Und wir tauschen unsere Egos und tauschen und tauschen, wir hängen baumelnd in dem Stasisnetz, springen leicht von Gehirn zu Gehirn, schwimmen, tauschen Köpfe, so oft es uns gefällt, und ich schmecke Cadges Kröte, und ich pisse mit Wills in die Transmatkabine, und ich rieche Lloyds Schwester an meinem Finger, und ich töte Jeds Gamma, und ich lüge wegen Nicks Beta, und alle gehen mit Lilith ins Bett, und sie sagen mir hinterher Ja, ja, ja, wir sollten diese Alphafrauen wirklich ausprobieren, du bist ein Schwein, Manuel, ein glückliches Schwein, ein Schwein mit Geschmack!
Und ich liebe sie!
Wen liebe ich?
Und ich sehe all den kleinlichen Haß und Schmutz in ihren Seelen, meine Freunde, aber ich sehe auch ihre Stärken, ihre guten Seiten, denn es wäre schrecklich, wenn wir unsere Egos tauschten und nur die gekochten Kröten und die Urinlachen auf dem Boden der Transmatkabine sähen. Ich spüre ihre Zuneigung und Bescheidenheit und Treue und Milde. Ich sehe, wie gut meine Freunde wirklich sind, und ich mache mir Sorgen, und ich frage mich, was sehen sie in mir. Vielleicht werden sie mich hassen, wenn wir hier herauskommen. Wir tauschen weiter unsere Egos. Wir sehen, was sie in uns sehen, was wir in uns, in ihnen sehen.
Eine Woche geht so schnell vorbei!
Armer Manuel, sagen sie, ich wußte nie, daß es so schlecht um ihn steht. Trotz all seines Geldes fühlt er sich schuldig, weil er nichts mit seinem Leben anfangen kann. Finde eine Aufgabe, finde eine Sache, für die du dich einsetzen kannst! Ich sage ihnen, ich versuche. Ich suche. Sie fragen, wie ich es mit den Androiden halte?
Soll ich ihnen antworten? Was würde mein Vater sagen? Wenn er meine Anschauungen nicht billigt?
Kümmere dich nicht um ihn! Tue, was du für richtig hältst! Clarissa ist für gleiche Rechte für die Androiden. Wenn er aufbraust, laß Clarissa zu ihm sprechen, bevor du es tust. Warum sollte er aufbrausen? Er hat sein Vermögen gemacht mit Androiden. Jetzt kann er es sich leisten, sie wählen zu lassen. Ich wette, sie würden ihn wählen. Wißt ihr, daß alle Androiden meinen Vater lieben? Ja! Manchmal denke ich, es muß fast wie eine Religion sein bei ihnen. Die Religion Krugs. Nun, es hat einen gewissen Sinn, seinen Schöpfer anzubeten. Lacht nicht! Aber ich muß lachen. Es ist verrückt, daß Androiden sich vor meinem Vater verbeugen. Ich wette, sogar vor seinen Bildern. Vor dem alten Krug!
Du weichst vom Pfad ab, Manuel. Wenn es dich bekümmert, daß du nichts Bedeutendes tust, dann werde Kreuzfahrer. Gleiche Rechte für Androiden! Hoch die Androiden! Hoch die Androiden! Das ist deiner unwürdig. Du hast wahrscheinlich recht.
Wir hören den Gong, und wir wissen, daß unsere Zeit vorbei ist. Wir fallen aus dem Netz. Wir gleiten zurück in unsere eigenen Köpfe. Man hat mir gesagt, sie verfahren bei diesem Teil des Prozesses sehr, sehr, sehr sorgfältig, damit jeder in seinen eigenen Kopf zurückkehrt.
Soweit ich weiß, bin ich Manuel Krug.
Sie führen uns hinaus. Dort ist eine Wiederanpassungskammer auf der anderen Seite des Netzes. Wir sitzen drei, vier Stunden herum, gewöhnen uns daran, wieder Individuen zu sein. Wir schauen einander verstohlen an. Lieber weicht man dem Blick des anderen aus. Jemand hat zu viel gelacht mit meinem Mund.
In der Wiederanpassungskammer haben sie mehr von diesem neuen Spielzeug, dem Würfel mit den stumpfen Kanten. Der meine sendet mir eine Reihe von Botschaften.
ES IST JETZT 9.00 UHR IN KARATSCHI
IST DIES DAS ERSTEMAL, DASS DU IHR BEGEGNET BIST?
DEIN VATER WÜRDE WAHRSCHEINLICH GERN VON DIR HÖREN
NUR DIE WAHREN ANTWORTEN SIND FALSCH
SIE HABEN DEN FALL OHNE GERICHT ERLEDIGT
WIR SIND ALLE EIN GUT TEIL WEISER
Das Ding langweilt und erschreckt mich. Ich schleudere es beiseite. Ich bin fast sicher, daß ich weder Cadge Foster, noch Lloyd Tennyson bin, doch ich mache mir Sorgen wegen der Kröte. Ich werde zu Lilith gehen, sobald ich hier herauskomme. Vielleicht sollte ich zuerst mit Clarissa sprechen. Mein Vater muß jetzt auf seinem Turm sein. Wie schreitet dieser große Bau voran? Wird er bald in Winternächten Botschaften von den Sternen empfangen?
»Meine Herren, wir hoffen, Sie werden bald wiederkommen«, sagt der lächelnde Alpha zu uns.
Wir gehen hinaus. Ich bin sie, sie sind ich. Wir sind wir.
Wir schütteln uns feierlich die Hände. Wir begeben uns zu den Transmatkabinen. Tugendsam, pflichtgetreu gehe ich zu Clarissa.
Die Anwälte trafen sich nach der Zerstörung von Alpha Kassandra Nucleus dreimal in der Woche. Die erste Besprechung fand statt in den Büros der Krug-Enterprises, die zweite im Hauptquartier der Labrador-Transmat-Gesellschaft, die dritte im Sitzungszimmer des Gebäudes des Chase/Krug-Konzerns, Fairbanks. Die Vertreter von Labrador-Transmat hatten vorgeschlagen, Krug solle einfach eine neue Alphafrau liefern und die Kosten ihrer Ausbildung übernehmen. Lou Fearon, Krugs Anwalt, wandte ein, das könnte Kosten verursachen, deren Höhe nicht im voraus bestimmbar wäre. Labrador-Transmat erkannte die Berechtigung dieses Einwands an, und es wurde ein Kompromiß erreicht, nach welchem Krug-Enterprises der Labrador-Transmat das Besitzrecht auf eine unausgebildete Duluth-Alphafrau zusprach und sich einverstanden erklärte, die Kosten ihrer Ausbildung bis zu einer Höhe von 10000 Dollar zu zahlen. Insgesamt dauerten diese drei Sitzungen zwei Stunden und einundzwanzig Minuten. Ein Vertrag wurde entworfen; Leon Spaulding unterzeichnete ihn im Auftrage von Krug, der auf den Mond gereist war, um einen kürzlich vollendeten Schwerkraftsteich für Gelähmte im Krug-Krankenhaus im Meer von Moskau zu inspizieren.
17. November 2218
Eine dünne, vom Wind angewehte Schneedecke hüllt die Ebene um den Turm ein; außerhalb des Baugeländes liegt der Schnee meterhoch, eishart gefroren. Ein trockener Wind bricht sich am Turm. Dem Zeitplan weit voraus, ist er jetzt über 500 Meter hoch und macht einen überwältigenden Eindruck in seinem kristallenen Glanz.
Die achtseitige Basis geht kaum wahrnehmbar in die Flächen des viereckigen Schafts über. Der Turm ist in Licht gehüllt. Sonnenglanz wird von seinen Flanken reflektiert, fällt auf die umgebenden Schneefelder, springt wieder hoch gegen die Glasmauern, wird von neuem zurückgeschleudert.
Die unteren zwei Drittel des bisher fertigen Baus sind jetzt in Stockwerke eingeteilt, während die Androiden, die mit der Montage der Außenhaut des Turmes beschäftigt sind, die Glasblöcke immer höher türmen, rücken die für den Innenausbau Verantwortlichen ihnen nach.
Die Installation der Tachyonstrahl-Anlage hat begonnen. Vier mächtige Stäbe aus glänzendem roten Kupfer, sechzig Zentimeter dick und Hunderte von Metern lang, werden innerhalb des Turms bis zu seiner halben Höhe ein fünffaches Rückgrat bilden, und die unteren Teile dieser großen Sammelschienen werden jetzt montiert. Ein durchsichtiger Mantel aus halbdurchsichtigem Glasfaserstoff, ein Meter im Durchmesser, umkleidet jede Schiene. Die Arbeiter schieben vierzig Meter lange Kupfersäulen in diese Mäntel und schweißen sie mit Laserstrahlen aneinander. Hunderte von Elektrikern überwachen das Einziehen von Leitungsdrähten In die schimmernden Innenwände des Turms, und Scharen von Mechanikern Installieren Rohre, Wellensteuergeräte, Frequenzumwandler, Strommesser, Fokusüberwachungsgeräte, Neutronenaktivierungselemente, Mössbauer-Absorber, Pulsanalysatoren mit zahlreichen Kanälen, nukleare Verstärker, Volttransformatoren, Cryostaten, Schaltblöcke, Widerstandsbrücken, Prismen, Torsionsprüfer, Sensoren, Entmagnetisierer, Polymatoren, magnetische Resonanzzellen, Thermoelementverstärker, Beschleunigungsreflektoren, Protonenakkumulatoren, alles durch Computer entsprechend ihrer Bestimmung etikettiert. Botschaften mit Tachyonstrahlen zu den Sternen zu schicken, ist ein schwieriges Unterfangen.
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