Brucenas einziger Besitz war ein kleines Vermögen von dreihundert Pfund, das ihre Großmutter ihr hinterlassen hatte. Sie war streng ermahnt worden, das Geld nicht auszugeben. Ihr Vater, das war ihr klar, betrachtete dieses Sümmchen als Teil ihrer Mitgift, einen Grundstock sozusagen, der es ihm ersparen würde, ihr im Fall einer Verheiratung so viel mitzugeben, wie eigentlich standesgemäß gewesen wäre.
Jetzt erkannte Brucena, daß dieses Geld ein Gottesgeschenk war, da sie eigenmächtig darüber verfügen konnte. Es ermöglichte ihr, die Passage nach Indien aus eigener Tasche zu bezahlen.
Lange Zeit überlegte sie hin und her, ob sie ihren Vater von ihren Plänen in Kenntnis setzen sollte, schließlich aber entschied sie sich dagegen. Sie wußte, daß er sie nicht mochte, aber sie hatte gleichzeitig das Gefühl, daß er es als ganz angenehm empfand, jemanden zur Hand zu haben, den er herumkommandieren und demütigen konnte. Sie war zur Stelle, und wenn er über irgend etwas verärgert war, konnte er an ihr seinen Zorn auf eine Art und Weise auslassen, wie er das anderen gegenüber nicht gewagt hätte.
Brucena schien es plötzlich, als wäre alles eine Fügung des Schicksals, und sie hatte auch schon einen Plan. Es bereitete ihr kaum Schwierigkeiten, ihn in die Tat umzusetzen.
Eine Freundin, ihre einzige gute Freundin eigentlich seit sie aus den Kinderschuhen heraus war, lud Brucena ein, sie und ihre Eltern nach Edinburgh zu begleiten.
„Papa und Mama werden sehr beschäftigt sein“, erzählte sie Brucena. „Papa muß nämlich die ganze Prominenz in Empfang nehmen, die zur Truppeninspektion aus Süd-England heraufkommt. Und da meine Eltern Sorge haben, daß ich mir dann vielleicht ganz einsam und verlassen vorkomme, meinten sie, ich sollte dich fragen, ob du Lust hättest, mitzukommen. Wir können uns die Läden ansehen, und vielleicht bekommen wir sogar eine Einladung zu einem Ball. Ein Spaß wäre es auf jeden Fall, wenn wir zusammen sein könnten.“
„Ja, sicher!“ stimmte Brucena ihr zu.
Sie fürchtete, ihr Vater würde ihr nicht so ohne weiteres die Erlaubnis zu der Reise nach Edinburgh geben, doch zu ihrer Überraschung erklärte er, der Ausflug wäre ein guter Gedanke, sie sollte nur nicht allzu lange fortbleiben. Diese Bedingung, dachte sie, stellte er nur, weil er ihr im Grunde jedes Vergnügen mißgönnte - wenn auch nicht mehr in dem Maß wie noch vor einem Jahr, vor der Geburt seines Sohnes und Erben.
In Wirklichkeit, sagte sich Brucena, als sie schließlich, von ihrem Vater und ihrer Stiefmutter recht lieblos verabschiedet, die Reise antrat, waren die beiden wohl froh, sie auf eine Weile los zu sein. Somit brauchte sie aber auch wegen ihrer geheimen Pläne kein schlechtes Gewissen zu haben.
Sie blieb eine Woche in Edinburgh. Während dieser Zeit kaufte sie heimlich die Dinge ein, die sie ihrer Meinung nach für die Reise nach Indien brauchen würde.
Sie war intelligent genug, die weite Reise in ein ihr völlig fremdes Land nicht antreten zu wollen, ohne sich zuvor einige Kenntnisse über Land und Leute anzueignen, doch zu Hause war es schwierig gewesen, Bücher zu den sie interessierenden Fragen zu finden. In den Buchhandlungen von Edinburgh aber fand sie reichlich Material über Indien, und es dauerte nicht lange, da hatte sie eine richtige kleine Bibliothek beisammen. Sie wußte, daß sie während der Überfahrt genug Zeit haben würde, die Bücher gründlich zu studieren.
Ihren Freunden in Edinburgh erklärte sie, daß sie nach Hause zurückkehren müßte, da ihr Vater sie erwartete. Statt dessen jedoch nahm sie einen Zug nach London.
Jetzt, dachte sie, während der Zug südwärts rollte, begann das richtige Abenteuer.
Seltsamerweise war Brucena ganz überzeugt davon, daß sie imstande war, allein durchzukommen, und daß sie Indien sicher und wohlbehalten erreichen würde. Mrs. Sleeman hatte ihr brieflich genau erklärt, wie das zukünftige Kindermädchen am besten reisen sollte.
Nachdem Brucena die eng beschriebenen Seiten des Briefes von Cousine Amelie überflogen hatte, mußte sie unwillkürlich lächeln. Als handelte es sich um den Transport eines wertvollen Pakets, dachte sie, das auf der Reise nicht beschädigt werden durfte.
Sie erfuhr, daß die P. & O. alles Notwendige erledigen und daß sich eine Anstandsdame für das junge Mädchen gewiß unter den Passagieren finden lassen würde, die zweiter Klasse reisten.
Cousine Amelie hatte geschrieben: Ganz sicher reisen auf dem Schiff auch Missionare oder christliche Frauen irgendwelcher Organisationen nach Bombay. Geld würden sie für ihre Dienste nicht annehmen, da sie ja aus christlicher Nächstenliebe handeln, aber Du mußt dem Mädchen, das Du herüberschickst, auf jeden Fall ein angemessenes Geschenk mitgeben, mit dem sie sich für die gütige Hilfe revanchieren kann .
Bei der P. & O. erzählte Brucena allerdings eine ganz andere Geschichte.
„Ich muß nach Indien reisen, wo ich Verwandte besuchen werde“, erklärte sie, „aber unglücklicherweise ist die Dame, die mich begleiten sollte, erkrankt, und nun frage ich mich, ob Sie vielleicht jemanden ausfindig machen können, der so freundlich wäre, sich auf der Überfahrt meiner anzunehmen.“
Der Angestellte betrachtete Brucenas hübsches Gesicht und sagte sich, daß eine so attraktive junge Frau in der Tat dringend eine Anstandsdame brauchte. Wie Mrs. Sleeman vorausgesehen hatte, war er gern bereit, Brucena behilflich zu sein.
„Ich glaube, ich weiß genau die richtige Dame für Sie, Miss Nairn“, meinte er. „Pastor Grant und seine Gemahlin reisen nach Bombay zurück, und ich bin sicher, Mrs. Grant wird gern bereit sein, Ihnen auszuhelfen, wenn ich ihr die Umstände erkläre.“
„Es wäre sehr nett, wenn Sie das tun würden“, erwiderte Brucena.
Der Gesichtsausdruck des Angestellten verriet ihr, daß der junge Mann sich alle erdenkliche Mühe geben würde, ihr zu helfen.
Mrs. Grant und ihr werter Herr Gemahl erwiesen sich als höchst rechtschaffene, aber äußerst langweilige Leute. Offiziell nahmen sie Brucena unter ihre Fittiche der Ehrbarkeit, doch sie versuchten nicht, über sie zu bestimmen, so daß Brucena im Grunde tun und lassen konnte, was sie wollte. Sie saß viel über ihren Büchern, aber es machte ihr auch Spaß, an den sportlichen Veranstaltungen an Bord teilzunehmen, und abends fand sie sich sehr zum Ärger anderer junger Frauen stets im Mittelpunkt bewundernder Männerblicke.
Es war tatsächlich das erste Mal in ihrem Leben, daß sie sich völlig frei fühlte und nicht ständig damit rechnen mußte, gemaßregelt zu werden. Es war herrlich, die eigene Meinung äußern zu können, ohne dafür sofort eins auf den Mund zu bekommen, und es war ihr eine Genugtuung zu wissen, daß ihr Vater, wie immer er auch über den Betrug denken mochte, den sie an ihm begangen hatte, nichts gegen sie unternehmen konnte.
Sie hatte eine, wie es ihr schien, astronomische Summe Geldes für die Schiffspassage und ihre Kleidung ausgegeben, aber es blieb noch immer etwas Geld übrig.
Jetzt, wo sie den Sprung ins Wasser gewagt und ihr Zuhause verlassen hatte, wußte sie, daß sie niemals zurückkehren würde. Und wenn die Sleemans nicht bereit sein sollten, sie bei sich aufzunehmen, würde sie sich einfach anderswo eine Anstellung suchen.
Vor der Abfahrt des Schiffes hatte sie ihnen ein Telegramm folgenden Wortlauts geschickt: ,Habe Mädchen, wie von Euch gewünscht, gefunden. Einzelheiten folgen. Alles Liebe, Brucena.’
Absichtlich gab sie das Datum ihrer Ankunft nicht bekannt und erklärte auch nicht, daß statt des Kindermädchens, auf das Cousine Amelie wartete, sie selbst kommen würde. Dies war eine Vorsichtsmaßnahme, die sie nur deshalb traf, weil sie fürchtete, die Sleemans würden vielleicht mit ihrem Plan nicht einverstanden sein und sie postwendend wieder nach Hause zurückschicken, sobald sie Bombay erreicht hatte.
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