Am 29. November 1314 starb der König dann in Fontainebleau.
Das Babylonische Exil der Kirche – die Päpste in Avignon
Schon die Clemens V. vorangegangenen Päpste hatten sich meist in Perugia oder anderen Orten des Kirchenstaates aufgehalten, da ihnen die Stadt Rom zu unsicher geworden war. Im März 1309 verlegte Clemens V. der nach seiner Wahl nie nach Italien abgereist war, seine eigentliche Residenz auf Dauer nach Avignon. Hier bezog er Räumlichkeiten im prachtvollen Konvent der Dominikaner. Im Jahr 1840 wurde dieser Gebäudekomplex abgerissen, und nur die rue S. Dominique erinnert heute noch an diesen Sitz des Papstes. Allerdings war dieses Quartier nie ein ständiger Amtssitz, mehr ein Ruhepunkt des ohne Unterlass durch das Land reisenden Papstes.
Mit Clemens’ Entscheidung begann das »Babylonische Exil der Kirche«, das schließlich 70 Jahre dauern sollte. Clemens V. hatte sicherlich nicht die Absicht, den päpstlichen Amtssitz endgültig nach Avignon zu verlegen. Die Wahl dieser am linken Ufer der Rhône gelegenen Stadt hatte gute Gründe, gehörte sie doch nicht zum Königreich Frankreich. Im Jahr 1290 hatte Karl II. von Anjou, der König von Sizilien, Avignon als päpstliches Lehen erhalten. Auch die umliegende Grafschaft, die Comté Vaissin, war päpstlicher Besitz. König Philipp II. von Frankreich, der Großvater Philipps IV. hatte sie 1273 an Papst Gregor X. abgetreten. Seither wurde die Grafschaft von päpstlichen »Rectoren« verwaltet. Die Päpste residierten nach Clemens V. lange Zeit als Gäste der Dominikaner in Avignon. Den berühmten Papstpalast, den heute jeder Avignon-Tourist kennt, ließ erst Papst Benedikt XII. (1334-1342) erbauen. Mit dem aufwändigen Bau zeigte er deutlich, dass er keine Absicht mehr hatte, den Sitz des Papstes nach Rom zurückzuverlegen. Aber erst unter seinem Nachfolger, Clemens VI. (1342-1352), wurden die Stadt Avignon und das zugehörige Gebiet für den Kirchenstaat angekauft. Johanna von Anjou, Königin von Neapel, verkaufte im Juni 1348 die Stadt für 80000 Gulden.
Nach dem Tod von Clemens V. blieb der päpstliche Stuhl zwei Jahre unbesetzt. Schließlich wurde Papst Johannes XXII. (1316-1334), wieder ein Franzose, gewählt. Als er den in ganz Deutschland anerkannten König Ludwig den Bayern exkommunizierte, erhob sich gegen ihn eine massive Front von Gegnern. Die deutschen Fürsten erklärten im Jahr 1324 den Papst für häretisch, also zum Ketzer, worauf er mit einem für ganz Deutschland geltenden Interdikt antwortete – niemand durfte also im Deutschen Reich die Messe feiern oder besuchen. Ludwig der Bayer ließ sich in Rom nun von einem Gegner des Papstes krönen und setzte einen Gegenpapst ein, der allerdings alsbald in Avignon um Gnade bat. Unter Benedikt XII. setzte sich diese Auseinandersetzung fort, was dazu führte, dass die deutschen Kurfürsten im Jahr 1338 durch Reichsgesetz erklärten, die Königs- und Kaiserwahl sei von nun an unabhängig vom Papst. Erst dem Nachfolger von Johannes XXII. Clemens VI. gelang es, die Lage zu entspannen. Er konnte die deutschen Kurfürsten dazu bewegen, noch zu Lebzeiten Ludwigs des Bayern einen ihm genehmen Kandidaten, Karl von Luxemburg, zum neuen deutschen König zu machen. Er regierte nach dem Tod von Ludwig als Karl IV. Noch Papst Innozenz VI. (1352-1362) blieb von Rom fern, wenn auch die in der Ewigen Stadt herrschenden Zustände ihn beschäftigten. Dem von ihm nach Italien gesandten Legaten Ägidius Albornoz gelang es mit staatsmännischem Weitblick, die Verhältnisse im Kirchenstaat so weit zu ordnen, dass an eine Rückkehr der Päpste nach Rom zu denken war. Doch auch der folgende Papst Urban V. (1362-1370), obwohl von vielen gedrängt, wollte den letzten Schritt nicht verwirklichen. Auf einer Reise nach Rom sah er sich enttäuscht von den Verhältnissen dort und kehrte trotz der jubelnden Aufnahme durch die Italiener wieder nach Avignon zurück. Nach dem Tod Urbans V. brachen in Italien schwere Unruhen aus. Auf Befehl des neuen Papstes, Gregors XI. (1370-1378), sollten diese Zustände von bretonischen Söldnern beigelegt werden. Und endlich wurde auch der Papstsitz wieder nach Rom verlegt. Großen Anteil daran verdiente sich die unermüdlich auf dieses Ziel hinarbeitende Mystikerin Katharina von Siena. Im September 1376 verließ Gregor XL Avignon und konnte nach langwierigen Verhandlungen mit der Stadt Rom am 17. Januar 1377 dort wieder seinen Sitz nehmen. Doch die von ihm ausgesandte Söldnertruppe, angeführt von Kardinal Robert von Genf, wütete noch immer. Während seiner Bemühungen um eine endgültige Befriedung der Verhältnisse starb Papst Gregor XI. am 27. März 1378. Ihm kommt das Verdienst zu, die Kurie wieder nach Rom zurückgeführt zu haben, doch sollte es durch die Wahl seines Nachfolgers, Urbans VI. und Roberts von Genf zum Gegenpapst, der er sich Clemens VII. nannte, zum Großen Schisma (grch. »Trennung«) kommen, das die Kirche für 39 Jahre spaltete – zwei, manchmal drei Päpste beanspruchten für sich, der wahre Nachfolger Petri zu sein.
Jörd Dendl
Angeführte Literatur:
Stephan Baluze, Vitae Paparum Avenionensium, Tom. I, Paris 1914
Malcolm Barber, The new Knighthood, Cambridge 1994
Franz Ehrle S. J. Der Nachlass Clemens’ V, in: Archiv für Literatur- und Kirchengeschichte des Mittelalters, Bd. 5, Freiburg 1889, S. 1-166
Chronici Saxonici Continuatio (Thuringica) Erfordensis (Holder-Egger, 1899, S. 478)
Chronica S. Petri Erfordensis mod. ad. ann. 1314 (Holder-Egger, 1899, S. 346-347)
Continuatio Chronici Girardi de Fracheto, Anno MCCCXIV (Recueil des Historiens des Gaullese et de la France, Tom. XXI, S. 42)
Continuatio Chronici Guillelmi de Nangiaco, Anno MCCCXIV (Recueil des Historiens des Gaulles et de la France, Tom. XX, S. 611-612)
Jean Desnouelles in: Recueil des Historiens des Gaulles et de la France, Tom. XXI, S. 196
Heinrich Finke, Papsttum und Untergang des Templerordens, Münster 1907
Georges Lizerand, Clément V et Philippe IV le Bel, Paris 1910
Hans Prutz, Entwicklung und Untergang des Tempelherrenordens, Köln/Berlin 1888 [ND Walluf 1982]
Sächsische Weltchronik – Thüringische Fortsetzung (Monumenta Germaniae Historica, Scriptorum qui vernacula lingua usi sunt, Tom. II (Deutsche Chroniken, Bd. 2), Ludwig Weiland (Hg.), Hannover 1877, S. 314)
Konrad Schottmüller, Der Untergang des Templer-Ordens, 2 Bde. Berlin 1887