute vorzog, denen selbst die Schönheit des Landes mißfiel, weil sie eine betörende Wirkung auf sie ausübte.
„Meiner Meinung nach“, bemerkte er, „sollten Sie als Erstes versuchen, die Inder als Individuen zu verstehen, nicht als eine Gesamtheit. Jeder von ihnen gehört nämlich einer anderen Kaste an, jeder hat seine eigene Auffassung vom Leben und gehorcht seinen persönlichen Regeln, die keine Regierung, so klug und geschickt sie auch arbeitet, verändern kann.“
„Es würde die Menschen wahrscheinlich völlig aus der Bahn werfen, wenn wir das täten“, meinte Brucena, als spräche sie mit sich selbst. „Aber genau darum geht es mir - ich möchte die Menschen verstehen, ich möchte Indien verstehen lernen.“
„Warum?“
Die Frage kam sehr abrupt. Sie wußte, daß der Mann, der sie stellte, den Verdacht hegte, das Motiv ihres Interesses wäre nichts als egoistische Neugier.
„Ich glaube, die Antwort darauf ist“, sagte sie nach einem Moment der Überlegung, „daß ich das Gefühl habe, hier ungeheuer viel lernen zu können, weil Indien mir sehr viel zu geben hat.“
Wieder war Iain Huntley überrascht.
Während er noch überlegte, was er darauf sagen sollte, sprach Brucena weiter.
„Sie sagten eben, daß jeder Mensch in Indien anders ist. Das begreife ich, soweit es die Kasten betrifft. Aber es ist doch gewiß so, daß sie alle an ein und dasselbe glauben.“
„Und das wäre?“
„Ihr Karma. In allen Büchern, die ich gelesen habe, steht, daß ,Karma‘ all durchdringend und all umfassend ist, daß es etwas ist, dem jeder Inder anhängt, und zwar nicht nur mit seinem Geist, sondern auch mit seinem Herzen.“
Major Huntley betrachtete sie eine kleine Weile schweigend.
Dann sagte er: „Sie haben recht, Miss Nairn, selbstverständlich haben Sie recht. Es überrascht mich nur, daß Sie von selbst auf diese Schlussfolgerung gekommen sind oder daß sie Ihnen in so einfacher Form dargelegt wurde.“
„Ich habe darüber gelesen“, wiederholte Brucena, „aber ich habe das Gefühl, daß ich es immer gewußt habe, weil es etwas ist, woran ist selbst glaube.“
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