Sie werden glauben, sagte sie sich, daß das Kindermädchen in ungefähr einem Monat eintrifft und daß der Brief, den ich nie schreiben werde, die nötigen Erklärungen darüber enthält, wer das Mädchen ist und weshalb ich es für den Posten geeignet halte.
Sie hatte sich alles genau überlegt und sie war überzeugt, wenn sie erst einmal in Saugor war und sich bereit zeigte, alles zu tun, was von ihr verlangt wurde, dann würde es den Sleemans äußerst schwer fallen, sie zur Heimkehr zu zwingen.
Wenigstens auf ein Weilchen werden sie mich behalten müssen, sagte sich Brucena.
Doch obwohl sie ihre innere Unsicherheit immer wieder dadurch beschwichtigte, daß sie sich sagte, sie würde ein viel besseres Kindermädchen abgeben als irgendein ungehobeltes schottisches Bauernmädchen, war ihr nicht ganz wohl. Sie konnte das Gefühl nicht recht loswerden, daß sie vielleicht im Begriff war, sich Leuten aufzudrängen, die sie gar nicht haben wollten.
Vetter William allerdings war immer sehr nett und freundlich zu ihr gewesen. Sie erinnerte sich, daß er ihre Familie einmal auf Schloß Nairn besucht hatte. Sie selbst war damals noch ein Kind gewesen und hatte ihn wegen seiner Klugheit sehr ehrfurchtgebietend gefunden. Als er ein paar Jahre später noch einmal gekommen war, ein großer Mann mit kastanienbraunem Haar und blauen Augen unter einer hohen Stirn, hatte sie gehört, daß er Arabisch, Persisch und Urdu sprach.
Er stammte aus Cornwall wie ihre Mutter. Seine Familie und die ihrer Mutter waren jahrhundertelang Nachbarn gewesen. Aufgrund seiner Intelligenz war er, gerade Mitte dreißig, von seinem Regiment abberufen worden, um einen Posten in der Zivilverwaltung zu übernehmen, und General Nairn war beeindruckt gewesen, weil er wesentlich früher als die meisten Männer seines Jahrgangs zum District Officer in Zentralindien ernannt wurde.
Drei Jahre war es her, daß Captain Sleeman, wie er selbst dem General brieflich mitgeteilt hatte, vom neuen Generalgouverneur, Lord William Bentinck, in ein wichtiges Amt berufen worden war.
„Er ist der richtige Mann für diesen Posten“, hatte der General mit dröhnender Stimme festgestellt, nachdem er den Brief beim Frühstück gelesen hatte.
„Was ist das für ein Posten, Papa?“ hatte sich Brucena erkundigt.
„Sein Titel lautet Superintendent for the Suppression of Thuggee“, erklärte der General. „Das heißt, ihm obliegt es, die Kaste der Thugs ein für allemal in die Schranken zu weisen. Aber davon verstehst du sowieso nichts.“
Sein Ton war geringschätzig. Nicht nur war er der Auffassung, daß die Frau mit einem minderen Intellekt ausgestattet sei, der über Küche und Kinderzimmer nicht hinausreichte. Er hielt auch Brucenas Neugier für unangebracht, die sie veranlaßte, ihm Fragen zu stellen, die er lieber von einem Jungen als von einem Mädchen gehört hätte.
„Ich habe einiges über die Thugs gelesen, Papa“, hatte Brucena zurückgegeben. „Sie gehören einer geheimen Kaste an, die die Göttin Kali verehrt und die es für ihr heiliges Recht hält, Menschen zu erdrosseln.“
„Es gehört sich wirklich nicht für dich, dich mit solchen Dingen zu befassen“, stellte der General unwirsch fest, „aber William wird diese Scheußlichkeiten bald abstellen.“
„Wie will er das denn machen?“
„Man hat ihm fünfzig berittene Irreguläre und vierzig Sepoy Infanteristen zur Verfügung gestellt“, erwiderte der General ungeduldig. „Das dürfte reichen. So eine Aufgabe hätte ich auch gern übernommen, als ich noch jünger war.“
So vieles hätte Brucena gern noch gefragt, aber ihr Vater war ohne ein weiteres Wort aus dem Zimmer marschiert und hatte William Sleemans Brief mitgenommen. Sie wußte, es war hoffnungslos, ihm weitere Fragen zu stellen.
Sie hatte deshalb auf eigene Faust versucht, soviel wie möglich über die Thugs in Erfahrung zu bringen, aber ohne großen Erfolg. Selbst die Bücher, die sie sich in Edinburgh kaufte, sagten ihr kaum mehr, als sie nicht schon wußte.
Während sie jetzt Major Huntley gegenübersaß, der sie, wie sie meinte, mißtrauisch musterte, erklärte sie: „Mein Vetter bat mich, ein Kindermädchen für seine Frau zu engagieren. Aber so ein Mädchen, wie sie es gern haben wollten, konnte ich nicht auftreiben. Deshalb - deshalb bin ich selbst gekommen.“
Major Huntley lächelte.
„Ohne den beiden eine Chance zu lassen, Sie abzulehnen?“
„Ja.“
„Jetzt begreife ich allmählich. Aber Sie haben die Schiffsreise von England hierher doch gewiß nicht ohne Begleitperson unternommen?“
„Nein. Bis Bombay war ich in Begleitung von Pastor Grant und seiner Frau. Sie haben sich sehr aufmerksam um mich gekümmert. Sie haben sogar noch jemanden ausfindig gemacht, der mich von Bombay bis Bhopal begleiten sollte, aber leider wurde die Dame im letzten Moment krank. Da ich nicht länger warten wollte, bin ich einfach allein gefahren.“
„Ich sehe schon, Sie sind eine sehr unternehmungslustige junge Dame“, stellte Major Huntley fest. „Aber Sie wissen doch wohl, daß es für eine Frau, ob verheiratet oder nicht, undenkbar ist, allein in Indien herumzureisen?“
„Ich dachte, die Engländer hätten hier in Indien alles gut unter Kontrolle“, gab Brucena herausfordernd zurück.
„Wir tun unser Bestes“, erwiderte Major Huntley. „Ich glaube allerdings kaum, daß Sie in England ohne Anstandsdame oder Zofe reisen würden.“
„Ich kann allein für mich sorgen.“
„Gerade das bezweifle ich. Auf jeden Fall sollten Sie das nicht gerade in diesem Land ausprobieren.“
Brucena dachte an die schreienden, tobenden Menschen am Bahnhof. Keinesfalls wollte sie Major Huntley merken lassen, daß der Tumult ihr tatsächlich ziemliche Angst eingejagt hatte. Diese Genugtuung würde sie ihm nicht geben. Und was wohl aus dem weinenden kleinen Kind geworden war, wagte sie sich gar nicht vorzustellen.
„Nun, jetzt kann ich mich ja für den Rest Ihrer Reise um Sie kümmern“, stellte Major Huntley fest. „Ich kann mich allerdings des Gefühls nicht erwehren, daß Ihr Erscheinen den Captain einigermaßen überraschen wird.“
„Arbeiten Sie mit ihm zusammen?“ fragte Brucena.
„Ja.“
„Wieso haben Sie dann einen höheren Rang als er?“ Major Huntley lächelte.
„Ihr Vetter ist Beamter bei der Zivilverwaltung, direkt vom Generalgouverneur in sein Amt berufen. Er ist der Verwalter eines sehr großen Gebiets, während ich das Kommando über die Soldaten habe.“
Das war, wie Brucena später entdecken sollte, eine grobe Untertreibung der besonderen Aufgaben, mit denen Iain Huntley betraut war, doch jetzt lächelte sie nur.
„Wenn Sie mit meinem Vetter William zusammenarbeiten, dann könnten Sie mir vielleicht etwas über die Thugs erzählen? Seit ich vor fast drei Jahren erfahren habe, daß mein Vetter auf diesen Posten berufen worden ist, interessiere ich mich sehr für die Thugs, aber es ist schwierig, Näheres über sie zu erfahren.“
„Und wieso interessieren Sie sich für diese Leute?“ fragte Major Huntley.
„Ich interessiere mich für alles, was mit Indien zu tun hat“, erwiderte Brucena. „Ich bin nämlich hier geboren, und obwohl ich überhaupt keine Erinnerungen mehr habe, hatte ich immer den Wunsch, hierher zurückzukommen.“
Major Huntley sah sie überrascht an.
„Mein Vater war mit seinem Regiment einige Jahre lang an der Nordwest-Grenze“, erklärte Brucena. „Als wir Indien verließen, war ich ein Jahr alt. Mein Vater hat dann zwar später noch einmal einige Jahre in Indien Dienst getan, aber da blieben meine Mutter und ich in Schottland zurück.“
„Und obwohl Sie keinerlei Erinnerungen haben, lockt Sie dieses Land?“
„Es ist merkwürdig“, antwortete Brucena nachdenklich, „aber seit ich in Bombay angekommen bin, habe ich so ein Gefühl, als wäre ich endlich zu Hause.“
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