Das Schiff stieg steil in den Nachthimmel empor.
Aus dem Maschinenraum drangen jetzt rollende Geräusche. Vorneen versuchte nicht daran zu denken, was sich dort abspielte oder wieviel Zeit ihnen bis zur Explosion noch zur Verfügung stand. Sie legten ihre Sprungausrüstungen an.
»Wir werden weit voneinander entfernt landen«, sagte Vorneen, »vielleicht hundert Kilometer oder mehr.« Er sah Glairs ängstliche Augen, fuhr aber unbeirrt fort: »Es kann sein, daß wir bei der Landung verletzt oder gar getötet werden. Aber wir müssen springen. Mit etwas Glück werden wir irgendwie zusammenfinden.« Er riß einen Hebel herunter, der eine Luke absprengte, und der Notausstieg, den sie niemals zu benützen erwartet hatten, gähnte weit offen. Der atmosphärische Druck entwich schlagartig aus der Kabine, aber sie waren gegen Kälte und Luftleere durch ihre Sprunganzüge geschützt. Hastig drängten sie zur Öffnung.
»Raus«, sagte Vorneen zu Glair.
Sie sprang. Er sah mit kaltem Entsetzen, wie sie sich kreisend vom Schiff entfernte, in weitem Bogen ins Nichts eintauchte, so schnell, daß er fürchtete, sie habe das Bewußtsein verloren. Sie war ungeschickt gesprungen, schlechter als bei der Ausbildung. Aber das war schon lange her. Er verspürte ein elendes Gefühl im Magen: Glair mußte in den Tod gesprungen sein. Er fühlte einen Schmerz, wie er ihn nie gekannt hatte. Das Verlassen des Schiffes war nichts; aber Glair zu verlieren…
»Raus«, sagte Mirtin hinter ihm.
Und dann stieß Vorneen sich aus der Öffnung. Trotz seiner seelischen Qual führte er den Sprung perfekt aus. Es war der Augenblick, in dem Alpträume Wirklichkeit werden; jeder Beobachter träumte Hunderte von Malen von diesem Sprung, doch für die meisten blieb er ein Traum. Aber hier stürzte er in die Tiefe, vierzig Kilometer Leere unter sich, und dann ein Planet voll feindseliger Fremder, und Glair wahrscheinlich bereits tot. Doch mit einer seltsamen Ruhe betätigte er den Auslöser des Lebensrettungssystems und fühlte den plötzlichen Ruck des Abfangschirms. Er würde leben.
Und Mirtin?
Es war schwierig, hinaufzuschauen. Vorneen versuchte es, aber er war inzwischen Tausende von Metern unter dem Schiff und weit zurückgeblieben, und er konnte weder das Schiff noch irgendein Zeichen von Mirtin sehen. War er gesprungen? Natürlich war er gesprungen. Mirtin war ein Fetischist rationalen Denkens; für ihn gab es keine Panik der letzten Minute, kein Verbleiben an Bord des verlorenen Schiffes. Ohne Zweifel fiel auch Mirtin in diesem Augenblick durch die Nacht erdwärts, genauso, wie er es in der Sprungschule gelernt hatte. Vorneen blickte wieder unter sich.
Eine Sekunde später kam die Explosion.
Sie war bei weitem furchtbarer, als er vermutet hatte. Wäre sie einen Moment eher gekommen, während er idiotisch hinaufgeschaut hatte, hätte sie ihm die Augen herausgekocht. Der Himmel leuchtete im grellen Licht einer neuen Sonne auf. Er fühlte die Wärme an Rücken und Schultern, und die Sonne schoß durch den Himmel, einen breiten weißglühenden Schweif hinter sich herziehend, daß es aussah, als ob das Universum einen Riß bekommen hätte, durch den das Licht der ersten Schöpfung schien. Wie würde es von unten aussehen? Würden die Erdbewohner von Entsetzen und Panik ergriffen? Oder würden sie an einen großen Meteor glauben?
Da zog es über den Himmel, immer noch dem festgelegten Kurs folgend. Wenigstens würden keine Fragmente übrigbleiben, dachte Vorneen, keine geheimnisvollen Überreste, in denen die Erdbewohner herumstochern konnten: ein kleiner Trost. Aber dieses Licht! Dieses unmögliche Licht!
Vorneen wurde ohnmächtig.
Als er wieder zu sich kam, entdeckte er zu seinem Mißbehagen eine Reihe Häuser nicht tief unter seinen baumelnden Füßen. Noch tausend Meter, und er würde den Boden des Planeten berühren, den er so lange beobachtet hatte. Tiefer… tiefer…
Glair mußte inzwischen gelandet sein. Er versuchte nicht an ihr Schicksal zu denken. Er mußte sich darauf konzentrieren, Mirtin zu finden, je eher, desto besser, dann konnten sie zusammen auf die Rettungsmannschaft warten, die sie bald abholen würde. Einstweilen ging es ums Überleben. Er verfluchte das Geschick, das ihn so nahe der Zivilisation absetzte, wo es ringsum soviel Wildnis gab. Er tat, was er konnte, um von den Häusern wegzusteuern, zu dem flachen, buschbewachsenen Plateau in der Nähe.
Nun stürzte der Boden ihm entgegen. Mit einer solchen Landung hatte er nicht gerechnet. Schwebte man nicht sanft herunter? Nein. Nein. Er fiel wie eine Bombe. Wenn er die Richtung beibehielt, würde er glatt durch das Dach des letzten Hauses in dieser Reihe schlagen. Er mußte…
Er versuchte zu schwingen, aber die Abweichung betrug nur ein paar Meter.
Dann traf und betäubte ihn der wildeste Schmerz in seinem bisher fast schmerzfreien Leben, und der Mann von den Sternen überschlug sich und blieb still liegen, mehr tot als lebendig.
Im Büro des AFAO in Albuquerque war eine halbe Stunde nach dem Verschwinden der seltsamen Himmelserscheinung alles fertig. Die Mechaniker hatten voll geladene Batterien in die sechs elektrisch angetriebenen Raupenfahrzeuge gepackt; der Computer hatte bereits eine Karte geliefert, aus der die möglichen Aufschlagstellen etwaiger Trümmer hervorgingen; Bronstein, Colonel Falkners Adjutant, hatte die dienstfreien Männer zusammengetrommelt. Nun standen sie unbehaglich im Halbkreis vor der Leuchttafel im Hauptbüro und starrten auf die gestrichelte rote Linie, die die Bahn des unbekannten atmosphärischen Objekts darstellte.
Fünf Meter weiter, hinter der abgeschlossenen und verriegelten Badezimmertür, war Tom Falkner um seine Ernüchterung bemüht.
Auf der Fahrt vom Offizierskasino hierher hatte Falkner eine Antistim-Tablette geschluckt. Das waren praktische kleine Dinger, geeignet, einem alkoholvernebelten Geist in einer halben Stunde zur Klarheit zu verhelfen. Aber der Prozeß war nicht angenehm. Die Pillen beschleunigten alle körperlichen Vorgänge, einschließlich desjenigen, der den Alkohol aus dem Blut brannte. Unter dem Einfluß von Antistim-Tabletten waren die Ereignisse von sechs oder sieben Stunden auf zehn Minuten zusammengedrängt. Es war eine brutale Methode, aber sie wirkte. Wenn man einen ruhigen Abend genutzt hatte, um sich zielstrebig vollaufen zu lassen, und plötzlich entdeckte, daß es wichtig war, sich sofort wieder zu ernüchtern, gab es nur die Tabletten.
Falkner hockte auf dem Fliesenboden des Badezimmers und hielt sich mit beiden Händen am Handtuchhalter fest. Er zitterte. Große Schweißflecken zeichneten sich dunkel auf seinen Uniformstücken ab. Sein Gesicht war rot, sein Puls war auf Hundert geklettert und kletterte weiter, und das furchtbare Donnern seines Herzens war wie ein Trommelwirbel in seinem Brustkasten. Er hatte sich bereits übergeben und war so die letzten drei oder vier Gläser Scotch losgeworden, bevor sie tiefer ins Labyrinth seines Körpers einsickern konnten, und sein heftiges inneres Fegefeuer besorgte den Rest. Sein Gehirn begann sich zu klären. Dies war erst das vierte oder fünfte Mal in seinem Leben, daß er die Pillen genommen hatte, und jedesmal hoffte er, daß es das letztemal sein werde.
Nach langer Zeit stand er auf.
Seine Finger, die er zur Probe ausgestreckt vor sich hielt, wackelten und zuckten, wie wenn er einen Brief auf der Maschine tippte. Das Blut war aus seinem Gesicht gewichen. Falkner beäugte sich im Spiegel und schauderte. Er war ein großer Mann mit massigen Schultern, kurzgeschnittenem schwarzem Kraushaar, einem borstigen kleinen Schnurrbart und blutunterlaufenen Augen. In seinen Astronautentagen war er bemüht gewesen, sein Gewicht bei hundertfünfundsechzig Pfund zu halten, aber jene Tage waren längst vergangen, und nun war sein Knochengerüst reichlich ausgefüllt. Um die Wahrheit zu sagen, hatte er darüber hinaus noch einiges Fett angesetzt. In Uniform sah er bullig und massiv aus, ohne Uniform dickbäuchig und etwas aufgeschwemmt. Er war nicht stolz auf das, was in seinen mittleren Jahren aus ihm geworden war.
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