Ich drehte ein paar der kleineren Teppiche um und entdeckte eine Stelle, wo der Boden anders aussah. Ich grub dort mit der Messerspitze und fand eine kleine Schachtel mit Münzen. Es waren fünf Goldmünzen, drei Starter aus Brundisium und zwei aus Telnus, elf Silbertarsk aus verschiedenen Städten, da von dieser Währung viele im Umlauf sind, und ein paar weniger wertvolle Münzen. Ich steckte sie ein. Ich hatte unter den Teppichen nachgesehen, da die Schatullen nach dem Öffnen nicht viel von Interesse preisgegeben hatten. Zum Beispiel besaß ich in meinem Zelt bereits Nähzeug. Es ist ein Spaß, sich eine Sklavin zu mieten, sie mit ins Zelt zu nehmen und sie dann etwas flicken zu lassen. Und wenn sie glaubt, daß das alles war, was man von ihr wollte, befiehlt man ihr, sich auf den Rücken oder den Bauch zu legen, um ihr beizubringen, daß ihre Weiblichkeit mehr verlangt als die Erfüllung solcher Arbeiten.
Mittlerweile war die Suche vom Fluß bestimmt auf das Lager verlegt worden. Also hielt ich es für einen guten Zeitpunkt, in die Nähe des Flusses zurückzukehren. Bevor ich das Zelt verließ, hängte ich die Sklavenperlen an den Nagel, mit dem Borton seine Warnung befestigt hatte. Ich war der Ansicht, ihm etwas für seine Mühen schuldig zu sein. Ich musterte die Perlen. Sie waren wirklich hübsch, diese beiden Reihen aus gefärbten runden Holzkugeln, auf einer Schnur aufgezogen, die fest genug war, um eine Sklavin an Händen und Füßen zu binden. Dann verließ ich das Zelt.
»Ich habe keine Lust, noch länger zu warten«, erklärte ich dem Söldner.
Er nickte, ohne mir große Aufmerksamkeit zu schenken.
Ein Wachposten, den ich einen Augenblick später passierte, sprach mich an. »Im Norden geht etwas vor.«
»Wo denn?«
»Da.«
Ich konnte den Schein von Fackeln sehen; undeutlich waren die Rufe von Männern zu hören.
»Ich glaube, du hast recht«, stimmte ich dem Posten zu.
»Was ist da los?« fragte er einen Söldner, der sich zu uns gesellte.
»Ein Spion wird gesucht«, sagte der Söldner.
»Weiß man, wie er aussieht?« fragte ich.
»Soll ein großer Bursche sein, mit roten Haaren«, antwortete der Mann.
»Ich habe rotes Haar«, meinte ich.
»Wenn ich du wäre, würde ich in nächster Zeit kein Aufsehen erregen«, sagte der Wächter.
»Das ist vermutlich eine gute Idee.«
»Es wäre zu dumm, für einen Spion gehalten, mit Armbrustbolzen durchbohrt oder in Stücke gehackt zu werden.«
»Da bin ich ganz deiner Meinung.«
»Sei vorsichtig«, empfahl mir der Wächter fürsorglich.
»Das werde ich«, versicherte ich ihm.
»Sie werden ihn vor dem Morgengrauen haben«, sagte der Söldner, der sich zu uns gesellt hatte.
Der Wächter nickte. »Die werden das ganze Lager auf den Kopf stellen. Es wird keinen Ort geben, an dem man sich verstecken kann. Sie werden überall suchen.«
»Überall?« fragte ich.
»Überall.«
»Sie werden ihn vor dem Morgengrauen schnappen«, bekräftigte der Söldner.
»Ich wünsche euch alles Gute«, verabschiedete ich mich mit dem traditionellen goreanischen Gruß. Sie erwiderten ihn.
Wenn Krieger jemanden suchen, dann gehen sie für gewöhnlich von der Annahme aus, daß der Gejagte an einem Ort bleibt, sich also hartnäckig verbirgt. In diesem Fall muß man nur die vorhandenen Möglichkeiten gründlich durchdenken, und die Aufgabe ist gelöst. Während jedoch den Jägern durchaus bewußt ist, daß sich der Gesuchte am Ort B aufhalten könnte, während sie gerade am Ort A sind, kommt ihnen nur selten der Gedanke, er könnte sich an Ort A aufhalten, während sie an Ort B suchen. In diesem Fall ist es möglich, ›überall‹ zu suchen und nichts zu finden. Männer oder Larls oder Sleen – die oft einen Bogen schlagen und ihre Verfolger von hinten angreifen – aufzuspüren hat nichts mit der Suche nach einem verlorengegangenen Knopf gemeinsam. Viele der Männer in diesem Lager, sowohl die regulären Soldaten als auch die Söldner, waren geschickte Krieger, vielleicht sogar darin ausgebildet, Menschen zu jagen. Die Verfolgung der in der Schlacht geschlagenen, flüchtenden Feinde ist eine eigenständige Kunst. Solche Männer versetzen sich in die Gedanken des Gejagten; sie bilden die Nachhut, sie trennen sich von der Suchmannschaft, sie suchen aufs Geratewohl und dergleichen mehr. Solche Männer fangen viele Gejagte ein.
Es gibt allerdings einen Ort, an dem selbst solch erfahrene Jäger voraussichtlich nicht nachsehen, und das ist in der Suchmannschaft selbst. Einer Sklavin fällt es schwer, in einer solchen Gruppe unerkannt unterzutauchen, allein wegen ihres Geschlechts, ihrer Nacktheit oder ihres Sklavenkragens, aber ein Mann hat da weniger Probleme. Meine Chance bestand also darin, den Augenblick abzuwarten, an dem die Suche außerhalb des Lagers stattfand, und zwar vor allem im Süden, was so gegen Morgen der Fall sein dürfte.
Marcus, der mich in das Lager begleitet hatte, hatte ganz genaue Pläne für jeden Notfall ausgearbeitet und mit Nachdruck darauf bestanden, daß sie, falls einer von uns ertappt oder gefangengenommen wurde, befolgt wurden, Pläne, die er vermutlich genau in diesem Augenblick wie der Blitz in die Tat umsetzte. Nach Möglichkeit sollten wir uns auf der Straße nach Holmesk treffen, in der Nähe des Dorfes Teslit. Falls dieses Treffen nicht zustande kam, sollte derjenige, der sich in der Nähe von Teslit aufhielt, weiter nach Holmesk eilen und sich dort mit den Kontaktleuten aus Ar in Verbindung setzen.
Marcus war ein überaus ernsthafter junger Mann, dem es mit diesen Plänen sehr ernst war. Was mich angeht, so hätte ich, falls er aufgeflogen wäre, mich vermutlich zumindest lange genug im Lager herumgetrieben, bis ich herausgefunden hätte, ob ich ihm helfen konnte oder nicht. Falls jemand gepfählt wurde, ist die Hilfe, die man ihm zukommen lassen kann, eher gering. Marcus hatte jedoch darauf bestanden, daß ich keine Rücksicht auf ihn nähme, ihn unverzüglich opferte und weiterreiste, um mit den Arern Kontakt aufzunehmen. Ich hatte mir jede Widerrede gespart, da es sehr schwer ist, mit nüchtern und sachlich denkenden Leuten über eine solche Sache zu diskutieren. Wir hatten sowieso vorgehabt, in einem oder zwei Tagen nach Süden weiterzureisen, da wir genug Zeit mit dem Expeditionsheer verbracht hatten, um seine Marschrouten bestimmen zu können und diese Informationen weiterzugeben. Ich persönlich konnte nicht so recht glauben, daß Ar die Bewegungen, Marschbefehle und Zusammensetzung der cosischen Streitkräfte im Norden nicht bereits kannte.
Jetzt galt es aber, die Nacht zu überstehen. »Sie werden ihn vor dem Morgengrauen haben!« hatte der Mann gesagt.
Ich ging davon aus, daß er sich irrte.
Die Straße unter mir war nicht gepflastert. Sie war staubig und heiß, lang und schmal. Sie führte nach Norden.
Ich betrachtete sie.
Sie war leer.
Es war schwer zu glauben, daß sich das Expeditionsheer von Cos nordwestlich von hier in der Nähe des Vosk aufhielt, während sich jenseits von Teslit in südlicher Richtung vor oder in Holmesk das Winterlager von Ar befand, das angeblich über ein beträchtliches Verpflegungsdepot verfügte und eine der größten Truppenkonzentrationen darstellte, die man jemals so weit im Norden des Kontinents gesehen hatte.
Es war später Nachmittag. Ich hielt mir die Hand schattenspendend über die Augen. Von dem langen braunen Pfad, der zwei gewaltige Flächen aus vertrocknetem Gras wie eine trockene Linie teilte, stieg kein Staubwölkchen in die Luft. Der sich darüber wölbende Himmel war hell und klar, beinahe wolkenlos. Wie die Straße schien auch er leer zu sein.
Es war einsam hier.
Doch im Leben eines Kriegers sind solche Augenblicke willkommen, Augenblicke, in denen man allein sein, in denen man nachdenken kann.
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